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Aus der Stadt Für Hannovers Pfarrer ist die Adventszeit kaum besinnlich
Hannover Aus der Stadt Für Hannovers Pfarrer ist die Adventszeit kaum besinnlich
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10:25 22.12.2010
Von Simon Benne
Pfarrer Johannes Lim an seinem Schreibtisch. Quelle: Martin Steiner
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Ehe er sich setzt, zündet er erst einmal eine Kerze an. So viel Zeit muss sein. Denn gerade, wenn man viel zu tun hat, darf nicht aus dem Blick geraten, dass das scheinbar Unwesentliche in Wirklichkeit oft das Wesentliche ist. Entspannt und gut gelaunt wirkt Johannes Lim, als er sich in seinem Büro an der St.-Heinrich-Kirche in der Südstadt zurücklehnt. Dabei hat der Tag für den 45-Jährigen früh begonnen, um sechs Uhr morgens, mit einer Rorate-Messe, wie sie Katholiken in der Adventszeit zur Vorbereitung auf Weihnachten feiern.

Die Gemeinde von Pfarrer Lim, dessen Familie aus Indonesien stammt, ist keine beschauliche Pfarrei alten Schlages. Sie ist ein moderner Großbetrieb. Im September entstand durch Fusionen mit St. Elisabeth und St. Clemens die neue Gemeinde St. Heinrich, die von der Calenberger Neustadt bis zur Bult, vom Maschsee bis zur Oststadt reicht. Pfarrer Lim ist zuständig für drei Kirchen und 10 200 Gläubige. Priestermangel, Mitgliederschwund und sinkende Steuereinnahmen standen Pate an der Wiege dieser neuen Großgemeinden, in denen ein Pfarrer sich förmlich zerreißen muss, um allen gerecht zu werden. Besonders im Advent. In der Zeit der Besinnung.

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„Bald ist die Kindergartenandacht, dann sind da die Seniorenadventsfeiern und der Altenheimgottesdienst“, zählt Lim auf. In St. Clemens hat die Suppenküche in diesen Tagen mit der Essenausgabe begonnen. Außerdem stehen dort täglich bis zum 23. Dezember um 21 Uhr Abendandachten auf dem Programm, sogenannte Novenen. Auch die Sonntagsgottesdienste sind besonders festlich gestaltet, von Kinderchor, Singkreis oder Posaunenchor. Zwei Jugendliche wollen noch vor Weihnachten getauft werden, und Beerdigungen gibt es natürlich auch im Advent. Gestorben wird immer. „Wie viele Konzerte es in den drei Kirchen im Dezember gibt, weiß ich gar nicht genau“, sagt Pfarrer Lim. „Ich werde nicht jedes besuchen können.“ Großstadtpriester wie ihn hat man „Manager des Mysteriums“ genannt, und nimmt man seinen Terminkalender zum Maßstab, versteht man, wie das gemeint ist.

Bereits an gewöhnlichen Wochenenden stehen in Lims drei Kirchen sechs Messfeiern auf dem Programm. „Ich versuche, an allen Orten präsent zu sein“, sagt er. Doch würden zum Priesterteam der Gemeinde nicht noch Propst Martin Tenge und zwei Kapläne gehören, wäre es nicht zu schaffen. „Die Gottesdienstplanung ist immer eine Herausforderung“, sagt Lim. Noch dazu bleiben Kapläne, angehende Pfarrer also, meist nicht lange in einer Gemeinde. „Ohne sie würde es eng“, sagt er.

Dazu kommt, dass die neue Großgemeinde sich erst noch finden muss: Die Offenheit unter den drei früheren Gemeinden füreinander sei gewachsen, sagt Lim. „Aber natürlich haben es Menschen immer schwer, mit Veränderungen zurechtzukommen.“ Noch hat jeder Kirchort seine eigene Sonntagsmesse. Doch als die Zeiten der Gottesdienste verändert wurden, nahm die Zahl der Besucher prompt ab. Bei der Wahl des neuen Pfarrgemeinderats im November lag die Beteiligung bei gerade einmal vier Prozent: Offenbar waren viele Kandidaten, die aus den jeweils anderen Kirchorten stammten, einfach noch zu unbekannt. „Das Bewusstsein, dass wir jetzt eine Gemeinde sind, muss über Jahre wachsen“, sagt Lim.

Allerdings spricht er auch von Synergieeffekten und einem neuen Reichtum: „Die kirchliche Musikband kreuz:weise, die aus St. Heinrich stammt, spielt jetzt auch bei Familiengottesdiensten in St. Elisabeth“, sagt er. Die Verwaltung ist unbürokratischer geworden: Kirchenbücher werden nun zentral in St. Heinrich geführt, und vor der Erstkommunion gab es einen gemeinsamen Vorbereitungskurs. „Früher gehörte zu jeder Kirche ein Pfarrer. Jetzt sind wir vier Priester – das ist doch auch eine neue Vielfalt“, sagt Lim.

Er selbst hat sich damit abgefunden, dass manche Adventsfeier auch ohne ihn über die Bühne gehen muss. Vielleicht wirkt er deshalb so entspannt, als würde der Vorweihnachtsstress an ihm abperlen. „Mit Gottvertrauen kann man gelassen bleiben, auch wenn viele Dinge auf einen zukommen“, sagt er. Stress ist meist menschengemacht, und Weihnachten ist gottgegeben. „Das Wesentliche am Fest ist ja nichts, was von uns abhängt“, sagt Lim. „Es ist etwas, das uns geschenkt wird.“