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Aus der Stadt Gottesdienst erinnert an Völkermord an Armeniern
Hannover Aus der Stadt Gottesdienst erinnert an Völkermord an Armeniern
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00:18 27.04.2015
Von Simon Benne
100 Glockenschlaege erklingen zum Ende des Gottesdienstes.
100 Glockenschlaege erklingen zum Ende des Gottesdienstes. Quelle: Wallmüller
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Hannover

Welcher junge Mensch kennt noch die Namen seiner Urgroßeltern? Oder die Namen der Orte, in denen diese vor 100 Jahren lebten? Tatev Hanesyan kennt diese Namen. Städte in der heutigen Türkei, in Georgien und Armenien kann die 20-jährige Studentin aufzählen, die selbst in Deutschland geboren ist.

In der Neustädter Hof- und Stadtkirche gab es zum Gedenken an den Genozid an den Armeniern im Jahr 1915 einen Gedenkgottesdienst.

Und sie kann die Geschichten erzählen, die ihre Urgroßmutter ihr erzählt hat. Es sind Geschichten von Verfolgung, Flucht und Tod. "Jeder Armenier hat damals Familienmitglieder verloren", sagt Tatev Hanesyan in der Neustädter Kirche.

Ehrliche Trauer 

Es sind die Nachgeborenen, die sich hier versammelt haben. Kaum ein Platz ist frei geblieben begab im Gottesdienst zum Gedenken an den Völkermord an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich vor genau 100 Jahren, rund 300 Menschen sind gekommen. Die meisten Besucher sind jung, Männer tragen schwarze Anzüge, einige Frauen haben ihre Kinder an der Hand. Und vielen steht an diesem Tag ehrliche Trauer ins Gesicht geschrieben.

Prägend für die gesamte Generation

Eine Tragödie kann so gewaltig sein, dass sie das Lebensgefühl von Familien und die Identität einer ganzen Nation für Generationen prägt. In Deutschland weiß man das vielleicht besser als anderswo: "Wir wollen das Schicksal der Armenier öffentlich machen, Trauer und Entsetzen vor Gott bringen und zur Versöhnung einladen", sagt Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann.

Neben Protestanten wirken auch katholische und orthodoxe Geistliche an dem Gottesdienst mit - acht christliche Konfessionen bekunden ihre Solidarität mit den Armeniern, auch Landesbischof Ralf Meister ist gekommen. "Wir sind sehr dankbar, dass alle gemeinsam ein Zeichen setzen", sagt Sahak Hakobyan, Vorsitzender der armenischen Kulturgesellschaft Nairi: "Es ist wichtig zu zeigen, dass wir die Ermordeten nicht vergessen haben." Das Leid ihres Volkes soll endlich anerkannt werden - das ist das Anliegen, das die Armenier hier eint.

Öffentliche Anerkennung ist wie Erlösung

Einige von ihnen sind vor Jahrzehnten als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen, andere aus Armenien. Das Leben in der Diaspora, verstreut in alle Welt, ist seit 1915 das Schicksal der Armenier. Das gemeinsame Leid ist auch ein Band, das sie verbindet: "Die Geschichte ist bei uns sehr präsent", sagt die Studentin Tatev Hanesyan, die sich in armenischen Jugendorganisationen engagiert. "Für uns ist es wie eine Erlösung, dass der Völkermord in diesen Tagen endlich öffentliche Anerkennung findet."

Es sind schwermütige Gesänge, die armenische Kantoren in der Kirche anstimmen. Der Geistliche Gnel Gabrielyan trägt Gebete in armenischer Sprache vor. Und Landessuperintendentin Spieckermann erinnert daran, dass auch die deutschen Verbündeten der Türken 1915 Schuld auf sich luden. Dann wendet sie den Blick in die Gegenwart: "Heute gibt es erneut ein brutales Menschenvernichten", sagt sie mit Blick auf den Orient und Afrika.

100 Glockenschläge

Hundert Kerzen brennen auf den Altarstufen, als die Gemeinde in einem alten Lied um das Erbarmen Gottes bittet: "Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit." Dann beten die Vertreter der Konfessionen für die Opfer von damals, für die Verfolgten von heute - und für die Verfolger: "Öffne ihr Herz für das Leid, das sie anderen antun", sagt Sahak Hakobyan. Am Ende erklingen 100 Glockenschläge, dazu tragen die Gläubigen brennende Kerzen hinaus. Schweigend formieren sie sich auf dem Kirchvorplatz zu einer großen Jahreszahl: 1915. Wie ein Zeichen dafür, dass Zeit Erinnerung nicht auslöschen kann.

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