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Aus der Stadt Gastfamilien für minderjährige Flüchtlinge gesucht
Hannover Aus der Stadt Gastfamilien für minderjährige Flüchtlinge gesucht
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08:31 27.10.2015
Von Jutta Rinas
Bauingenieur? Nach seiner Flucht träumt der 16-jährige Mohammed von einer Zukunft in Deutschland. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Kann man überhaupt die passenden Worte für so eine Kindheit finden? Für eine Kindheit, in der die Ausbildung eines Zwölfjährigen zum Selbstmordattentäter in einem Camp der Taliban vorkommt oder eine Explosion, die einem Jungen Granatsplitter in den ganzen Körper treibt? Kann man davon „vom Herzen aus“ erzählen, wie Mohammed es nennt. Also so, dass die Erinnerungen nicht bloß Worte bleiben?

Man kann es nicht. Mohammed weiß das genau, obwohl er erst 16 Jahre alt ist: „Wer nicht selbst in Afghanistan oder als Flüchtling im Iran gewesen ist, kann nicht verstehen, wie ich gelebt habe“, sagt er leise. Er versucht es trotzdem. Der so zurückhaltende, höfliche Junge, der an diesem Tag im hannoverschen Institut für transkulturelle Betreuung (ItB) an einem Tisch mit Kaffee und Keksen sitzt, möchte, dass die Menschen in Deutschland verstehen, was in seiner Heimat los ist. Auch wenn die Erinnerung eine „sehr schwierige Sache“ ist.

Mohammed ist ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, im Fachjargon UmF genannt. Einer also, der allein, ohne Eltern, nach Deutschland gekommen ist. Inzwischen fliehen so viele von ihnen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Ghana oder Eritrea, dass es kaum noch gelingt, sie angemessen unterzubringen. Männlich sind sie in der Regel, meist 16 und älter. Im ItB, dem ältesten Vormundschafts- und Pflegschaftsverein Niedersachsens, der gerade seinen 20.Geburtstag feierte, hat man aber auch schon drei Geschwister betreut, 3, 5 und 7 Jahre alt, die plötzlich allein auf dem Lehrter Bahnhof standen.

Minderjährige dürfen nicht allein in Gemeinschaftsunterkünften bleiben

Minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern haben Anspruch auf besonderen Schutz, dürfen laut Gesetz zum Beispiel nicht in Gemeinschaftsunterkünften bleiben. Wie schwierig das mittlerweile umzusetzen ist, zeigte unlängst ein dramatischer Appell des Jugendamtes im Landkreis Hildesheim. Für 140 jugendliche Flüchtlinge aus Notunterkünften in Sarstedt und Hildesheim wurden plötzlich akut Pflegefamilien gesucht. Sogar auf Facebook lief der Aufruf. Auch die Stadt Hannover und die Region suchen dringend Gastfamilien. Am Dienstag um 18.30 Uhr ist der erste Infotermin der Region. Am 29. November (1. Advent) wird überdies in allen hannoverschen Gottesdiensten um Gastfamilien geworben.

Mohammeds Geschichte zeigt, wie wichtig Unterstützung ist: materielle und seelische. Äußerlich wirkt der 16-Jährige wie aus dem Ei gepellt. Jeans, Jacke, Frisur: Alles sitzt perfekt. Dass der Junge in Wahrheit mehr ertragen musste, als ein Mensch eigentlich aushalten kann, merkt man überdeutlich, wenn er spricht.

Mohammed lebt in Afghanistan, als die Schule, in der die Frau seines Bruders arbeitet, von Taliban niedergebrannt wird. Das ist der Zeitpunkt, an dem Bruder und Tante fliehen. Auch der Rest der Familie wird bedroht, die Mutter sogar angeschossen. Und dann fliehen auch sie: über Pakistan in den Iran.

Aber das Leben verbessert sich kaum. Der Vater kommt als illegaler Flüchtling mehrfach ins Gefängnis. Mohammed erlebt, dass er im Iran nur ein Mensch zweiter Klasse ist. Er darf nicht in die Schule, afghanische Kinder würden im Iran „wie Erwachsene behandelt“, erzählt er bitter. Ali Türk, Geschäftsführer des ItB, sagt, gerade Flüchtlingskinder seien beim Schulbesuch oft hoch motiviert, eben weil „das in ihrer Heimat gar nicht möglich war“. Ihn ärgert, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Öffentlichkeit oft als junge, selbstständige Männer dargestellt werden: „Es handelt sich in den allermeisten Fällen um schutzbedürftige Kinder und Jugendliche“, sagt er: „Die meisten bedanken sich pausenlos dafür, dass man sich überhaupt um sie kümmert.“

Mit zwölf Jahren von der Familie getrennt

Mohammed muss im Iran schon als Kind hart arbeiten. Mit zwölf Jahren wird er auf der Straße aufgegriffen und an die Grenze gebracht - ab da ist er von seiner Familie getrennt.

