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Aus der Stadt Gewalt in der Innenstadt nimmt zu
Hannover Aus der Stadt Gewalt in der Innenstadt nimmt zu
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11:58 23.05.2010
Von Tobias Morchner
Brennpunkt City: Für die Sicherheit am Bahnhof sind Bundespolizeibeamte wie Friederike Kohlweg und Uwe Borchers zuständig. Quelle: Steiner

Ihr Einzugsgebiet ist riesig: Täglich kommen Tausende Menschen zum Einkaufen oder zum Arbeiten in Hannovers Innenstadt. Nachts locken mehr als 400 Kneipen und Klubs, mehrere Kinos und ein Rotlichtviertel Amüsierwillige der Stadt und der Region an. Die belebte City ist eines der Aushängeschilder der Landeshauptstadt geworden. Doch die Stadtmitte hat ein wachsendes Problem: Seit Jahren steigt die Zahl der Gewalttaten dort extrem an. Häufig ist dabei Alkohol im Spiel. Die Polizei versucht, des Problems mit zahlreichen Maßnahmen Herr zu werden. Beamte verhängen Aufenthaltsverbote. Sie führen gemeinsam mit der Stadt Alkoholtestkäufe durch. Die Behörde hat angekündigt, in diesem Jahr einige Großkontrollen in der Innenstadt durchführen zu wollen. Beim Startschuss am vergangenen Sonnabend erteilten die Beamten 89 Platzverweise. Doch ist bislang nicht absehbar, wann diese Konzepte greifen und sich spürbar auf die Gewaltspirale auswirken.

Kröpcke
Seit 30 Jahren gehört der Kiosk von Ilze Rodewald zur festen Einrichtung am Kröpcke. Seither beobachtet sie hinter ihrem kleinen Verkaufstresen die Szene auf dem Platz. „Auf die Polizei würde ich mich nicht verlassen“, lautet ihr Fazit, „bis die mal auf ihrem Streifenwagen rauskommen, sind die Verbrecher schon längst weg.“ Trotzdem hat sie keine Angst, wenn sie gegen 20 Uhr ihren Zeitungs- und Zigarettenstand abschließt und sich auf den Heimweg macht: „Was soll mir passieren, ich habe niemals Bargeld oder andere Wertsachen bei mir“, erklärt die Kioskfrau.

Jeden Tag um kurz vor 10 Uhr schnallt sich Michael Fischer seinen tragbaren Grill um die Hüften und brutzelt für die hungrigen Einkäufer Krakauer und Thüringer. Auch er findet, dass die Polizei in der City deutlich mehr Präsenz zeigen sollte: „Wenn die öfter hier wären, könnten sie so manchen Streit schlichten, bevor es zur Schlägerei kommt“, sagt der 24-Jährige. Er selbst fühlt sich nur deshalb sicher bei der Ausübung seines Berufs, weil er einen Freund stets in seiner Nähe weis: „Den Sicherheitsmann von Juwelier Wempe kenne ich, der ist da, wenn es hier Stress gibt.“

Hauptbahnhof
Zwischen Ernst-August-Platz und Raschplatz kümmern sich gleich mehrere Organisationen um die Sicherheit der Zugreisenden und Bahnhofsbesucher. In der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade gehen Mitarbeiter des Üstra-Sicherheitsdienstes Protec Streife. Der Bahnhofsbetreiber selbst, also die Deutsche Bahn AG, ist für die grundsätzliche Ordnung in dem Gebäude zuständig. Er kann deshalb von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Leuten, die auffällig werden, einen Platzverweis erteilen. Kommt die Person dieser Aufforderung nicht nach, wird sie ein Fall für die Beamten der Bundespolizei. Sie sind vor Ort für die Ahndung von Straftaten zuständig.

Regelmäßig beteiligen sich die Bundespolizisten an den Präventionsmaßnahmen der Kollegen der Polizeiinspektion Mitte. „Auch im Bahnhof ist es so, dass vor allem an den Wochenenden alkoholisierte Jugendliche zunehmend gewaltgeneigt sind“, erklärt Behördensprecher Ralf Göttner. Die Schülerin Ulrike Gropengießer hat diese Erfahrung schon selbst gemacht. Regelmäßig fährt sie mit der Bahn von Langenhagen in die City. Die 15-Jährige liebt es, sich mit ihren Freundinnen in einem Café am Platz der Weltausstellung zu treffen.

