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Aus der Stadt Gehirndoping: Immer mehr Schüler und Studenten greifen zur Pille
Hannover Aus der Stadt Gehirndoping: Immer mehr Schüler und Studenten greifen zur Pille
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08:24 22.09.2010
Von Veronika Thomas
Quelle: Handout (Symbolbild)
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Um den wachsenden Leistungsdruck im Job, im Studium und in der Schule besser auszuhalten, schlucken nicht nur Arbeitnehmer, sondern offenbar auch immer mehr Studenten und Schulkinder konzentrations- und leistungsfördernde Medikamente wie Ritalin oder Modafinil. Über Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen des pharmakologischen Hirntunings diskutierten am Dienstag 110 Lehrer, Ärzte und Psychologen beim 5. Suchthilfetag des Jugend- und Suchthilfenetzwerks Step.

Bei der bundesweit ersten Studie zum Doping am Arbeitsplatz, bei der die Deutsche Angestellten Krankenkasse 2008 mehr als 3000 Beschäftigte zwischen 20 und 50 Jahren befragt hatte, gaben 21,4 Prozent an, bereits Erfahrungen mit derartigen Medikamenten gemacht zu haben. Bis zu zwei Prozent der Befragten greifen täglich oder mehrmals wöchentlich zu Substanzen zur Leistungssteigerung oder Stressresistenz. Verlässliche Zahlen über den Einsatz sogenannter Neuro-Enhancer zur gezielten Verbesserung geistiger Fähigkeiten oder psychischer Befindlichkeiten bei gesunden Kindern und Jugendlichen liegen allerdings nicht vor.

Vor allem Methylphenidat (Ritalin), der weit verbreitete Wirkstoff zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS), besser bekannt als Zappelphilippsyndrom, steht im Fokus der Experten. Stephan Schleim, Wissenschaftler der Universität Groningen, berichtete, dass der deutschlandweite Konsum von 1,3 Millionen Tagesdosen im Jahr 1995 auf 26 Millionen Dosen 2004 angestiegen ist. Das Medikament werde aber nicht nur von Ärzten verschrieben, sondern über zweifelhafte Internetapotheken oder schwarz beschafft, auch wegen seiner aufputschenden Wirkung. Schleim warnte vor einem hohen Suchtpotenzial und Nebenwirkungen bei Missbrauch.

„Man sollte Ritalin nicht verteufeln, wenn es nach genauer ADHS-Diagnose verschrieben wird“, sagte die hannoversche Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Eva Busch. Davon betroffen sind etwa drei Prozent aller Kinder. „Doch Ritalin wird viel zu schnell auch für Kinder verschrieben, die eigentlich eine Therapie bräuchten“, sagt Busch. Viele Eltern glaubten, wenn ihr Kind verträumt oder unkonzentriert sei, könne eine Pille helfen, damit es die Gymnasialempfehlung schaffe. Kinder bräuchten aber vielmehr selbstbewusste und souveräne Eltern, die sie nicht überforderten und mit Pillen anpassungsfähig machen wollten.

Der Diplompädagoge Peter Märtens vom Fachbereich Prävention bei Step beobachtet den Trend zu leistungssteigernden Substanzen bei Jugendlichen schon seit Jahren. Vor allem vor Klassenarbeiten und Abiturprüfungen nehme der Konsum zu. „Lieber eine Drei mit feuchten Händen als eine Eins auf Rezept“, lautet seine Empfehlung bei Informationsveranstaltungen, die Step in Schulen der Region Hannover anbietet.

Bärbel Hilbig 22.09.2010
Mathias Klein 22.09.2010
Julia Henke 22.09.2010