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Aus der Stadt Ist am Raschplatz noch Platz für alle?
Hannover Aus der Stadt Ist am Raschplatz noch Platz für alle?
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00:17 04.03.2017
Die Besatzung eines Rettungswagens muss sich um einen Betrunkenen kümmern. Immer wieder sorgt die Trinkerszene in der Passarelle am Raschplatz für Ärger.  Foto: Hellerling
Die Besatzung eines Rettungswagens muss sich um einen Betrunkenen kümmern. Immer wieder sorgt die Trinkerszene in der Passarelle am Raschplatz für Ärger. Quelle: Hellerling
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Hannover

Der Rettungswagen muss anrücken. Vor den Augen der umstehenden Trinker sammeln die Helfer einen Betrunkenen ein - Alltag am hinteren Ausgang der Passarelle. „Ich finde es traurig, dass der Raschplatz so verkommt“, sagt Klaus Mössinger. Dem 82-Jährigen ist die Situation so unangenehm, dass er nur noch oberirdisch in den Hauptbahnhof geht.

Etwa 50 Trinker stehen am Mittwochmittag bei Nieselregen im schummrig-dunklen Passageneingang, gelegentlich schieben zwei Männer einen Putzwagen durch die Menge und leeren die Mülleimer. Kurze Zeit später pöbelt eine angetrunkene Frau „Ey, du Pottsau“ in Richtung eines Mannes, der sich an der Wand der Videothek erleichtert. Es riecht nach einer Mischung aus Alkohol, Zigarilloqualm und Erbrochenem. Auf dem Boden liegen Gummibärchen und Kronkorken.

Auszubildende hat gekündigt

Tanja von Glischinski bahnt sich ihren Weg durch die Trinkerszene. „Es ist wirklich nicht das Allertollste hier“, sagt die 38-Jährige. „Meine Kinder müssen immer eng bei mir bleiben, wenn wir hier durchgehen.“ Unter der großen Treppe hat ein Obdachloser einen alten Teppich ausgebreitet und schläft darauf.

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Die Gewerbetreibenden in der Passarelle haben die Stadt Hannover jüngst um ein erneutes Krisentreffen gebeten, Initiator war Ronny Titze von Laserpix. „Die Umsatzeinbrüche sind zu spüren“, sagt er. Mehr noch: Eine Angestellte wolle nicht mehr die Spätschicht übernehmen, „eine Auszubildende hat bereits gekündigt“, sagt Titze. Die Filialen der Back-Factory und von Lidl beschäftigen inzwischen eigenes Sicherheitspersonal, obwohl bereits der Raschplatz-Betreiber HRG die Security-Firma Protec engagiert hat. Am Mittwochmittag stehen die Angestellten mitunter in Grüppchen entspannt am oberen Ausgang.

Seit 1976 lebt Barbara Laue in unmittelbarer Nachbarschaft zum Raschplatz, den Zustand beschreibt sie als „katastrophal“. Wenn die 63-Jährige über den Platz läuft, werde sie oft von links und rechts von Bettlern angesprochen. „Im Sommer komme ich teilweise nicht einmal die Treppe runter, weil so viele auf ihr sitzen“, sagt die Rentnerin. Mitunter gehe sie extra „einen großen Bogen“, um zur Stadtbahn zu kommen. Laue findet: „Das kann doch auch nicht richtig sein.“

Der Raschplatz in Hannovers Innenstadt ist als Treffpunkt für Alkoholkonsum bekannt. Das hinterlässt dort seine Spuren. Ein Besuch.

Auch die 24-jährige Marie Gerber beschleicht „vor allem abends ein flaues Gefühl“, wenn sie über den Raschplatz geht. Eine Lösung für das Problem hat sie jedoch nicht. „Die Szene würde bloß woanders hin verschoben.“

Optimale Bedingungen

Laserpix-Geschäftsführer Titze würde am liebsten die „optimalen Bedingungen“ für die Trinkerszene beseitigen. Das Areal ist überdacht, ansatzweise warm, und die Discounter bieten billigen Alkohol. Doch den einfach aus den Regalen zu verbannen, hält Rentner Gerhard Fiedler für zu kurz gedacht. „Dann holen die sich den eben woanders und kommen zurück“, sagt der 78-Jährige. Er will sich von der Szene nicht einschüchtern lassen und geht daher stets mit sturem Blick nach vorn durch die Menge.

