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Aus der Stadt Was würde auf die Stadt zukommen?
Hannover Aus der Stadt Was würde auf die Stadt zukommen?
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15:26 19.05.2015
Von Gunnar Menkens
Rückendeckung hat Hannover 96. Ob das für den Klassenerhalt reicht? Quelle: Petrow
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Hannover

Wenn alles schiefläuft, tickt die innere Uhr dieser Stadt in ein paar Monaten sehr anders. Es sind kleine Veränderungen im Gefüge, die für einen neuen Rhythmus im Alltag sorgen könnten. Dann, in der zweiten Liga, nach einem möglichen Abstieg, ist Anpfiff zu professionellen Fußballspielen bei Hannover 96 sonnabends um 13 Uhr, für manch einen also kurz nach dem Frühstück, zwei Stunden früher als jetzt. Nur für die wenigsten dürfte das die Zeit fürs erste Bier beim Fußballgucken sein, vielleicht ist es noch Zeit für das Patchworkkind auf dem Spielplatz. Auch möglich, dass ein Spiel um 13.30 Uhr am Sonntag beginnt oder montags zur Tagesschau. Gegner werden kommen, die nicht ein paar Tausend Fans mitbringen aus Bayern oder Bremen. In der Kurve schwenken dann mitreisende junge Männer Fahnen für Mannschaften aus Sandhausen, Aalen oder den Fußballsportverein Frankfurt. Wenn im Hauptbahnhof ein Zug aus dem Erzgebirge Einfahrt hat mit Männern drin, die sächsisch singen, dann weiß man: Zweite Liga, Hannover ist dabei.

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Diese Vorschau ist natürlich sehr aus dem Zusammenhang der Tabelle gerissen, eine Etage tiefer spielen im Profifußball auch Großstadtvereine aus Leipzig und München. Was dennoch für Hannover bleibt, ist das Gefühl: Untenrum wird alles weniger. Weniger Zuschauer im Stadion, der Reihe nach freie Sitzschalen. Weniger Umsätze dort, wo Fußball Umsatz und Jobs schafft. In Kneipen mit Bezahlfernsehen, Hotels, Sicherheitsdiensten, Catering, Programmheften, Werbung. Die Aufmerksamkeit wird nachlassen, weil die eigentliche Musik woanders spielt, bei den Clubs mit den teuren Spielern, die in Hannover keine Station mehr machen.

Nicht auszuschließen, dass sich Mitglieder der sogenannten Stadtgesellschaft ebenso neu orientieren müssen wie Eltern, die neue Anstoßzeiten in ihren Patchworkalltag integrieren müssen. Bundesliga, das war immer ein sicherer Ort, um im VIP-Bereich diesen und jenen zu treffen und über dieses und jenes Thema zu reden. Themen auch außerhalb vom Sport. Man trifft sich in Logen, wird eingeladen, sitzt, gut gepolstert in jeder Hinsicht, auf roten Osttribünensitzen. Heimspiele von Hannover 96 sind bislang der einzige regelmäßige Anlass, zu dem Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport zusammenkommen. Bange Frage: Wo stellt sich künftig die B-Prominenz aus? Einer, dessen Beruf es ist, den Stadtstolz zu mehren, sagt: „Hannover in der Bundesliga, da wird mit einem ganz anderen Stadtstolz über den Verein gesprochen.“

Noch ist nichts verloren. Noch sitzen manche im Stadion und rechnen, was sie einsparen könnten ohne die teure Dauerkarte für die nächste Saison. Eine hübsche Summe, das schon. Bis dieser Bremer Freistoßball ins Tor segelt und mit ihm die Gewissheit, dass es im Leben keine Garantie dafür gibt, dass die Dinge ausgehen, wie man es sich wünscht. Es sind Momente, in denen man spürt, wie es ist zu verlieren, was man jahrelang hatte. Der Abstieg wird real. Man möchte plötzlich lieber noch ein Jahr diese Karte bezahlen.

Ein Bonus in der Wahrnehmung

Starker Gegner: Pereira Da Silva (l.) und Bayerns Thomas Müller im März in der HDI-Arena. Quelle: dpa

Image ist das, was man weder sehen noch in eine Bilanz schreiben kann. Wie eine Stadt wahrgenommen wird, lässt sich ebenfalls nicht messen, aber es gibt Gelegenheiten, bei denen es sich bemerkbar macht. Hannovers Marketing-Chef

Hans Nolte sagt: „Hannover 96 in der ersten Bundesliga ist einer der stärksten Botschafter überhaupt für den Standort Hannover.“ Die Werbeleistung, die in Berichterstattung der Medien besteht, gehe weit über Deutschland hinaus. Standortmarketing könne das nicht ansatzweise leisten. Unbezahlbar also, wenn ein Club, der den Namen seiner Stadt trägt, auf allen Kanälen unterwegs ist. Die erste Bundesliga, sagt Nolte, ist die Verortung der großen Städte in Deutschland. Dabei zu sein, das sei ein „Bonus“ in der Wahrnehmung.

Ein Spiel der ersten Liga bringt mehr Geld in die Stadt, als es eine Saison in der Spielklasse darunter tun dürfte. Nolte sagt, dass ein Tagesbesucher im Schnitt 23 Euro in Hannover lässt, das Ticket nicht gerechnet. Mehr als 100 Euro gebe aus, wer über Nacht bleibe. 

