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Aus der Stadt Tage der Angst
Hannover Aus der Stadt Tage der Angst
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00:16 23.08.2014
Von Jörn Kießler
Der Spielplatz an der Liebermannstraße war am Mittwoch verwaist. Seit der kleine Junge am Montag verschwand, haben die Anwohner Angst um ihre Kinder. Quelle: Körner
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Garbsen

Zwischen den Natursteinen direkt unter der Wasserpumpe wuchert das Unkraut. Auch das Klettergerüst ein Stück weiter und die Schaukel sind verwaist. Der Spielplatz zwischen den gelben Klinkerbauten wirkt verlassen. Als habe hier schon seit Monaten kein Kind mehr gespielt. „Normalerweise ist es hier brechend voll“, sagt Michaela Sauthoff. „Gerade in den Ferien.“ Seit vor drei Tagen aber ein fünfjähriger Junge am helllichten Tag aus der Siedlung verschwand, ist es an der Liebermannstraße ruhig geworden.

Wie es aussieht, hat ein Unbekannter den kleinen Jungen am Montagmittag gegen 13 Uhr angesprochen und in sein Auto gelockt. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann danach mit dem Kind in eine Wohnung fuhr und es dort sexuell missbrauchte. Zwei Stunden später alarmierte eine Passantin die Polizei, nachdem sie beobachtet hatte, wie ein Geländewagen vor der IGS Vahrenheide-Sahlkamp hielt. Gegenüber der Polizei sagte sie später aus, dass der Fahrer aus dem metallicfarbenen Auto ausstieg, den Jungen auf der Beifahrerseite vom Rücksitz klettern ließ und ihn zu einer Hauswand führte. Dort ließ der Täter den Fünfjährigen allein zurück.

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„Zu dieser Zeit wurden wir hier allmählich nervös“, sagt Sauthoff. Die 33-Jährige kennt die Familie des Jungen. Sie selbst hat einen Sohn, der häufig zwischen den Mehrfamilienhäusern in der Berenbosteler Wohnsiedlung spielt. „Wir haben schnell bemerkt, dass der Kleine weg war“, sagt sie.

Da aber auch das Fahrrad des Jungen verschwunden ist, gehen die Eltern und deren Freunde anfangs davon aus, dass er wegen des Regens mit einem anderen Kind nach Hause gegangen ist oder sich vielleicht verlaufen hat. Als die Suche auch nach mehr als eineinhalb Stunden keinen Erfolg bringt, will die Familie die Polizei alarmieren.

„Zu diesem Zeitpunkt waren wir aber bereits von der Zeugin in Vahrenheide angerufen worden, und Kollegen hatten den Jungen abgeholt“, sagt Polizeisprecherin Martina Stern. Am Tatort, der Liebermannstraße, machen sich Beamte kurz darauf auf die Suche nach dem Fahrrad des Kindes. Sie werden schließlich im Keller eines Hauses fündig. Ein anderes Kind hatte das blaue Kinderrad mit den auffälligen roten Schutzblechen an der Straße gefunden und mit nach Hause genommen.

In der Siedlung herrscht seit dem Bekanntwerden der Tat Beklemmung. „Normalerweise sind die Kinder im Sommer von morgens bis nach neun Uhr abends auf der Straße und spielen“, sagt ein Ehepaar, das dort lebt. Auch zwei Tage nach der Tat liefern sich ein paar Jungen ein Rennen mit Fahrrädern und einem Tretauto. Ein paar Meter weiter pflücken Mädchen Löwenzahn auf einer Wiese. Regelmäßig kann man aber auch Erwachsene beobachten, die besorgt aus den Fenstern der vierstöckigen Häuserblöcke schauen, wenn sie nicht sogar vor den Eingangstüren stehen. „Wir können die Kinder ja schlecht den ganzen Tag in der Wohnung einsperren“, sagt die Schwägerin von Michaela Sauthoff. Auch die 29-Jährige wohnt mit Mann und Kindern in der Siedlung. „Wir hätten nie damit gerechnet, dass hier so etwas passiert“, sagt sie. Jetzt halte man aber natürlich die Augen offen.

Chronik

  • Montag, 3. März, 17.15 Uhr: Ein 10 Jahre altes Mädchen wird von einem etwa 40 Jahre alten Mann zu sexuellen Handlungen gezwungen.
  • Dienstag, 6. Mai, 9 Uhr: Ein 28 bis 30 Jahre alter Mann greift eine Joggerin mit einem Messer an. Der Täter zerrt die 31-Jährige in ein Gebüsch und vergewaltigt die junge Frau.
  • Sonntag, 25. Mai, 12.30 Uhr: Ein 30 bis 40 Jahre alter Mann greift eine 39 Jahre alte Frau nahe der IGS Garbsen an. Der Täter würgt sein Opfer und will sie offensichtlich vergewaltigen. Als plötzlich Fahrradfahrer auftauchen, flüchtet der Mann.
  • Sonnabend, 16. August, 13.15 Uhr: Ein etwa 30 Jahre alter Mann greift ein Mädchen im Klosterforst nahe des Marienwerder Friedhofs an und bedroht sie mit einem Messer. Er zerrt die 15-Jährige auf einen Trampelpfad und zwingt sie, ihn sexuell zu befriedigen. Eine Joggerin, die zufällig vorbeikommt, überrascht den Täter, der daraufhin flüchtet und sein Fahrrad am Tatort zurücklässt.
  • Montag, 18. August, 13 Uhr: Ein Unbekannter lockt einen fünfjährigen Jungen in einen metallicfarbenen Geländewagen und verschwindet. Zwei Stunden später setzt er ihn vor der 13 Kilometer entfernten IGS Vahrenheide-Sahlkamp ab und verschwindet. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter das Kind in der Zwischenzeit in einer Wohnung missbraucht hat.