Die Trinker stört das alles nicht. Stimmengewirr und Hundegebell füllen die Unterführung. Die Polizei kommt. Ein Streifenwagen fährt langsam durch die Schmuddel-Passarelle, irgendwo im Inneren gibt es wieder einen Einsatz.

„Wir sorgen dafür, dass Regeln eingehalten werden“

Hannovers Kaufleute wollen die Situation mit der Trinkerszene am Raschplatz nicht länger hinnehmen – und fordern die Stadt zum Handeln auf. Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) kündigte bei der Jahresversammlung der City-Gemeinschaft an, dass die Stadt klare Kante zeigen werde. „Wir werden dafür sorgen, dass Regeln eingehalten werden“, sagte er. Dennoch sei Hannover nicht Singapur. „Wir bleiben eine lebendige Stadt, keine enge Kiste von Recht und Ordnung“, sagte er. Offen blieb, wann die Stadtverwaltung ein Konzept für die Problemplätze vorlegt. „Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit sind ein fundamentaler Baustein für den wirtschaftlichen Erfolg“, sagte Martin Prenzler, Geschäftsführer der City-Gemeinschaft.

Schostok betonte in seiner Ansprache, dass die Themen Ordnung und Sicherheit ganz oben auf der Agenda stünden. „Wir werden nicht ohnmächtig zugucken und auch keinen bloßen Appell aussprechen“, sagt er. Das seien Strohfeuer. Der OB kündigte eine ordnungspolitische „Generalinventur“ an. Was das konkret heißt, bleibt vage. Nach Informationen der HAZ geht es darum, alle öffentlichen Plätze in Hannover unter die Lupe zu nehmen und genau zu erfassen, wie sie genutzt werden. Damit sollen derzeit etliche Fachbereiche in der Verwaltung beschäftigt sein.

Schostok deutete an, dass die Stadt mehr Personal auf die Straße schicken wolle, um nach dem Rechten zu sehen. Gemeint sind nach HAZ-Informationen städtische Ordnungshüter, die auch Verwarnungen aussprechen können. „Noch sind wir nicht ganz durch mit unseren Beratungen“, sagte Schostok. Man werde demnächst konkrete Maßnahmen vorschlagen und zur Diskussion stellen.
Auch in Sachen Bettelei deutet sich ein härterer Kurs der Stadtverwaltung an. „Die Passanten sollen nicht belästigt werden“, sagte Schostok. Ganz lasse sich das Betteln aber nicht aus der Innenstadt verbannen. Auch für Straßenmusiker soll es bald ein neues Reglement geben. „Wir werden Auftrittsorte genauer festlegen und ein Zeitfenster vorgeben“, sagte der OB. Es müsse Zeiten geben, in denen nicht gespielt wird. „Wer sich nicht daran hält, bekommt ein Problem.“ Die City-Kaufleute hatten sich immer wieder über lautstarke Dauerberieselung an manchen Ecken beschwert.

Aus der CDU-Ratsfraktion kommt scharfe Kritik. „Die Probleme am Raschplatz sind seit Jahren bekannt“, moniert Wirtschaftspolitikerin Kerstin Seitz. Es sei „ein Armutszeugnis für den Oberbürgermeister und seine Stadtspitze, dass sich Menschen am helllichten Tag nicht mehr über den Platz trauen, Geschäftsleute auf den Spießrutenlauf hinweisen und Gastronomen sich zurückziehen“. Immer wieder habe die Ratsmehrheit „schmunzelnd mit einem Handstreich“ Vorschläge der Opposition „vom Tisch gewischt“.

SPD-Baupolitiker Lars Kelich hingegen findet es „richtig, dass es die Stadt grundsätzlich angeht – gut Ding will Weile haben“. Er erwarte, dass das Sicherheitskonzept der Verwaltung „einen Mix aus Prävention und Ordnungsmaßnahmen“ beinhalten werde. „Wenn sich jemand danebenbenimmt, muss es Platzverweise geben.“

Von Andreas Schinkel 
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