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Aus der Stadt Der Trick mit dem Baby
Hannover Aus der Stadt Der Trick mit dem Baby
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21:28 02.09.2015
Von Gunnar Menkens
Allein in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Oststadtkrankenhaus leben 19 deutsche Kinder ghanaischer Mütter. Von den Vätern ist meist weit und breit nichts zu sehen. Quelle: Nigel Treblin
Hannover

Diese Geschichte handelt nicht von Flüchtlingen, die in Deutschland Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen. Sie handelt auch nicht davon, dass Menschen Asylrecht missbrauchen. Es geht um schwangere Frauen, meist aus Ghana, und mutmaßliche Schleuser, die deutsche Gesetze in ihren Feinheiten kennen und nutzen. Die Frauen stellen keine Asylanträge, weil Ghana als sicherer Herkunftsstaat eingestuft ist und kaum jemand Aussicht auf Erfolg hätte. In Deutschland können Mütter und Kinder dennoch bleiben, legal und mit einer amtlichen Aufenthaltserlaubnis ausgestattet, um die Familiengemeinschaft zu erhalten.

Nach Auskunft der Stadt sind seit 2012 nun 274 Frauen aus Ghana eingereist, die ein Kind erwarteten. Im hannoverschen Ausländeramt in der Leinstraße haben Mitarbeiter seit Längerem den Verdacht, dass es sich um ein organisiertes System handelt. Belege dafür gibt es nicht, die Frauen reden nicht darüber. Zu ähnlich erscheinen Fachleuten aber die einzelnen Fälle, um von Zufällen zu sprechen. Üblicherweise verläuft solch eine Geschichte so:

Frauen reisen illegal nach Deutschland ein, in den meisten Fällen über ein Land der Europäischen Union, und melden sich bei der Stadt. Der Moment dafür scheint mit Bedacht gewählt: Die werdenden Mütter sind meist hochschwanger und genießen sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt gesetzlichen Mutterschutz. Abschiebungen während dieser Zeit sind nicht möglich. Melden sich Frauen vor Beginn dieser Frist bei der Stadt, machen sie in der Regel eine Risikoschwangerschaft geltend - auch dies schützt sie davor, Deutschland verlassen zu müssen. Im Rathaus vermutet man, dass Schwangere zuvor von Organisationen wie Maltesern oder dem Flüchtlingshilfeverein Kargah betreut wurden.

Länderlexikon: Ghana

Der 27-Millionen-Einwohner-Staat in Westafrika gilt asylrechtlich als sicheres Herkunftsland. „Gemessen an demokratischen Grundsätzen, guter Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenrechte und innerer Stabilität ist Ghana nicht nur aus deutscher Sicht ein Modellland in Afrika“, heißt es beim Auswärtigen Amt in Berlin. Neben dem Senegal ist Ghana das einzige afrikanische Land mit diesem Status. In Hannover leben nach Angaben der Landeshauptstadt derzeit 1308 Ghanaer, 765 weibliche und 543 männliche Personen, darunter sind Kinder wie Erwachsene. 499 dieser Menschen besitzen eine Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen, von denen 365 weiblich sind.

Meist kündigen die Frauen schon beim ersten Behördenbesuch an, dass das ungeborene Kind die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten werde - entweder erkennt ein Deutscher die Vaterschaft an oder ein Ausländer, der eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis besitzt. Eine Vaterschaft rechtsgültig anzuerkennen ist möglich, ohne der biologische Vater zu sein. Ist das Kind geboren und die Vaterschaft festgestellt, ist auch der Mutter ein Aufenthalt sicher. Sie bekommt als „sorgeberechtigter Elternteil eines deutschen Kindes eine Aufenthaltserlaubnis aus familiären Gründen“, heißt es bei der Stadt. In der Praxis wird diese Erlaubnis regelmäßig verlängert.

