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Aus der Stadt Gedenken an das Grauen
Hannover Aus der Stadt Gedenken an das Grauen
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00:15 13.11.2013
Der jüdische Sakralbau in Bult war der erste nach dem Krieg.
Foto: Der jüdische Sakralbau in Bult war der erste nach dem Krieg. Quelle: Behrens
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Hannover

Michael Fürst, Präsident der 13 Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, begründet den Spagat ganz lebensnah. „Die Trauer über das Gestern und die Freude über das Heute gehören in unserer Geschichte zusammen“, sagt er am Ende der Feier. Einer Feier, die mit einem ausgelassen gesungenen „Shalom Alechem“ ausklingt, bei dem 300 Gäste rhythmisch mitklatschen. Es ist ein befreiendes Klatschen, das auch den Aufbruch in eine bessere Zukunft symbolisieren mag.

300 teils hochkarätige Gäste sind zum Gedenken in der Synagoge zusammen - unter ihnen auch der New Yorker Stararchitekten Daniel Libeskind. Beim Gedenkkonzert in der Marktkirche singt Benjamin Z. Maissner, selbst Kantor in Toronto.

In der Feierstunde mit 300 teils hochkarätigen Gästen wurden viele gute und richtige Worte gesagt. Stephan Weil etwa, amtierender Bundesratspräsident, gemeinsam mit Bundestagsvizepräsidentin Edelgard Bulmahn extra von den Koalitionsverhandlungen aus Berlin herbeigeeilt, berichtete von dem Foto, mit dem Hannover-Chronist Wilhelm Hauschild vom Turm der Neustädter Hof- und Stadtkirche aus die brennende hannoversche Synagoge ins Bild bannte, angezündet von Nazi-Schergen und johlendem Pöbel.

Die Haut der Zivilisation ist dünn

„Der 9. November 1938 markiert die Phase, die wir als absoluten moralischen Tiefpunkt unserer Geschichte ansehen dürfen“, sagte Weil in seiner wie immer frei vorgetragenen Rede. Landesbischof Ralf Meister nahm das Bild in seiner Ansprache auf: „Und viele unserer Gemeindeglieder standen auch auf dem Turm und gafften. Und niemand half. Bis heute ist die Haut der Zivilisation dünn.“

Vor 75 Jahren zerstörten Nationalsozialisten in der Pogromnacht jüdische Geschäfte und brannten Synagogen nieder. Zeitzeugin Gertrud Henning erinnert sich noch daran.

Oberbürgermeister Stefan Schostok lobte den Mut der hannoverschen Juden, die trotz allem zurückgekehrt sind und das kulturelle und religiöse Leben in der Stadt bereichern. „Und trotzdem ist es auch heute noch ein weiter Weg zur Normalität, solange Veranstaltungen des Gedenkens unter Polizeischutz stattfinden müssen.“ Vor der Synagoge parkte, wie meist, ein Polizeiauto.

Auch Stararchitekten Daniel Libeskind ist vor Ort

Inhaltlicher Höhepunkt der Veranstaltung war ein Vortrag des New Yorker Stararchitekten Daniel Libeskind. Der hatte sich mit seinem Besuch in Hannover „in die Höhle des Löwen“ (Fürst) gewagt – immerhin ist sein jüngstes Projekt für die Leuphana-Universität in Lüneburg wegen der offenen Finanzierung höchst umstritten.

So bedankte er sich in seinem Vortrag auch artig bei Ministerpräsident Weil „für die Unterstützung“, auch wenn die Ministerien sich gerade eher schwer tun mit dem Multimillionenprojekt. Dann nahm der furiose Redner die Gäste mit auf einen Ritt durch sein Architekturverständnis, erklärte die Ideen beim Bau des Jüdischen Museums (Berlin) und des Felix-Nussbaum-Hauses (Osnabrück) und beschrieb, wie er mit Lüneburger Studenten das Konzept für die Leuphana entwickelt hat. „Ich war beim ersten Besuch erschrocken davon, dass die Studenten in ehemaligen Kasernen lernen müssen“, sagt Libes­kind. Mit der seiner fraktalen Architektur für den Neubau wolle er dem Campus einen kreativen Spirit schenken. Es gab viel Applaus.

  • Heute Gedenken: Am heutigen Montag beginnt um 12 Uhr am Ort der zerstörten Synagoge in der Straße Rote Reihe in der Calenberger Neustadt die zentrale Gedenkveranstaltung. Schüler lesen Texte, zwei Nachfahren vom letzten Synagogenkantor Israel Alter halten Ansprachen. Am morgigen Dienstag werden zwölf Stolpersteine ins Pflaster vor den Häusern Ohestraße 6 und Lange Laube 1 eingelassen zum Gedenken an die Toten der Familien Alter und Maissner.

Von Conrad von Meding

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