Auch die Polizei hat die Präsenz in dem Gebiet erhöht. Währenddessen laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Kurz nach der Tat wurde eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, die die wenigen Beweise sichtet, Zeugenaussagen auswertet und versucht, so einen Hinweis auf die Identität des Täters zu bekommen. „Wir haben leider keine Beschreibung des Täters“, sagt Behördensprecherin Stern. Selbst die Marke des Autos konnte die 36 Jahre alte Zeugin nicht benennen. Einen Zusammenhang mit dem Übergriff auf eine 15-Jährige zwei Tage zuvor schließen die Ermittler aus.

Ein etwa 30 Jahre alter Mann hatte das Mädchen am Sonnabend in einem Waldstück am Marienwerder Friedhof in ein Gebüsch gezerrt und gezwungen, ihn sexuell zu befriedigen. Erst eine Joggerin, die auf dem Trampelpfad im Klosterforst unterwegs ist und gegen 13.15 Uhr zufällig den kleinen Weg einschlägt, der auf die Anhöhe zum Obelisken führt, kann das Schlimmste verhindern. Der überraschte Täter lässt von seinem Opfer ab und flüchtet. Zurück bleibt sein Fahrrad, an dem die Polizei nun nach Hinweisen nach dem Mann sucht.

„Hier ist auch meine Joggingrunde, die ich mehrmals die Woche laufe“, sagt Oliver Pape. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in diesem kleinen Wald möglich ist.“ Selbst unter der Woche ist am Tag reger Betrieb auf dem Friedhof, der keine 30 Meter vom Tatort entfernt ist. An Sonnabenden kommen viele Besucher, die Blumen auf den Gräbern ablegen. Am Tag des Übergriffs hat offenbar aber niemand etwas beobachtet.

Zweimal schon ist es zuvor in diesem Jahr in Garbsen schon zu sexuell motivierten Taten gekommen. Am Schwarzen See missbraucht Anfang März ein etwa 40 Jahre alter Mann ein zehnjähriges Mädchen. Zwei Monate später wird eine Joggerin von dem gut frequentierten Rundweg um das Gewässer gezerrt und vergewaltigt. Drei Wochen später entgeht eine 39-Jährige nur knapp einer Vergewaltigung. Jedes Mal schlagen die Täter am helllichten Tag zu.

Auch im Fall der Entführung des Fünfjährigen scheint der Täter gezielt in die Straße gefahren zu sein, die den ganzen Tag von Kindern bevölkert wird. Zwei Tage danach ist sie fast leer. Nur ein junges Paar steht stumm mit seinen zwei Kindern auf dem Gehweg. „Wir kennen den Jungen nicht“, sagt die Frau. „Wir wohnen aber auch erst seit zwei Monaten hier.“ Sie und ihr Mann lebten vorher im Garbsener Stadtteil Auf der Horst. Wegen ihrer beiden Kinder zogen sie aber von dort weg. „Dort war es einfach zu gefährlich“, sagt die Frau.

Nachgefragt ...

... bei Burkhard Neuhaus, Kinderpsychiater Auf der Bult

Herr Neuhaus, wie können Eltern ihre Kinder vor derartigen Übergriffen schützen?

Das ist eine Gratwanderung. Einerseits wollen wir unsere Kinder nicht zu sehr einengen, andererseits brauchen kleine Kinder die Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Ansonsten gelten immer noch die alten Leitsätze, die Kinder wissen müssen: Nichts von Fremden annehmen. Nicht mit Fremden mitgehen. Einen absoluten Schutz aber gibt es leider nicht.

Sollten Eltern mit ihren Kindern über einen Vorfall wie diesen sprechen?

Ja, sicher. Sie sollten ihnen klar sagen, dass es auch böse Menschen gibt, die Kindern wie auch Erwachsenen Böses antun. Nur dass man ihnen das nicht ansieht.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sollten Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben?

Sie sollten ihnen klarmachen, dass sie in bestimmten Situationen ganz laut um Hilfe rufen oder einfach weglaufen müssen. Manchmal reicht es, wenn das Kind ganz laut ruft: Das will ich nicht.

Was kann man den Eltern sagen, denen so etwas passiert?

Die Botschaft muss lauten: Sie sind nicht Schuld. Aber auch das Kind braucht die klare Ansage, dass es nicht Schuld ist an der Situation. Schuld hat immer der Täter.

Muss ein Kind, bei dem der Verdacht besteht, dass es missbraucht wurde, sofort in Therapie?

Zunächst sollten die Eltern ein offenes Ohr für das Kind haben und schauen, ob es ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigt – wie Alpträume oder Entwicklungsrückschritte. Erst dann sollte eine Fachberatungsstelle eingeschaltet werden. Nicht immer ist nach solchen Vorfällen automatisch eine Therapie erforderlich.

Interview: Veronika Thomas

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