Dass Fans eine erhebliche Einnahmequelle für die Wirtschaft einer Stadt sind, war auch das Ergebnis einer Untersuchung für die Städte Wolfsburg und Leverkusen. Danach blieben in Wolfsburg 10 Millionen Euro, in Leverkusen 15 Millionen Euro hängen – Geld, das Stadionbesucher abseits des Spiels ausgaben.

Abstieg kostet Club 30 Millionen Euro

Hat schon bei Mönchengladbach unterschrieben: Lars Stindl. Quelle: Treblin

Martin Kind ist weiter fest davon überzeugt, dass 96 erstklassig bleibt. Dennoch hat er sich Anfang April die Verträge aller 96-Profis durchgelesen und zu „meiner eigenen Überraschung“ festgestellt, dass mehr als zwei Drittel der Spieler Verträge haben, die auch für die zweite Liga gelten würden. Genau das ist das Problem, könnten jetzt Kritiker einwenden, denn viele Spieler waren in der laufenden Saison eine große Enttäuschung. Insgesamt neun Verträge laufen aus, unter anderem die von Leon Andreasen, Jimmy Briand, Didier Ya Konan oder Jan Schlaudraff. Kapitän Lars Stindl hat bereits bei Borussia Mönchengladbach unterschrieben. Im Falle eines Abstiegs – das gibt Kind zu – wären auch Weltmeister Ron-Robert Zieler, Salif Sané, Joselu oder Marcelo nicht zu halten. 96 würde allerdings Ablösegeld für sie bekommen. Der Vertrag von Trainer Michael Frontzeck gilt nur bis Saisonende; Kind sagt, für die neue Saison, egal wo, sei er „der erste Ansprechpartner“. Dass Kind kürzlich für den Fall des Abstiegs angekündigt hat, auch mit Ex-Trainer Mirko Slomka sprechen zu wollen, hat im Umfeld des Clubs für Kopfschütteln gesorgt. Mit Sportdirektor Dirk Dufner, verantwortlich für die schlecht zusammengestellte Mannschaft, will Kind „offen darüber reden, wie es weitergeht“. Eine Trennung von Dufner gilt als sicher.

Ein Abstieg wäre für die „Roten“ finanziell schwerwiegend. Kind rechnet mit einem „Minderumsatz von 30 Millionen Euro“. Vom 80-Millionen-Euro-Etat für die aktuelle Saison geht knapp die Hälfte für Spielergehälter drauf. In der 2. Liga plant Kind mit einem Umsatz von 35 Millionen (ohne Transfererlöse) und Lohnkosten von etwa 20 Millionen Euro. Entlassungen in der Geschäftsstelle oder im Fanshop soll es zumindest in Jahr eins nach dem Abstieg nicht geben.

Von Heiko Rehberg

Die Stadt zahlt für das Stadion

Im Abstiegsfall teuer: Die umgebaute HDI-Arena. Quelle: Julian Stratenschulte

Sehr genau vorhersehbar ist die Summe, die ein möglicher Abstieg von Hannover 96 die Landeshauptstadt kosten würde: 850 000 Euro. Diese Summe ist im Konzessionsvertrag festgeschrieben, den Kommune und Club für die Zeit von 2003 bis 2030 abgeschlossen haben. Darin verpflichtet sich die Stadt, dem Verein in Jahren sportlicher Zweitklassigkeit einen Betriebskostenzuschuss für die Arena zu zahlen. Diese 850 000 Euro bekommt 96 auch in den ersten beiden Jahren nach einem Wiederaufstieg, danach würde sie stufenweise auf null reduziert. Der Konzessionsvertrag wurde geschlossen, als das Niedersachsenstadion für die Weltmeisterschaft 2006 umgebaut wurde.
Als Steuerzahler spielt der Bundesligist dagegen kaum eine Rolle und ist mit Konzernen nicht vergleichbar. Weit unterhalb einer Million Euro soll die Summe liegen, die der Verein der Landeshauptstadt jährlich bringt. Weniger Steuern dürften indes diejenigen Profis bezahlen, die in der zweiten Liga Pässe für weit geringere Löhne schlagen als bisher.

Nur das Finanzamt profitiert

Nicht auszuschließen, dass ein Sturz in die zweite Liga womöglich doch einen Sieger kennt: das örtliche Finanzamt. Vorherzusagen ist das bei den Unwägbarkeiten des Marktes nicht, im Prinzip gilt jedoch: Einnahmen aus Ablösesummen sind grundsätzlich zu versteuern. Verkauft Hannover 96 zum Beispiel den Nationaltorwart Zieler für, sagen wir: 8  Millionen Euro, taucht diese Summe in der Bilanz auf. Berufsfußballer gelten als immaterielles Wirtschaftsgut, das der besitzende Club nutzen darf.

Verkürzt gesagt: Das Finanzamt setzt bei einem Transfer frühere Anschaffungskosten (dazu gehören Ablösesumme und Beraterhonorare, abzuschreiben über die Vertragsdauer) ins Verhältnis zum Verkaufspreis. Liegt das Ablösegeld über dem Restbuchwert in der Bilanz, muss ein Club nach einem Verkaufstransfer Ablösesummen versteuern. Umgekehrt kann er von der Steuer absetzen, wenn die Ablösesumme den Restbuchwert unterschreitet.

Manchmal behaupten Kommentatoren der Fußballszene, Spieler seien Menschen und keine Maschinen. Buchungstechnisch betrachtet ist das falsch.

19.05.2015
Andreas Schinkel 15.05.2015
15.05.2015