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Aus der Stadt Geheimisse aus Hannover, die Sie noch nicht kannten
Hannover Aus der Stadt Geheimisse aus Hannover, die Sie noch nicht kannten
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00:15 03.12.2016
Quelle: privat
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Hannover

Warum fehlen an der südlichen Rathausuhr alle fünf Jahre die Zeiger? Was hat es mit dem vermauerten Zugang mitten im Barsinghäuser Wald auf sich? Und wo in Gehrden erinnert ein Denkmal an einen in der Schlacht von Waterloo gefallenen Soldaten? Das sind nur drei von insgesamt 50 Fragen, denen die Autoren Eva-Maria Bast, Rosa Legatis und Bert Strebe im neuen HAZ-Buch „Hannoversche Geheimnisse - 50 neue Geschichten aus der Landeshauptstadt und der Region Hannover“ gemeinsam mit interessierten Bürgern auf den Grund gegangen sind. Es ist schon der zweite Band aus der Buchreihe „Geheimnisse der Heimat“, der sich mit Hannover beschäftigt.

Dass Hannover voller Geheimnisse steckt, weiß die Autorin und Projektinitiatorin Eva-Maria Bast, seit sie 2015 in der Landeshauptstadt unterwegs war, um zu recherchieren. „Auch dieses Mal waren wir begeistert von der tollen Zusammenarbeit mit unseren Geheimnispaten“, erklärt Bast. Denn zum Konzept der „Geheimnisse“ gehört, dass heimatverbundene Menschen mit ihrem Expertenwissen zu Wort kommen und helfen, die Rätsel zu lösen, die hinter kaum beachteten Relikten stecken. „Es sind Leute dabei, die als echte Hannover-Insider bekannt sind, aber auch viele andere, die geheimnisvolle Geschichten kennen und damit bislang nicht in Erscheinung getreten sind“, sagt Rosa Legatis. Einer dieser Menschen ist zum Beispiel der ehemalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (siehe Text rechts). „Wir waren vor allem begeistert davon, wie offen und interessiert die Geheimnispaten die Idee aufgenommen haben“, berichtet Buchautor Bert Strebe.

Die Autoren fanden heraus, was der Altar in der Marktkirche mit dem sprichwörtlichen roten Teppich zu tun hat. Sie entdeckten auch Relikte der beginnenden Industrialisierung in Garbsen und sichtbare Verbindungen zwischen Springe und Paris, Überreste eines Ausflugslokals und Gedenksteine, die von einem tödlichen Duell künden. Eins dieser Geheimnisse stellt die HAZ-Redaktion schon heute vor.

Das Buch „Hannoversche Geheimnisse - 50 neue Geschichten aus der Landeshauptstadt und der Region Hannover“ hat knapp 200 Seiten und kostet 14,90 Euro. Erhältlich ist das Buch in den HAZ-Geschäftstellen, zum Beispiel an der Langen Laube, und auch im Buchhandel. Die ISBN lautet 978-3-946581-07-9.

Auszug: Das Geheimnis um den Brüningstein

Er wirkt etwas verlassen, der graue Stein im Beet. Und er ist es auch: Tagaus, tagein steht er unbeachtet dort – die Konkurrenz des prachtvollen Torhauses und des noch viel prachtvolleren von Alten’schen Schlossgartens dahinter ist einfach zu groß. Jeder, der vor dem Tor steht, staunt über diese Schönheit und blickt nicht nach rechts oder nach links. Der Stein kann da nur verlieren.

Schade, denn es lohnt sich, ihn genauer in Augenschein zu nehmen, wie Hannovers ehemaliger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg das getan hat. Dann entdeckt man nämlich ein Kreuz und eine Inschrift. Beide Elemente sind der Einstieg in eine spannende Geschichte.

„Denn zu diesem Stein“, sagt Schmalstieg, „gibt es mehrere Vermutungen.“ Eine davon lautet, dass er ein Überbleibsel einer Gerichtsstätte aus Linden ist. Tatsächlich soll es in Linden „eine alte Dingstätte im Marstemgau“ gegeben haben, „die 1130 zur Enger’schen Grafschaft der für Hannover so bedeutenden Grafen von Roden gehörte“, wie Adolf Hoffmann 1935 in einem Buch schreibt. Hoffmann zufolge soll sich die Gerichtsstätte rechts des Ihmebachs befunden haben und von sechs Kreuzsteinen umgeben gewesen sein. Möglicherweise stamme der graue Stein neben dem Torhaus daher und sei später, im ausgehenden 19. Jahrhundert, um die Inschrift ergänzt worden.

Anhand von Holzstichen aus dem Jahr 1736 lässt sich nachvollziehen, dass der heutige Platz des Steines nicht der originäre ist: Danach stand er früher in der Nähe der Ihmebrücke vor dem Calenberger Tor. Er musste mehrfach umziehen, bis Graf von Alten-Linsingen ihn im Jahre 1890 an den heutigen Platz bringen ließ. „Man vermutet, dass er davon ausging, es handle sich um einen Sühnestein, der seinen Vorfahren gewidmet war“, erzählt Schmalstieg. Urkundlich belegt ist jedoch nicht, dass es einen Sühnestein für Brüning von Alten gegeben hat. Aber es gibt eine Sage. Zwei Freunde, der Ritter Brüning von Alten und der Ritter von Haus, gerieten im Jahr 1340 in einen Streit, weil dem Ritter von Haus ein Jagdfalke entflogen war, den ein Knecht des Ritters von Brüning im Wald fand. Bei seinem Versuch, das Tier einzufangen, wurde er vom Falken verletzt. In der Sage heißt es: „Darüber geriet er in heftigen Zorn und schnitt dem Vogel, als er ihn endlich in seiner Gewalt hatte, die Fänge ab.“

Als von Brüning erfuhr, dass der Falke seinem Freund gehört, ließ er ihn ihm schicken, und von Haus reagierte mit großer Wut darauf, dass man das Tier so gequält hatte, schwor Rache – und fortan taten sich die beiden Männer Böses an, wo immer sie nur konnten – bis zu einem Duell. Der Sage zufolge fielen dabei beide Ritter. Ereignet haben soll sich all das am 20. Oktober 1413, und zur Erinnerung an das blutige Ereignis habe man den Stein aufgestellt. Es ist nur eine Sage. Aber wie so oft haben Sagen oft einen wahren Kern. Und tatsächlich findet sich im Archiv des Klosters Barsinghausen ein Vertrag von Anfang des 15. Jahrhunderts. Darin vereinbaren die Edelleute Herman und Brant von Haus mit den Vormündern des Corde von Alten, Nachfahre des Brüning von Alten, Geldzahlungen als Sühne für den in einem Duell gefallenen Brüning von Alten. Dass der Ritter von Haus in dem Duell gefallen sei, davon ist nicht die Rede, und hierzu gibt es in der Sage Varianten. 1000 rheinische Gulden sollen innerhalb von vier Jahren bezahlt werden, damit dem Verstorbenen eine Kapelle errichtet werden kann.

Ob der Vertrag je erfüllt wurde, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob der Stein von einer Gerichtsstätte stammt oder ob es sich um ein Sühnekreuz handelt. In jedem Fall erinnert er an die Gerichtsbarkeit des Mittelalters. Denn Sühnekreuze wurden von Tätern aufgestellt, um Buße für ein Vergehen zu tun. Und oft war das Aufstellen auch Teil der Sühneforderungen der Angehörigen des Opfers. Wie es sie ja auch zwischen den Erben der beiden Ritter gegeben hat.

Eva-Maria Bast

Jutta Rinas 30.11.2016