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Aus der Stadt Geschichte des jüdischen Sports untersucht
Hannover Aus der Stadt Geschichte des jüdischen Sports untersucht
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10:11 03.05.2012
Von Simon Benne
Sozialer Zusammenhalt: Fußballteam von „Bar Kochba Hannover“, um 1934. Quelle: Blanck/wallstein
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Hannover

Es war ein ausgesprochen mutiger Brief, den Fritz Wolfes am 29. Dezember 1933 an die Stadt schrieb: „Ein Einwohner Hannovers, der kein Amt, keine Würde, keine Beziehung, keinen Auftrag hat, der nur insofern etwas ,Besonderes‘ ist, als er Jude ist, bittet ihm 2 Minuten Ihre Aufmerksamkeit zu schenken“, schrieb er an Oberbürgermeister Arthur Menge.

Wolfes war Mitglied der Vereinigten Turnerschaften Hannover (VTH), eines jüdischen Sportklubs, der in seiner Satzung die „Pflege mannhafter Gesinnung und die Liebe zum deutschen Vaterlande“ festgeschrieben hatte. Die Stadt hatte gleich nach der Machtübernahme der Nazis jüdischen Vereinen die Nutzungsverträge für Sportplätze und Turnhallen gekündigt. Und eben damit wollte sich Fritz Wolfes nicht abfinden: „Wenn 20 Japaner eine Turnhalle mieten würden, würde dem nichts entgegen stehen“, schrieb er an den Oberbürgermeister. Sein aus heutiger Sicht beklemmend anmutender Brief ist ein Dokument des Ringens um den Erhalt einer Normalität, die immer stärker verloren ging. Und er belegt, wie früh Juden in der NS-Zeit im Alltagsleben aus der Gesellschaft hinausgedrängt wurden.

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Lange vor den Nürnberger Rassegesetzen warfen viele Sportvereine aus eigenem Antrieb jüdische Mitglieder hinaus: Der TKH führte schon im Mai 1933 einen „Arierparagraphen“ ein. Seine nach dem jüdischen Ehrenvorsitzenden benannte „Julius-Blanck-Hütte“ im Süntel benannte der TKH stillschweigend in „Jahnhütte“ um. Vereine wie der BV Werder und die DJK Döhren meldeten sich bald „judenfrei“. Hannover 96 nahm vom 1. Januar 1934 an nur noch „arische“ Mitglieder auf – später als viele andere Klubs:  Der Verein hatte zuvor noch ein Darlehen beim Bankhaus Z. H. Gumpel laufen und wollte es sich mit dessen jüdischen Inhabern wohl nicht verderben.

„Gegen den Ausschluss von Juden gab es kaum Widerstände in den Vereinen“, sagt Lorenz Peiffer, Sportwissenschaftler an der Leibniz Universität. Gemeinsam mit seinem Kollegen Henry Wahlig hat er nach dreijähriger Forschungsarbeit jetzt das Buch „Juden im Sport während des Nationalsozialismus – Ein historisches Handbuch für Niedersachsen und Bremen“ vorgelegt (Wallstein Verlag, 407 Seiten, 34,90 Euro). Bei dem vom Land mit 225.000 Euro finanzierten Forschungsprojekt arbeiteten die Hannoveraner mit dem Historiker Moshe Zimmermann von der Hebrew University Jerusalem zusammen, sie interviewten Zeitzeugen und durchforsteten Zeitungsarchive.

Wenige Quellen zum Ausschluss der Juden

Die Quellenlage sei nicht gut gewesen, sagt Peiffer: „Über den Ausschluss von Juden gibt es fast keine Unterlagen.“ In Vereinschroniken stehe meist auffallend wenig über die Zeit von 1933 bis 1945. „Und bis heute hat sich kein einziger hannoverscher Sportverein systematisch mit diesem Kapitel seiner Klubgeschichte auseinandergesetzt.“ Dabei lässt sich nirgends so gut wie auf dem Feld des Sports durchdeklinieren, wie die Integration von Minderheiten funktioniert – oder eben deren systematische Ausgrenzung. „Der Ausschluss von Juden aus Sportvereinen war eine erste Gettoisierung“, sagt Sporthistoriker Wahlig. Bald turnten und kickten jüdische Sportler ausschließlich in eigenen Ligen, bei eigenen Meisterschaften, auf eigenen Sportplätzen.

Der Situation in Hannover widmet das gut lesbare Buch ein eigenes Kapitel. Die geschassten Juden traten hier nach 1933 in Scharen den beiden jüdischen Vereinen Bar Kochba und VTH bei, die ihre Mitgliederzahl binnen weniger Jahre auf 800 verdoppelten. Beide führten ein reges Vereinsleben. Die Spieler des zionistischen Klubs Bar Kochba trugen auf ihren Trikots den Davidstern. Noch 1935 traten die Bar-Kochba-Handballer bei Freundschaftsspielen gegen Teams von Hannover 96 und dem TSV Hainholz an. Da 96 nicht genug eigene Spieler aufbot, wurde ihre Mannschaft kurzerhand durch zwei jüdische Handballer verstärkt.

Freilich wies die Stadt den jüdischen Klubs – lange nach dem Beschwerdebrief Fritz Wolfes’ – nur noch abgelegene Trainigsstätten zu, etwa in Mecklenheide. Der VTH, dem andere Hallen verwehrt blieben, baute die alte Synagoge an der Bergstraße zur Turnhalle um. Im April 1938 gingen hier vor Hunderten Besuchern jüdische Reichsmeisterschaften im Geräteturnen über die Bühne. Nach der Zerstörung der Neuen Synagoge in der Pogromnacht wurde das alte Bethaus zwar wieder für Gottesdienste genutzt, doch zugleich blieb es Turnhalle: Die Sportler räumten fürs Training die religiösen Gegenstände einfach zur Seite.

Sport wurde für die drangsalierten Juden immer wichtiger: „Er war die einzige Abwechslung, die uns noch blieb“, berichtete die in Connecticut lebende Zeitzeugin Henni Simon den Historikern. Der Besuch anderer Veranstaltungen war Juden bereits verboten, da bot der Sport ihnen noch sozialen Zusammenhalt, kleine Fluchten aus dem NS-Alltag – und manchmal wohl auch einen höchst trügerischen Schutz.

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