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Aus der Stadt Wer arbeitet für Gotteslohn?
Hannover Aus der Stadt Wer arbeitet für Gotteslohn?
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09:56 18.01.2018
„Seit einem Jahr suchen wir Kandidaten“: Pastor Michael Wohlers in der Döhrener Auferstehungskirche
„Seit einem Jahr suchen wir Kandidaten“: Pastor Michael Wohlers in der Döhrener Auferstehungskirche Quelle: Samantha Franson
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Hannover

 Licht fällt durch die Buntglasfenster, die Sonne malt farbige Streifen auf die weißen Wände. Pastor Michael Wohlers sitzt in der Döhrener Auferstehungskirche und berichtet vom Bohren dicker Bretter, bildlich gesprochen:  „Es ist leicht, Menschen für eine Aufgabe zu mobilisieren, wenn diese einen Anfang und ein Ende hat“, sagt er. Für zeitlich begrenzte Projekte wie Basare oder Gemeindefeste ließen sich relativ zügig Helfer finden. „Jemanden für den Kirchenvorstand zu gewinnen ist aber schon eine Herausforderung.“

Niedersachsens Protestanten wählen im März die Leitungsgremien ihrer Gemeinden neu. Allein in den 60 Gemeinden des Stadtkirchenverbands Hannover, der rund 170 000 Seelen zählt, sind rund 530 Kirchenvorsteherposten zu besetzen. Die Wahl treibt Kirchenmenschen seit Monaten um. „Wir haben schon vor einem Jahr mit der Kandidatensuche begonnen“, sagt Pastor Wohlers. „Von einer Liste mit 20 Namen sind jetzt neun Kandidaten übrig geblieben.“ Fünf davon werden in den Kirchenvorstand (KV) gewählt werden.

Wahlbeteiligung ist gering

Die Wahlen sind ein Stück Demokratie in der Kirche, und Pastor Wohlers kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er von der Arbeit eines Kirchenvorstehers spricht: „Das ist Engagement im Nahbereich“, sagt er, „man kann seinen Stadtteil mitgestalten, lernt Menschen kennen, ist Teil eines Netzwerks.“ Doch zur Wahrheit gehört auch, dass die Wahlbeteiligung in der Landeskirche 2012 bei nicht einmal 19 Prozent lag – und dass viele Gemeinden Schwierigkeiten haben, Kandidaten zu finden. 

„In der Großstadt ist es schwieriger als auf dem Land“, sagt Albert Wieblitz, der als Landespastor für die ehrenamtlich Engagierten zuständig ist. Er ist Mitinitiator der professionell gemachten Kampagne „Kirche mit mir“, die helfen soll, neue Kirchenvorsteher zu gewinnen. 

Sind diese erst einmal gewählt, müssen sie an Sitzungen und Tagungen teilnehmen, sie lesen in Gottesdiensten aus der Bibel, begleiten Baumaßnahmen, kümmern sich um den Internetauftritt, die Finanzen oder das Kulturprogramm ihrer Gemeinde. Ein Job in der Größenordnung einer geringfügigen Beschäftigung, nur eben für Gotteslohn. „Wer das machen will, sollte schon wissen, was auf ihn zukommt“, sagt Pastor Wohlers.

Eigentlich muss es in den Gemeinden der Landeskirche 1,5-mal so viele Kandidaten wie Wahlämter geben. Doch mit Blick auf die schwierige Kandidatensuche sind bei dieser Wahl erstmals Ausnahmen möglich. Eine Gemeinde kann beantragen, die Zahl zu reduzieren. Wenn eine Wahl dennoch scheitert, bestimmt der Kirchenkreis im äußersten Fall Bevollmächtigte, die dann die Geschäfte der Gemeinde übernehmen.

„Viele Absagen kassiert“

In der kleinen Melanchthongemeinde auf der Bult haben die Organisatoren neun Kandidaten für sechs Posten gefunden. Eine Punktlandung. „Dafür war aber viel Einsatz nötig, und wir haben viele Absagen kassiert“, sagt Kirchenvorsteherin Katrin Wiedersheim. „Die meisten fühlten sich geehrt, doch der große Zeitaufwand schreckt viele ab.“

Seit zwölf Jahren sitzt die 53-Jährige im Kirchenvorstand. Die Mutter von vier Kindern kam über Kindergottesdienste zum Engagement in ihrer Gemeinde, und irgendwann sprach sie der Pastor an, ob sie nicht kandidieren wolle. Man spürt ihren Enthusiasmus, wenn sie über ihren Einsatz spricht. „Doch anders als früher sind Frauen heute oft berufstätig – ihnen bleibt schlicht keine Zeit für ein Ehrenamt“, sagt sie. Da geht es den Kirchen nicht anders als Parteien oder Vereinen.

Zudem ist die Arbeit im KV komplizierter geworden. Diffizile Zuschussregelungen beim Fundraisung oder energetische Auflagen bei Baumaßnahmen sind für Laien oft kaum zu überblicken. „Manche Aufgaben sind hochspezialisiert – da braucht es schon großen Idealismus und Gottvertrauen, um sich einzuarbeiten“, sagt Frédérik Geruschke, selbst Kirchenvorsteher in der Bothfelder St.-Nicolai-Gemeinde. Außerdem werde ehrenamtlicher Einsatz zwar oft gelobt – doch steuerlich kaum honoriert.

„Viele wollen sich auch nicht für eine sechsjährige Wahlperiode an ein Amt binden“, sagt Christian Bogislav Burandt, Pastor an der Lukasgemeinde Vahrenwald-List: „Die Gesellschaft wird immer mobiler, viele ziehen berufsbedingt um – auch deshalb werden die Bindungen an die Ortsgemeinde schwächer.“ Noch vor zehn Jahren seien die 60-Jährigen eine sichere Bank für Ehrenämter gewesen. „Heute jedoch wollen rüstige Jungsenioren oft lieber um die Welt reisen, statt sie zu Hause zu retten.“

In Burandts Kirchenvorstand steht ein Umbruch an. Drei KV-Mitglieder scheiden im März aus, ein Kirchenvorsteher verabschiedet sich nach fast 50 Jahren aus dem Gremium. Acht Kandidaten muss die Gemeinde für fünf zu vergebende Posten finden: „Mit Ach und Krach und viel gutem Zureden wird’s wohl klappen“, sagt der Pastor. 

Sorge bereitet ihm indes die Zusammensetzung seines künftigen Kirchenvorstands. Im Idealfall sollten dort Alte und Junge sitzen, Männer wie Frauen, Akademiker und Arbeiter. „Handwerker mit praktischem Geschick werden bei uns jedoch unterrepräsentiert sein“, sagt Burandt. Außerdem hätte er gerne einen 30-Jährigen im KV gehabt. Doch die meisten Kandidaten sind reiferen Alters.

Bewerbungen bis Montag möglich

Am 11. März wird in Niedersachsens evangelischen Kirchen gewählt. In mehr als 2000 Gemeinden dürfen rund 2,9 Millionen Mitglieder ihre Leitungsgremien neu besetzen. In der Landeskirche Hannovers können Bewerbungen von Kandidaten noch bis zum kommenden Montag in den Gemeindebüros eingereicht werden. Das Wahlalter wurde von der Synode im vergangenen Jahr gesenkt und liegt jetzt bei 14 (statt wie bisher bei 16) Jahren. Wählen darf, wer seit mindestens drei Monaten einer Kirchengemeinde angehört. Wer selbst für das Amt des Kirchenvorstehers kandidiert, muss mindestens 18 Jahre alt sein. 

Von Simon Benne