Dort gerät er in die Fänge der Taliban, in ein Camp für Selbstmordattentäter. Mohammeds Stimme klingt meist gefasst. Man merkt, er möchte souverän, erwachsen wirken. Als er von dem Camp berichtet und davon, wie ihn nach einer Explosion dort Granatsplitter überall am Körper treffen, übermannen ihn doch die Gefühle. Plötzlich ist mit Händen greifbar, dass hier kein fast Erwachsener, sondern ein seelisch zutiefst erschütterter Junge sitzt. Von einem Anführer erzählt er, der ihm und anderen Kindern einzureden versucht, dass es richtig sei, für den Islam zu sterben. Davon, dass er irgendwann begreift, dass er manipuliert wird. Davon, dass die Granatsplitter nach der Explosion im Camp immer noch in seinem Körper stecken. Eine Operation kann sich seine Familie, zu der er auf verschlungenen Wegen zurückfindet, nicht leisten.

Familie ermöglicht Flucht mit Schleppern

Aber sie ermöglicht ihm die Flucht mit Schleppern nach Deutschland: über die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn, Österreich. Ganz allein. Lange Strecken wandert der Junge zu Fuß, an Bahngleisen entlang, durch Wälder. Am meisten Angst macht ihm eine Überfahrt übers Wasser. Er kann nicht schwimmen. An was denkt man in solchen Momenten? „An nichts, nur daran, dass man hoffentlich endlich ankommt.“

Acht Monate liegt all das jetzt zurück. Mohammed wurde in Deutschland mittlerweile Asyl gewährt. Er lebt in Hannover in einer betreuten Einzimmerwohnung, geht in eine Sprachlernklasse und hat wohl zum ersten Mal in seinem Leben eine Perspektive. Er möchte so schnell wie möglich in eine richtige Schulklasse, träumt sogar davon, später vielleicht Bauingenieur zu werden. Bauingenieur? Ganz vorsichtig formuliert er dieses Wort. Als könne er es immer noch nicht so recht glauben, dass so ein Wunsch auch für ihn in Erfüllung gehen kann.

Flüchtlinge ohne Eltern brauchen Fürsorge

  • Die Stadt Hannover und die Region suchen dringend Gastfamilien für minderjährige Flüchtlinge. Wer interessiert ist und aus dem Umland stammt, kann sich heute bei einer ersten Informationsveranstaltung der Region um 18.30 Uhr im Regionshaus, Raum 602, Hildesheimer Straße 20, unverbindlich informieren. Weitere Infos: (0511) 61622129.
  • Einen Infoabend bietet die Stadt Hannover am Dienstag, 3. November, um 17 Uhr im Fachbereich Jugend und Familie beim Kommunalen Sozialdienst, Blumenauer Straße 5 (5. Etage), an. Weitere Infos: (0511) 16841550.
  • Der Grund: Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge steigt dramatisch. Noch im Jahr 2013 kamen allein in Hannover gerade einmal 49 flüchtige Kinder ohne ihre Eltern an. Mittlerweile sind es pro Monat fast doppelt so viele. Am 25. September 2015 zählte die Stadt 290 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Am vergangenen Freitag waren es 370. Weil der Verbleib der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ab dem 1. November bundesweit neu geregelt wird, muss jetzt auch die Region Hannover mit deutlich mehr von ihnen rechnen. Sie betreut aktuell 70 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Künftig werden es rund 200 sein.
  • „Bisher kam der größte Teil der ausländischen unbegleiteten Minderjährigen gezielt in die Region Hannover, um bei Verwandten zu leben“ sagt Erwin Jordan, Dezernent für soziale Infrastruktur. Durch die Umverteilung der minderjährigen Flüchtlinge auf das gesamte Bundesgebiet würden die meisten künftig keine familiären Anbindungen mehr in ihrer Nähe haben. Für die Kinder und Jugendlichen, die zum Teil traumatische Erfahrungen gemacht hätten, seien Fürsorge und familiäre Geborgenheit sehr wichtig. Man suche daher „Paare, Familien und Einzelpersonen, die sich vorstellen können, diese Jugendlichen bei sich aufzunehmen“.
  • Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Deutschland grundsätzlich anders behandelt als Erwachsene oder Familien. Jugendämter nehmen sie in ihre Obhut, bringen sie in der Regel in Heimen oder in Wohngruppen unter, sorgen für einen Vormund, einen Schulplatz, eine Therapie.
  • Bislang wurden minderjährige Flüchtlinge dort versorgt, wo sie ankamen. Das war vor allem in den Großstädten, in Hamburg beispielsweise oder in München, in Niedersachsen vor allem in der Stadt Hannover. Weil die Großstädte die Flut der Kinderflüchtlinge nicht mehr schultern konnten, werden sie jetzt wie alle anderen nach dem „Königsteiner Schlüssel“ verteilt.
  • Wer aus erster Hand wissen will, wie es ist, mit einem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zu leben, kann sich auch am 4. Dezember bei einer Infoveranstaltung des Stadtkirchenverbandes um 20 Uhr im Jakobi-Gemeindehaus Kirchrode, Kleiner Hillen 3, informieren. Ein Familienvater, der einen Flüchtling aufgenommen hat, wird dort über seine Erfahrungen berichten.
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