„Wenn ich dann abends im Bahnhof warte, um nach Hause zu fahren, habe ich oft ein mulmiges Gefühl“, sagt sie. Immer wieder pöbeln Betrunkene die Schülerin an, regelmäßig muss sie sich dumme Sprüche anhören. „Vom Sicherheitspersonal ist in solchen Situationen meist weit und breit nichts zu sehen“, erklärt Gropengießer.

Raschplatz
Timo (18) und seine Klassenkameraden Dennis (19) und Boris (18) haben eingekauft: Plastikbecher, eine Flasche Cola, eine Flasche Wodka tragen die Schüler gerade aus einem großen Supermarkt am Raschplatz. Es ist Donnerstagabend, und das Trio bereitet sich auf eine Partynacht vor: „Wir wollen noch tanzen gehen, aber in den Klubs sind die Getränke zu teuer, deshalb genehmigen wir uns vorher den einen oder anderen Schluck“, sagt Timo. Vorglühen nennt die Polizei dieses Verhalten, das immer mehr Jugendliche an den Tag legen und das regelmäßig in Schwierigkeiten mündet. „Die meisten Gewalttaten, mit denen wir es zu tun haben, werden unter Alkoholeinfluss verübt“, sagt Polizeisprecher Thorsten Schiewe. Lieselotte Mayer ist die Gegend um den Raschplatz wegen des Alkoholproblems bereits jetzt nicht mehr geheuer. „Tagsüber pöbeln die betrunkenen Obdachlosen vom Zentralen Omnibusbahnhof herum, nachts sind es die Diskogänger“, meint die 53-Jährige.

Opernplatz
Donna-Shopleiterin Lisa Habenicht kennt die Gewalt in der Stadt aus eigener Anschauung. Nach dem Moonlight-Shopping im Dezember fuhr sie von ihrem Geschäft am Opernplatz mit der Stadtbahn nach Hause: „Auf der Fahrt prügelte plötzlich ein Mann auf einen anderen ein“, erinnert sie sich. Die 24-Jährige lief zum Fahrer, berichtete, was sich in dem Wagen abspielte, rief dann per Handy die Polizei. Abends verlässt die junge Frau den Laden grundsätzlich niemals alleine. „Wir gehen nach Feierabend immer zusammen zur Haltestelle, weil wir Angst haben“, sagt sie. Ein paar Schritte weiter liegt die Trattoria von Heidi Kajteranovic. Auch sie hat bereist einschlägige Erfahrungen machen müssen: „Bei uns ist im vergangenen Jahr eingebrochen worden, und alles war durchwühlt“, erzählt die 55-Jährige. Bis heute ist der Täter nicht gefasst. „Wer hier arbeitet, muss schon aufpassen“, sagt die Trattoria-Chefin. Den Hintereingang schließt sie seitdem ab, wenn sie alleine arbeitet: „Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl.“

Wenn Irene Klingenberg nachts aus der Oper kommt, ärgert sie sich. „Es gibt immer Probleme mit den FrauenNachtTaxis“, erklärt die 72-Jährige. Es dauere jedes Mal ziemlich lange, bis die Fahrzeuge zur Stelle seien. Stattdessen die Üstra für den Heimweg zu benutzen ist ihr zu unsicher: „Ich habe da nachts einfach Angst“, sagt die Opernliebhaberin.

Steintor
„Natürlich ist Gewalt auch ein Thema bei den Leuten“, erklärt Heiko Wallbaum. Er ist als Kontaktbeamter der Polizeiinspektion Mitte zuständig für das Steintor. Betroffen seien aber in der Regel Personen, die von außerhalb zum Feiern kommen, erklärt der Beamte. Die Schülerinnen Jasmin und Leyla gehen gerne am Steintor feiern – auch wenn sie die Gegend für gefährlich halten: „Viele Jungs laufen hier mit Messern herum“, berichtet Jasmin. Oft werden die Mädchen auch von Betrunkenen angepöbelt. „Die Polizei fährt nur ab und zu mal mit dem Auto hier rum, das ist zu wenig“, meint Leyla. Mehmet Öküzbogan ist Chef eines Restaurants in der Münzstraße. Er lebt vor allem von den Partygängern zwischen Reuter- und Scholvinstraße: „Ich habe das Gefühl, dass es hier in den letzten Jahren ruhiger geworden ist“, sagt er.

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