Das Papier schließt auch mitgereiste Kinder ein, ein DNA-Test überprüft zuvor die genetische Verbindung zwischen Mutter und Nachwuchs. Bei der Ausländerbehörde beobachten Mitarbeiter indes, dass eine Familie dadurch nur selten entsteht. Mutter und rechtlicher Vater wohnen meist nicht zusammen, weshalb sich die Stadt um eine Unterkunft bemüht. Oft ist das ein Platz in einem Flüchtlingsheim. So kommt es, dass derzeit im Oststadtstadtkrankenhaus, Hannovers größter Unterkunft, 19 deutsche Kinder ghanaischer Mütter leben.

Im Rathaus kann man gegen diese Strategie nichts unternehmen. Illegal ist in etlichen Fällen die Einreise, der Aufenthalt ist es nicht. „Die Situation ist nicht glücklich. Wir würden gerne die Plätze in den Unterkünften für Menschen zur Verfügung stellen, die von Gewalt und Krieg bedroht sind“, sagt Marc Hansmann (SPD), im Rathaus verantwortlicher Dezernent für Finanzen und Ordnung. Die Stadt hatte früher in einigen Fällen versucht, Vaterschaften anzufechten, die sie für fingiert hielt, Erfolg hatte dieser Weg jedoch nie - kam es zur Gerichtsverhandlung, berichteten diese Männer von engen Kontakten zu den Kindern. Seit im Dezember 2013 das Bundesverfassungsgericht einschritt, ist Kommunen diese Prüfung verwehrt. Die Richter betrachteten solche Prüfungen als unzulässigen Versuch, Deutschen die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Kaum Chance, gezahlte Leistungen zurückzuholen

Menschen, die legal in Deutschland leben, haben das Recht auf staatliche Unterstützung, auch ghanaische Mütter und ihre Kinder. Kommunen zahlen Hilfe nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, bis für das Kind die Staatsangehörigkeit festgestellt wurde. Danach kommen Grundsicherung oder Sozialhilfe, Kindergeld und, in der Regel, Unterhaltsvorschuss, da die rechtlichen Väter kein Geld haben. Die Stadt hat deshalb kaum eine Chance, sich gezahlte Leistungen zurückzuholen.

274 Frauen in knapp vier Jahren. Ein System, meinen Fachleute im Rathaus. Sie vermuten, „dass in Ghana Vaterschaftsanerkennungen vermittelt werden“. Männer, die nichts zu verlieren haben, weil finanziell bei ihnen nichts zu holen ist, die aber Geld dafür kassieren, ihren Namen herzugeben. Im Rathaus heißt es, dass es die Frauen sind, die für diese Art von Geschäft Geld an Vermittler wie Schleuser zahlen.

Naomi, ihr Baby und der Weg zum Bleiberecht

Susanne Erdmann gehört zu den „Guten“. Statt im Ruhestand die Beine hochzulegen, hat sie wie viele im Viertel vor etwa einem Jahr beschlossen, sich im Flüchtlingsheim zu engagieren. Zwei Nachmittage in der Woche unterrichtet die ehemalige Lehrerin Deutsch, wie in alten Tagen. Diesmal jedoch unentgeltlich und mit dem Wunsch, Heimatlose in Deutschland willkommen zu heißen.
Vorweg sei gesagt: Susanne Erdmann heißt in Wirklichkeit anders; ihren wirklichen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Denn sie stellt Fragen, mit denen man in diesen Wochen schnell in der rechten Ecke landet und mit denen man seinen Ruf als „Gute“ verwirkt. Darf man über Fluchtmotive reden und sie sogar hinterfragen? Muss man über die trickreichen Geschäfte der Schleuser schweigen, weil man ansonsten die Opfer gefährdet? Es geht um Frauen.

Irgendwann in den vergangenen Monaten hat Susanne Erdmann im Flüchtlingsheim einen Frauenkreis gegründet, den sie gesondert von den Männern unterrichtet – es sind durchweg junge Frauen aus Ghana, die hochschwanger sind oder gerade ein Kind geboren haben. Das Treffen hat den Charakter einer netten Plauderstunde. Eine der Frauen hat Susanne Erdmann näher kennengelernt. Man verstand sich auf Anhieb.

