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Aus der Stadt Was bleibt von Hannovers Gemeinden?
Hannover Aus der Stadt Was bleibt von Hannovers Gemeinden?
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00:15 08.06.2013
Die Vahrenwalder Kirche wird aus Kostengründen abgerissen. Quelle: Emine Akbaba
Hannover

So geht es los: Frei werdende Arbeitsplätze werden nicht neu besetzt. Finanzchefs halbieren Stellen. Von ganz oben heißt es, keiner werde entlassen. Mitarbeiter beginnen, Vorruhestandsregelungen und Abfindungen zu kalkulieren. Die Institution sucht Kooperationen mit benachbarten Partnern. Schweren Herzens trennt sie sich von Filialen, die zu teuer sind. Interne Debatten kreisen darum, was die Seele des Betriebs ausmacht: Was muss bleiben, unbedingt? Und was kann weg? Angestellte sagen, dass mit weniger Leuten nicht alles so bleiben könne, wie es sei.
Wenn genau so ein Unternehmen in der Krise aussieht, dann ist der evangelische Stadtkirchenverband in Bedrängnis.

Der Gemeinderaum einer hannoverschen Kirchengemeinde, auf dem Tisch Kaffee und Wasser, draußen herrscht die übliche Wettertrübnis der letzten Maitage. Diakonin Uta Habemeister hat sich entschlossen, über die Kirche zu erzählen. Darüber, wie es ist, wenn ständig das Geld im Mittelpunkt steht bei einem Arbeitgeber, der doch Menschen in den Gemeinden Hilfe und Stütze sein will. Dass sie anonym bleiben will und ihren wirklichen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, ist kein gutes Zeichen für die Lage. „Die nächste Sparrunde kommt bestimmt, da bleiben alle in Deckung“, sagt sie. In schlechten Zeiten, bedeutet solche Vorsicht, möchte niemand auf Vergebung durch irdische Chefs angewiesen sein.

Diakone sind hauptamtliche Mitarbeiter mit Vollzeitstellen oder befristeten Verträgen. Sie kümmern sich um Konfirmanden, Senioren, Jugendbildung, sie leiten Gruppen zu verschiedenen Themen und Projekten, helfen im kirchlichen Alltag und sind Ansprechpartner für alles, was junge und alte Menschen beschäftigt. Ihr Anteil am Kirchenvolk ist exakt bemessen. Für jeweils 3000 Mitglieder einer Gemeinde soll es 0,2 Diakoniestellen geben.

Das jüngste Sparprogramm hat nun dazu geführt, dass Diakone seit Januar nicht mehr bei den Gemeinden angestellt sind, sondern direkt beim Stadtkirchenverband. 26 Vollzeitstellen wechselten, nur 14 davon blieben für den Einsatz in Gemeinden. Einige Diakone betreuen nicht mehr eine einzige Gemeinde, sondern zwei oder sogar drei. Für den Alltag, sagt Uta Habemeister, bedeutet das: „Alle erwarten trotzdem, dass alles so weitergeht wie bisher. Aber wir müssen besprechen, was noch geht und was nicht.“ Weniger Arbeitszeit, das bedeute auch weniger Beratung, weniger Gespräche, weniger Jugendfreizeit. Weniger Hilfe. Sie glaubt, dass die Kirche den falschen Weg einschlägt.

In der Zentrale der evangelischen Kirche ist Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann der Mann, der diese Sparkonzepte vertreten muss. Er ruft aus dem Taxi an, zwischen zwei Terminen, aber er nimmt sich Zeit, seine Sichtweise zu erläutern. Die Situation der Kirche vergleicht er mit einer Familie aus glücklicheren Jahrzehnten. „Da lebten die Eltern mit ihren Kindern in einem schönen Haus. Dann zogen die Kinder aus, und plötzlich wohnt ein Mensch allein in einem viel zu großen Gebäude.“ Ein Mensch, der dieses Haus nicht bezahlen kann, muss man wohl hinzufügen. Heinemann predigt Realitätssinn.

