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Aus der Stadt Generation Kopf-nach-unten
Hannover Aus der Stadt Generation Kopf-nach-unten
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00:15 05.03.2015
Von Marcel Jarjour
Kein Schritt ohne Blick aufs Handy: Treyo Anderson, Alisa Chirek mit Hund Hector, Snowi Sama und Bunga Lopez demonstrieren das Problem für die HAZ auf dem Zebrastreifen hinterm Opernhaus.
Kein Schritt ohne Blick aufs Handy: Treyo Anderson, Alisa Chirek mit Hund Hector, Snowi Sama und Bunga Lopez demonstrieren das Problem für die HAZ auf dem Zebrastreifen hinterm Opernhaus. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Im vergangenen Jahr wurde eine 25 Jahre alte Frau von einer Straßenbahn überrollt, weil sie auf dem Smartphone tippend über die Gleise ging. Die Bahn konnte nicht stoppen, Rettungshelfer konnten die Frau nur tot bergen, der Fahrer erlitt einen Schock.

Für Üstra-Sprecher Udo Iwannek bedeutet die Ablenkung durch Smart­phones ein enormes Risiko. „Die Nutzung der Handys im öffentlichen Nahverkehr hat stark zugenommen“, so das Resümee von Iwannek. 2014 gab es in Hannover allein sieben tödliche Unfälle mit Straßenbahnen. Die Üstra hat deshalb, so berichtet Iwannek, die Fahrer des Unternehmens verstärkt geschult. Man setzt aber auch auf die Vernunft der Fahrgäste. „Da kann man nur appellieren, aufmerksamer zu sein“, sagt Iwannek. An kritischen Stellen im Stadtgebiet sind nun an den Bahnübergangen gelbe Markierungspfeile angebracht, die den Fußgängern den Bahnverkehr signalisieren sollen. Plakate in der Bahn würden nicht wirklich helfen, ist sich Iwannek sicher. „Die Leute schauen ja auf ihr Handy.“

Verhaltensforscher stehen noch am Anfang

Wer wo wie oft und wie lang im Straßenverkehr auf sein Handydisplay schaut im Straßenverkehr, das ist bislang nicht bis ins Detail erforscht. Schließlich schreitet die Entwicklung der Geräte und ihrer Anwendungen wie Facebook, Twitter und Whatsapp rasend voran. Aber es gibt bereits einen neuen Namen für den Typ Fußgänger: die Kopf-nach-unten-Generation.

„Tatsache ist, dass die Anzahl der internetfähigen Handys in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat“, sagt Thorsten Schiewe von der Polizeidirektion in Hannover. Eine objektive Aussage darüber, ob es durch Handys im Straßenverkehr mehr gefährliche Situationen gebe, sei nicht möglich. Anzunehmen sei dies aber schon. Wenn bei Unfällen das Smartphone als Ursache infrage komme, werde dies nicht gesondert erfasst, erklärt Polizeisprecher Schiewe. Die Kollegen in Köln sind da einen Schritt weiter. In der Domstadt wird nun im Zweifelsfall untersucht, ob zum Unfallzeitpunkt Daten über das Handy versendet worden sind.

Zu Fuß gehen macht keinen Spaß mehr

Probleme sieht auch Stefan Lieb vom Fachverband der Fußgänger, FUSS e.V.: „Die Nutzung der Smartphones hat erheblich zugenommen und stellt eine gewisse Gefahr dar“, sagt der Referent. Es sei zudem für Fußgänger ohne Handy generell mehr als ärgerlich, sich den Weg durch eine Masse von Menschen zu bahnen, deren Blick starr nach unten auf das Smartphone gerichtet ist. Da seien Ärger und Frust programmiert.

Ein Blick auf die Zahlen verrät, dass etwa die Hälfte aller Deutschen ein Smartphone besitzt. Im vergangenen Jahr waren in Deutschland 41,4 Millionen Smartphones in Betrieb. Einer Erhebung des Branchenverbandes Bitkom zufolge nutzten 2014 nur 8 Prozent aller Menschen in Deutschland über 14 Jahre gar kein Mobiltelefon, also weder ein internetfähiges Smart­phone noch ein schlichtes Handy. Bei den Menschen ab 65 Jahren verzichtet jeder fünfte komplett auf Handys, bei den jungen Leuten unter 30 Jahren nur jeder Hundertste.

Jugendliche müssen aufgeklärt werden

Die Deutsche Verkehrswacht spricht sich angesichts der Entwicklung für „eine große Aufklärungskampagne“ aus, die besonders auf Jugendliche abgestimmt sein soll. „Wenn wir es richtig verfolgen, handelt es sich zumeist um Jugendliche, die Opfer sind - und gleichzeitig auch noch Unfallverursacher“, meint die stellvertretende Geschäftsführerin, Hannelore Herlan. „Gefühlte Unterforderung“ - das ist für den ADAC-Verkehrspsychologen Ulrich Chiellino ein Grund dafür, dass sich manche Fußgänger mit dem Smartphone ablenken. Eine Strecke von A nach B zu laufen sei eben nicht immer aufregend. Er empfiehlt: Einfach mal schauen, was um einen herum passiert, andere Leute beobachten oder auf erste Frühlingsvorboten achten. Hauptsache sei, die Augen aufzumachen. Hier müsse man wirklich auf die Vernunft setzen, findet der Verkehrspsychologe.

