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Aus der Stadt Frau erlebt ein zehnmonatiges Martyrium
Hannover Aus der Stadt Frau erlebt ein zehnmonatiges Martyrium
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20:34 08.12.2015
Von Tobias Morchner
Kevin K. mit Verteidiger Matthias Fiedler im Amstgericht.  Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Es war ein zehnmonatiges Martyrium, das die heute 20-jährige Lina G. während ihrer Beziehung zu dem 24-Jährigen Kevin K. durchlitten hat. Regelmäßig prügelte ihr damaliger Freund auf die hilflose junge Frau ein - mal mit der flachen Hand, mal mit der Faust oder dem Griff einer Suppenkelle, bis das Opfer blutüberströmt war. Vor dem Amtsgericht sind jetzt 17 Taten zwischen dem 1. November 2012 und dem 28. Oktober 2013 angeklagt. Dazu kommt ein Übergriff auf eine andere Frau und der Handel mit Drogen.

Einige der Taten räumte Kevin K. halbherzig über seinen Rechtsanwalt Matthias Fiedler ein. Ein Wort der Reue oder der Entschuldigung kam dem Angeklagten, der derzeit von Arbeitslosengeld 2 lebt und ein unbezahltes Praktikum absolviert, nicht über die Lippen, obwohl die beiden Opfer und deren Eltern als Zeugen vor Gericht auftraten.

Kevin K. und Lina G. kannten sich über gemeinsame Freunde und gingen regelmäßig in den heute nicht mehr existenten Club Kollektiv, eine Diskothek für elektronische Musik in der Innenstadt. Im November 2012 kamen die beiden schließlich zusammen, Lina G. war zu diesem Zeitpunkt erst 17 und ging noch zur Schule. „Am Anfang war er sehr nett, ich hätte nie gedacht, was für ein schlechter Mensch er ist“, sagt die junge Frau in ihrer Vernehmung. Doch schon bald zeigte sich ihr neuer Freund von seiner anderen Seite. Bei nichtigen Anlässen rastete K. aus. „Er hat mir nie den Grund für seinen Ärger genannt, ich sollte immer von selber drauf kommen, und wenn mir das nicht gelang, musste ich mich in Unterwäsche bekleidet stundenlang an die Wand in seinem Schlafzimmer stellen“, berichtet die junge Frau. Geschlagen habe er sie immer nur auf die Beine und auf den Hinterkopf, „an Stellen, wo es nicht so auffällt“, sagt Lina G. War eine Verletzung doch deutlicher zu sehen, sperrte Kevin K. seine Freundin in seiner Wohnung ein und ließ sie nicht zur Schule.

Die Eltern der jungen Frau, die damals in Großburgwedel lebten, schöpften schnell Verdacht und versuchten immer wieder, ihre Tochter zu einer Anzeige bei der Polizei zu bewegen. „Er hat mich so stark unter Druck gesetzt und mich bedroht, dass ich diesen Schritt lange nicht gewagt habe“, sagt Lina G. vor Gericht. Erst als ihr Vater sie mit einem frischen blauen Auge aus der Wohnung des jungen Mannes in Döhren abholte, wendete sich das Blatt, und die Familie erstattete Anzeige. „Dieser Mann ist eine tickende Zeitbombe und hat sein Recht auf Freiheit verwirkt“, sagte die Mutter bei ihrer Aussage, nicht ohne sich von Amtsrichter Koray Freudenberg eine Rüge dafür einzuhandeln. Der Prozess wird am 16. Dezember fortgesetzt.

Jörn Kießler 11.12.2015
Uwe Janssen 11.12.2015