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Aus der Stadt Gewalt im Westen Hannovers nimmt zu
Hannover Aus der Stadt Gewalt im Westen Hannovers nimmt zu
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11:57 23.05.2010
Von Tobias Morchner
Die PI West: Erstmals ist die Kriminalstatistik bezogen auf die 
Zuständigkeitsbereiche der sechs Polizei-
inspektionen (PI) veröffentlicht worden. 
In dieser Serie fragt die HAZ deshalb nach dem 
Sicherheitsgefühl der Bürger in den Stadtteilen.
 Quelle: Handout

Das Gebiet um den Schwarzen Bär in Linden-Süd ist Duhans und Anils Revier. Die beiden 16-Jährigen stolzieren die Falkenstraße entlang, ihre Finger tippen dabei ununterbrochen Kurzmitteilungen in ihre Handys. „Hier gibt es ständig Stress mit Jugendlichen aus anderen Stadtteilen“, sagt Duhan. Die Jungs aus Linden-Süd können vor allem die Jungs aus Linden-Nord nicht leiden. Einfach so. Einen Grund dafür können Duhan und Anil jedenfalls nicht nennen. Regelmäßig, so erzählen es die jungen Türken, kommt es zu Prügeleien mit den anderen Gangs. „Wir treffen uns dann auf Bolzplätzen oder so, wer feige ist, hat Schlagringe dabei, wer sich traut, nimmt die Fäuste“, sagt der 16-Jährige.

Im Stadtteil Linden-Süd sorgen die Beamte der Polizeiinspektion West für Ordnung. Sie sind zuständig für den gesamten Bereich, der sich von Stöcken über Linden bis nach Ricklingen erstreckt. In diesem Gebiet ist die Zahl der Körperverletzungsdelikte im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2008 dramatisch angestiegen. Die Zahlen im Bereich der einfachen Körperverletzung kletterten um 10,7 Prozent in der Statistik nach oben. Bei der gefährlichen Körperverletzung betrug der Anstieg sogar 18,5 Prozent. Die Polizei erklärt diese Entwicklung vor allem damit, dass immer mehr Opfer von häuslicher Gewalt Strafanzeigen gegen ihre Peiniger stellen.

Geschichten von gewaltsamen Übergriffen, die sich nicht hinter der verschlossenen Wohnungstür sonder auf offener Straße zutragen, hört Carmen Michel in ihrem Stöcken Friseursalon beinahe täglich. „Vor Kurzem ist eine Kundin von mir auf der Straße so brutal überfallen worden, dass sie immer noch an Krücken gehen muss“, sagt die 43-Jährige. Sie selbst fühlt sich ebenfalls nicht mehr wohl in ihrem Viertel - vor allem wegen der anhaltenden Schwierigkeiten mit russischstämmigen Jugendliche: „Sie stehen regelmäßig vor unserem Laden, trinken Wodka und werden dann aggressiv“, berichtet sie. An manchen Feierabenden habe sie sich aus Furcht vor den Angetrunkenen nicht mehr aus dem Salon getraut. „Ich habe von innen abgeschlossen, die Lichter ausgemacht und gewartet, bis sie abgezogen waren“, erklärt Michel.

Polizeioberkommissar Werner Lieckfeld, der in Badenstedt als Kontaktbeamter unterwegs ist, sieht sich dagegen weniger mit Fragen nach einem Anstieg der Gewaltdelikte konfrontiert. „Ältere Leute aber auch junge Familien treibt hier vielmehr das Thema Tageswohnungseinbruch um“, sagt der Beamte. In dem eher dörflich geprägten Stadtteil mache eine solche Tat, auch wenn es sich nur um einen Einzelfall handelt, immer schnell die Runde: „Die Leute wollen dann wissen, wie sie sich besser vor den Tätern schützen können, wo sie weitere Informationen finden.“ Bei Rentnern hoch im Kurs stehen darüberhinaus Lieckfelds Präventions-Veranstaltungen, bei denen das Abheben von Bargeld an einem echten Bankautomaten geübt wird. „Wir versuchen, den Senioren die Angst vor dem Gerät zu nehmen“, sagt der Polizist. Ziel des Trainings ist es, zu verhindern, dass die älteren Menschen von ihrer Gewohnheit abweichen und sich nur so viel Geld am Automaten holen, wie sie wirklich benötigen. „Wer sich am Monatsanfang seine gesamte Rente auszahlen lässt und das Geld in der Kaffeedose versteckt, macht es Trickbetrügern leicht, an Beute zu kommen“, so der Kontaktbeamte.

Die Bevölkerung in Ricklingen dagegen fühlt sich offenbar vor allem in den Abendstunden zunehmend weniger wohl in ihrem Viertel. Gefragt nach ihrem Sicherheitsgefühl, hatten, einer aktuellen Studie der Stadtverwaltung zufolge, 42 Prozent der Teilnehmer erklärt, dass sie sich abends in ihrem Stadtteil eher unsicher fühlen. „Uns ist bekannt, dass vor allem Ältere am Mühlenberger Markt oder im Canarisweg Angst verspüren, sobald es dunkel wird“, erklärt Michaela Michalowitz, die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin. Von einer Häufung von Gewaltstraftaten wisse sie dagegen nichts, teilte die CDU-Politikerin mit. „Vielmehr hatten wir im vergangenen Jahr Probleme mit Drogenhändlern und Einbrechern, die sich auf Gartenlauben spezialisiert hatten“, sagt Michalowitz. Außerdem seien die Probleme mit den Trinkern und Drogenabhängigen vom Schünemannplatz noch immer virulent: „Die Situation hat sich etwas verbessert, aber Beschwerden gibt es nach wie vor“, berichtet die Politikerin.

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