Die Kirche hat stetig weniger Geld zur Verfügung, weil immer weniger Steuern hereinkommen. Verband und Gemeinden haben auf diese Entwicklung reagiert. Wo es zu wenige Gläubige gab und Gottesdienste leer blieben, fusionierten Gemeinden. Manche Kirche ist entweiht und verkauft worden. Gemeindemitgliedern standen Tränen in den Augen, wenn sich der Schlüssel das letzte Mal in einer Kirchentür umdrehte. Die evangelische Kirche hat Gotteshäuser an jüdische Gemeinden verkaufen müssen, die es sich leisten konnten. Manches Eigentum ist vermietet. In Stöcken kam es so weit, dass die Corvinus-Gemeinde vor Gericht zog, um ihre Kirche loswerden zu können. Sie wollte verhindern, dass die Kirche unter Denkmalschutz gestellt wird, sie wäre dann schwieriger zu verkaufen. In erster Instanz gewann die Gemeinde – nicht alle Menschen dort empfanden das als Sieg. Quer durch die Stadt geht das so. Die evangelische Kirche schrumpft.

Das knapper werdende Geld, dieses flüchtige Gut, muss aufgeteilt werden. In Verwaltung, Personal und Gebäude. Heinemann versteht so etwas als Herausforderung, als Konfrontation „mit dem wirklichen Leben, die auch kreativ macht“. Manche Gemeindevorstände verstehen  sich inzwischen darauf, mit findigen Methoden ihren gewohnten Diakon zu erhalten. Sie beschließen, Gebäude lieber später zu sanieren. Einige Gemeinden sammeln über Freundeskreise und Fördervereine Geld, damit Diakone Kinder- und Jugendarbeit fortsetzen können. Die ehrenamtliche Arbeit wird so durch weitere freiwillige Spenden erneut strapaziert. Die Kirche funktioniert auch wegen solcher Selbsthilfegruppen.

Uta Habemeister erlebt trotz dieses Engagements „Phasen, wo der Frust sehr hoch ist“. Und die nächste Sparrunde ist bereits angekündigt. Sie beginnt wohl 2017 – bis dahin gibt Heinemann eine Jobgarantie für alle Diakone, die aus der Kirchensteuer bezahlt werden. Die Diakonin fürchtet, dass danach jede zweite Gemeinde verschwinden könnte. Und weil sie unbedingt der Meinung ist, knappes Geld für Menschen statt Steine zu verwenden, wünscht sie sich eine große Debatte in der Kirche. Wofür soll das Geld, das immer weniger wird, ausgegeben werden?

Es könnte eine Debatte sein, die sehr weit reicht. Welche Gemeinde mit Stolz auf das eigene Schaffen könnte Aufgaben ans Diakonische Werk abgeben? Eigentlich, sagt die Diakonin, müsse man loswerden, was ein Kostenfaktor ist. Zugige Gebäude, teuer im Unterhalt und im Alltag unpraktikabel. Es gebe „Besitzstandswahrung“, überall im Stadtkirchenverband. Das Haus der evangelischen Jugend? Nun ja. Dass der Sparkurs Diakone getroffen hat, und damit die Menschen vor Ort, das gefällt ihr nicht. „Vielleicht“, sagt sie, „muss die Not noch größer werden, um sich von Gebäuden zu trennen.“

Für Diakone ist die neue Situation indes nicht nur schlecht. Einigen habe der Wechsel gefallen, eine neue Aufgabe in einer neuen Gemeinde habe auch ihren Reiz. Und das Dach des Stadtkirchenverbandes biete zudem mehr Sicherheit für die Beschäftigung als es finanzschwache Gemeinden und die Abhängigkeit vom Spendenaufkommen bieten könnten. Habemeister erinnert sich an Situationen, als Vorstände über betriebsbedingte Kündigung nachdachten.

Eine Prognose sagt der hannoverschen Kirche weitere Verluste voraus, an Mitgliedern und Einnahmen. Kann irgendwann der Moment erreicht sein, wo es sich nicht mehr lohnt, den Betrieb am Leben zu halten? Dann gibt es vielleicht noch Zehntausende passive Mitglieder, die gerne einen sicheren Platz auf dem Friedhof hätten und weiter Steuern zahlen. Nur im Gottesdienst sieht man sie kaum.

Kann es passieren, dass die Menschen in Krisenzeiten und nach Katastrophen doch wieder Trost in einem Gottesdienst suchen, aber die Kirche nicht mehr dort steht, wo sie immer stand, längst verkauft an einen Supermarkt?

Nein, sagt Uta Habemeister, fast schon ein wenig entrüstet, solch eine Vorstellung hält sie für blanken Unsinn. Die Kirche verschwinde nicht wie ein Unternehmen vom Markt, schon aus einem einfachen Grund: „Wir haben ja eine gute Botschaft.“

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