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Aus der Stadt Greift die Zentrale beim ADAC durch?
Hannover Aus der Stadt Greift die Zentrale beim ADAC durch?
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00:15 22.08.2013
Von Michael Zgoll
Die Gerüchteküche brodelt beim ADAC Niedersachsen / Sachsen-Anhalt. Quelle: dpa
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Hannover

Fakt ist: Geschäftsführung und Personalleitung des ADAC Niedersachsen / Sachsen-Anhalt liegen seit Jahren mit dem Betriebsrat und einigen ehemaligen Mitarbeitern des Automobilklubs aus Laatzen im Clinch. Die Prozesse vor dem hannoverschen Arbeitsgericht um Entlohnung und E-Mail-Spionage, um Aussperrung, Beleidigungen oder Pflichtverletzungen nehmen kein Ende. Am Montag nun wurde in überregionalen Medien berichtet, dass das ADAC-Präsidium den norddeutschen Regionalklub an die Kandare nehmen wolle. Nur ein Gerücht?

Der ADAC-Chef aus der Münchener Zentrale, Peter Meyer, weilt gerade in Urlaub. Vor Wochen bereits soll er gesagt haben, dass er Anfang Juli anlässlich eines Präsidiumsbesuchs in Laatzen ein „Konzept“ vorgelegt habe, um die Lage in Niedersachsen zu beruhigen - nur intern, für die Gremien des Automobilklubs. Visiten der Zentrale bei den 18 Regionalklubs gebe es immer mal wieder, sagt Sprecherin Sabine Schlemmer. Und: „Natürlich haben sich die Gremien des ADAC im Juli auch über die Streitigkeiten im Verein ausgetauscht.“ Ein Durchgreifen des Präsidiums und klare Anordnungen dementiert sie jedoch: „Es gab und gibt keinen schriftlichen Weisungskatalog, der umgesetzt werden muss.“

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Befeuert werden die Vermutungen, dass die Münchener bei ihrem Besuch vor den Toren Hannovers dennoch ein baldiges Ende der wenig werbewirksamen Querelen gefordert haben, durch den Rücktritt des hiesigen ADAC-Vorstandsvorsitzenden Reinhard Manlik. Dieser hatte sein Amt drei Wochen nach Meyers Besuch in Laatzen niedergelegt - und vier Monate nach der jüngsten Jahreshauptversammlung in Celle, wo er ebenso wie einige andere Vorstandsmitglieder im Amt bestätigt worden war. Im Vorfeld hatte sich eine oppositionelle Gruppierung zu Wort gemeldet, die die Führungsriege stürzen wollte; jedoch waren die Rebellen im Zuge einer turbulenten Sitzung gescheitert.

Ende Juli nun hatte der 67-jährige Manlik bekundet, dass er aus rein persönlichen Gründen zurücktrete, auch, weil er in Braunschweig noch etliche politische Ämter bekleide und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wolle. Er habe sich schon länger mit dem Gedanken getragen, beim ADAC kürzerzutreten, sich im März aber noch einmal zur Wahl gestellt, damit das bewährte Vorstandsteam den niedersächsischen Automobilklub wieder in ruhigeres Fahrwasser führen könne. Als Manliks Nachfolger wurde der 66-jährige Ulrich Krämer benannt, im Vorstand für den Bereich Technik zuständig.

Was immer die Motive Manliks waren, seinen Vorstandsposten aufzugeben: Nach wie vor im Amt ist Geschäftsführer Hans-Henry Wieczorek, der immer wieder im Fokus der Auseinandersetzungen steht. Seine Fürsprecher loben ihn als erfolgreichen Sanierer, der den wirtschaftlich angeschlagenen Regionalklub nach seinem Amtsantritt 2005 wieder auf Erfolgskurs steuerte - und dabei notgedrungen verkrustete Strukturen aufbrach. Kritiker werfen ihm selbstherrliches Handeln und Missachtung elementarer Rechte von Mitarbeitern - insbesondere vom Betriebsrat - vor. Erst wenn Wieczorek nicht mehr Geschäftsführer sei, so seine Gegner, könne beim ADAC Niedersachsen / Sachsen-Anhalt wieder Ruhe einkehren.

Seit 2008 gab es rund hundert Verhandlungstermine vor dem hannoverschen Arbeitsgericht, die meisten angestoßen vom Betriebsrat. Häufig kam es zu einem Vergleich, oft bekam die Mitarbeitervertretung Recht. So durfte sie beispielsweise einen HAZ-Artikel am Schwarzen Brett aushängen, der den Zoff zwischen den verfeindeten Parteien thematisiert hatte. Auf einer der nächsten Betriebsversammlungen in Laatzen kann ein Rechtsanwalt auftreten, der über die Ausgestaltung spezieller Arbeitsverträge referieren möchte, aber im Vorjahr ausgesperrt worden war. Und einen Prozess um bessere Bezahlung - auf Basis des Tarifvertrags der Versicherungswirtschaft - haben kürzlich sechs ADAC-Angestellte gegen ihren Arbeitgeber gewonnen.

Einen nicht unerheblichen Erfolg kann aber auch Wieczorek für sich verbuchen. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat im Juli ein Ermittlungsverfahren gegen Führungskräfte der Laatzener Klubzentrale eingestellt. Die Vorwürfe einer Behinderung der Betriebsratsarbeit und der Bespitzelung von Mitarbeitern seien nicht hinreichend belegt oder strafrechtlich nicht relevant, viele Beschuldigungen einer ehemaligen IT-Chefin nicht hinreichend konkretisiert. Doch abgesehen davon, dass Betriebsrat und Dienstleistungsgewerkschaft ver.di Beschwerde gegen diesen Bescheid eingelegt haben - die Juristen beider Lager haben eh noch reichlich zu tun. Allein im Oktober hat das Arbeitsgericht schon wieder drei Sitzungen terminiert. Unter anderem geht es um einen Antrag von Geschäftsführung und 49 ADAC-Mitarbeitern, den Betriebsrat wegen grober Pflichtverletzungen aufzulösen.

Vielerorts wird spekuliert, dass Wieczorek seinen Geschäftsführerposten in naher Zukunft räumen wird, vielleicht auch eine andere Aufgabe beim ADAC übernimmt. Getuschelt wird ebenso über einen aus München stammenden Nachfolger, der angeblich schon in den Startlöchern stehen soll. Doch geradestehen für solche Gerüchte möchte niemand. Präsident Meyer wird lediglich mit einem - interpretationsfähigen - Dementi zitiert: Es sei keine Ablösung oder Beurlaubung des Geschäftsführers geplant - in den nächsten Monaten nicht. Wieczorek selbst, nach einem Herzinfarkt im Frühjahr gesundheitlich angeschlagen, verweigert jeden Kommentar zu den Spekulationen um seine berufliche Zukunft.

Mathias Klein 22.08.2013
Bernd Haase 22.08.2013
Stefanie Nickel 22.08.2013