Traum vom besseren Leben

Naomi – auch dieser Name ist geändert – erzählte ihrer „Lehrerin“, dass sie in ihrer Heimat studiert hat. Im Anschluss an das Gratis-Studium hätte sie für den aufstrebenden Staat „Sozialstunden“ absolvieren sollen; so ist es üblich. Naomi träumte jedoch von einem besseren Leben; am liebsten in Deutschland, wo es nicht so „heiß“ und nicht so „schwierig“ ist. Ein „Vermittler“ organisierte schließlich falsche Papiere und ein Flugticket in die Niederlande; gegen einen guten Preis, für den Naomis Familie zusammenlegte. Nach Erkenntnissen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf sind in Nigeria und Ghana Preise von 40 000 bis 80 000 Euro für diesen Dienst üblich, der mittels einer internationalen Bande von Menschenhändlern manchmal auch in einem Bordell endet.

Was Naomi in Amsterdam erlebt hat, erzählt sie nicht. Angeblich hat sie dort den Vater ihres Kindes, einen Deutschen, kennengelernt, der sie kurz vor dem Entbindungstermin nach Hannover holte. Dort hat sich Naomi bei der Ausländerbehörde gemeldet, die ihr einen Platz in der Flüchtlingsunterkunft zuwies. Wäre sie nicht schwanger gewesen, hätte sie nach Dortmund oder München reisen müssen, um sich bei den zuständigen Asyl-Stellen für Ghanaer und Nigerianer registrieren zu lassen.

Schwangere Frauen - ohne Vater

Mag sein, dass sich Susanne Erdmann bereits früh die Frage stellte, warum eine Studentin wie Naomi aus ihrer Heimat flieht. Auch die Erkenntnis, dass sich immer mehr schwangere Frauen aus Westafrika bei den Behörden meldeten, durchweg ohne Vater, machte sie stutzig. In der Erstaufnahmeeinrichtung in Osnabrück sind nach Auskunft der Diakonie 80 Prozent der Frauen schwanger.

Aber entscheidend waren am Ende ein paar seltsame Begebenheiten. Kurz vor der Geburt machte Naomi mit anderen Frauen aus der Unterkunft einen Tagesausflug nach Berlin, um sich für jeweils 250 Euro in der Botschaft von Ghana einen gültigen „richtigen“ Pass ausstellen zu lassen. Für die Geburtsurkunde sind diese Papiere zwingend. Nach der Geburt bemerkte Susanne Erdmann, wie Naomi ihren Pass einem Taxifahrer afrikanischer Herkunft überreichte, der vor der Unterkunft auf sie wartete. Auf Nachfrage erklärte Naomi ihrer Lehrerin, dass dies der Vater ihres Kindes sei.

„Was wollen Sie?“

Demnächst will Naomi mal nach Ghana reisen, damit ihre Eltern ihr Enkelkind kennenlernen. In einem Papier, das Susanne Erdmann in die Hände bekam, beschreibt ein Sozialverband ausführlich den Weg zum Bleiberecht per Geburt. „Was wollen Sie?“, fragte ein Sozialarbeiter, den sie darauf ansprach.

Im Juni hat Susanne Erdmann einen Brief an Oberbürgermeister Stefan Schostok geschrieben und um eine „Ergründung der Hintergründe“ gebeten. Schostok hat sie an die Polizei verwiesen. Dort hieß es, dass man wenig tun könne. Die Ausländerbehörde hat ihr ein Gespräch im Oktober angeboten. Die Frage nach der Zahl der Schwangeren aus Ghana wurde vorab bereits mit Verweis auf den Datenschutz zurückgewiesen.

Bei Kobra, einer Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel, ist das Thema bekannt. Aber auch dort bekommt man den Rat, lieber keine öffentliche Diskussion anzuzetteln. Wichtig sei es, den Frauen und ihren Kindern zu helfen – viele der anerkannten Väter würden sich zudem liebevoll kümmern.

Von Gabi Stief

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