Nicht nur in Deutschland schlagen Polizei und Verkehrswächter Alarm wegen der Gefahr durch die zunehmende Nutzung. Einer Studie des Harborview Injury Prevention and Research Centers zufolge brauchen Smartphoner-Benutzer, die surfen oder tippen, durchschnittlich zwei Sekunden länger für das Überqueren einer Straße als die, die das Handy in der Tasche lassen. Außerdem würden die abgelenkten Fußgänger mit einer viermal so großen Wahrscheinlichkeit eine Ampel auch bei Rot passieren.

... und Autofahrer erst recht

Auch die Benutzung der Smartphones am Steuer eines Autos stellt eine erhebliche Gefahr dar. Jeder vierte Autofahrer lässt sich laut Auto Club Europa ACE im Fahrzeug vom Handy ablenken. Mit katastrophalen Folgen: Bei jedem zehnten Verkehrsunfall, so schätzt der ADAC, spiele Ablenkung inzwischen eine entscheidende Rolle. Man könne immer wieder erleben, dass Autofahrer eine Schlangenlinie fahren und sich offenbar auf vieles konzentrieren - nur nicht auf den sicheren Umgang mit dem Fahrzeug, wie ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker, klagt. Sie seien damit eine Gefahr für sich selbst und für andere. „Wer mit Tempo 100 auf der Landstraße unterwegs ist und nur eine Sekunde lang unachtsam ist, legt etwa 27 Meter im Blindflug zurück - lange genug, um gegen einen Baum zu fahren oder in den Gegenverkehr zu geraten.“

In den USA - dort haben nach jüngsten Erhebungen neun von zehn Bürgern ein Mobiltelefon - haben Initiativen in mehreren Städten versucht, die Handynutzung von Fußgängern im Straßenverkehr unter Strafe zu stellen. Mindestens eine hat ein entsprechendes Gesetz beschlossen: In Rexburg im Bundesstaat Idaho ist das SMS-Schreiben auf Straßenkreuzungen oder Zebrastreifen bereits 2011 verboten worden - wer dagegen verstößt, muss rund 72 Euro Strafe zahlen.

Interview: „Es gibt immer zwei Seiten“

Nachgefragt bei Prof. Christoph Möller, Chefarzt im Kinderkrankenhaus Auf der Bult:

Herr Prof. Möller, man sieht immer mehr Menschen auf der Straße, die offenbar nur noch mit ihrem Handy beschäftigt sind und kaum noch auf den Verkehr achten. Wie gefährlich ist das?
Das ist in der Tat gefährlich. Aber noch gefährlicher als Handys sind Smartphones, weil diese Geräte viel mehr können. Mich hat neulich ein Jugendlicher mit dem Fahrrad angefahren, weil er mit seinem Smartphone beschäftigt war. Aber selbst Menschen, die ein Auto steuern, hantieren damit.

Hat das ständige Starren aufs Smartphone schon etwas mit Sucht zu tun?
Nein, denn dieses Verhalten ist ja nicht nur negativ. Man ist auf die Schnelle im Kontakt mit Leuten, kann mit ihnen kommunizieren, die man sonst nicht so einfach treffen kann. Das hat immer zwei Seiten.
Wenn man sich auf Straßen oder in Zügen umsieht, bekommt man den Eindruck, vor allem junge Leute interessierten sich nur noch für die Nachrichten auf ihrem Smartphone.
Das wird nur dann problematisch, wenn es die Kommunikation einschränkt und reale Kontakte vernachlässigt werden. Oder wenn junge Leute nicht mehr in der Lage sind, zwei Seiten am Stück zu lesen, sondern nur noch Kurznachrichten. Aber speziell Jugendliche machen manches eine Zeit lang sehr extrem, das hört meistens wieder auf und gehört in diesem Alter auch dazu. Wir haben damals Zettel unter der Schulbank weitergereicht.

Heißt das, im Straßenverkehr gegen Laternenmasten oder Passanten, schlimmstenfalls gegen eine Straßenbahn zu laufen, das ist normal?
Was den Verkehr betrifft, ist die Nutzung von Smartphones unangemessen. Ansonsten können die meisten Jugendlichen gut damit umgehen. Voraussetzung sind allerdings Grundkenntnisse in Medienkompetenz. Und wir müssen lernen, diese Dinger abzuschalten, beim Essen beispielsweise. In Kinderhänden haben diese Geräte allerdings nichts zu suchen, weil sie für die Entwicklung nicht förderlich sind.

Interview: Veronika Thomas

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