Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Grippewelle hat Hannover im Griff
Hannover Aus der Stadt Grippewelle hat Hannover im Griff
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 27.02.2015
„Ich hab’ das ganze Drum und Dran“: Patientin Kyana Leidecker hat sich mit Müh’ und Not zu ihrem Hausarzt Helmut Beermann geschleppt. Der diagnostiziert am Ende eine starke Erkältung. Quelle: Michael Thomas
Anzeige
Hannover

Hustend und schniefend sitzt Kyana Leidecker in der Praxis von Helmut Beermann. „Mir geht es wirklich sehr schlecht“, klagt die 22-Jährige. „Kopfweh, Gliederschmerzen, extremer Schnupfen - ich habe das gesamte Drum und Dran.“ Seit Dienstag kämpft sie mit den starken Symptomen. „Eigentlich hab’ ich mich sonst impfen lassen, nur letztes Jahr nicht - das ärgert mich jetzt schon“, gesteht sie. „Allein der Weg zum Arzt war sehr beschwerlich.“

Immerhin: Kyana Leidecker muss an diesem Dienstag bei Doktor Beermann nicht lange warten. Anders sah es da am Montag bei Matthias Berndt in der List aus. „Unsere Patienten standen bis auf die Straße, um behandelt zu werden“, sagt der Allgemeinmediziner, der mit zwei Kollegen eine Gemeinschaftspraxis betreibt. So etwas habe er schon lange nicht mehr erlebt. Allein am Montagvormittag kamen insgesamt 300 Patienten, etwa die Hälfte von ihnen mit Grippe. Ihre Symptome seien im Prinzip stets dieselben gewesen: Plötzliches hohes Fieber, starke Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen, oft auch Husten. „Seit Ende vergangener Woche beobachten wir eine starke Zunahme der Grippefälle“, sagt Berndt.

Anzeige

Gegen Infektion hilft nur Grippeschutzimpfung

Er verordnet seinen Patienten vor allem Ruhe. „Eine Grippe ist etwas anderes als eine Erkältung“, sagt der Arzt, „da kann man nicht schon nach zwei Tagen wieder arbeiten.“ Gegen eine Infektion helfe nur die Grippeschutzimpfung. Doch um sich jetzt noch impfen zu lassen, sei es fast schon zu spät. Zehn bis 14 Tage brauche der Grippeschutz, um sich aufzubauen. „Wir impfen nur noch gezielt in Einzelfällen“, berichtet Berndt - also chronisch kranke oder geschwächte Patienten oder wie jetzt den Ehemann einer Schwangeren, der „sichergehen wollte, dass er zu Hause niemanden ansteckt“.

Höhepunkt der Infektionswelle noch nicht erreicht

Die Empfehlung von Pneumologe Mark Voss-Dirks sieht etwas anders aus: Der Arzt für Lungen- und Bronchialheilkunde rät dringend dazu, sich auch jetzt noch impfen zu lassen. „Wir haben den Höhepunkt der Infektionswelle noch nicht erreicht“, sagt er. „Seit etwa zwei Wochen kommen täglich zehn bis 15 unangemeldete Patienten mit akuten Infekten - rund ein Drittel von ihnen hat eine echte Grippe.“ In den meisten Fällen haben seine Patienten noch mit Lungenerkrankungen, wie beispielsweise Asthma, zu kämpfen. „Wenn sich da dann noch ein viraler Infekt draufsetzt, wird es gefährlich.“ Zudem behandle er zurzeit viele Patienten mit Mischbildern, also einer Influenza oder Erkältung, zu der ein bakterieller Infekt, etwa eine Hals- oder Nasennebenhöhlenentzündung, hinzukommt.

Mit Erkältung und Grippe hat auch Allgemeinmediziner Lutz Müller derzeit täglich zu tun. „Das Wartezimmer ist oft komplett überfüllt, wir müssen sogar Klappstühle rausstellen“, sagt der Arzt mit Praxis in der Südstadt. Er beobachte bereits seit kurz vor Weihnachten ein erhöhtes Aufkommen von Infekten - sowohl Grippe, als auch Erkältungen. „Normalerweise behandele ich montags rund 40 Patienten - zurzeit sind es eher um die 70“, sagt er. Die Gründe dafür seien vielfältig: „Einerseits gab es eine gewisse Impfmüdigkeit, andererseits ist das nasskalte Wetter auch ideal für die Infekte“, sagt er. Doch viele seiner Patienten leiden nur unter einer Erkältung und nicht unter einer echten Grippe.

So ist es auch bei Kyana Leidecker. „Es ist nur eine Erkältung“, diagnostiziert Beermann. Er hat, im Gegensatz zu seinen Kollegen, in dieser Saison erst zwei echte Grippefälle in seiner Praxis gehabt. Beermann führt das auf den guten „Durchimpfungsgrad“ in der Patientenschaft zurück. „Darunter sind viele mit Asthma und anderen Lungenerkrankungen. Da ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, schon sehr hoch.“

Skepsis gegenüber Impfung

Dennoch erlebt auch er ab und zu Skeptiker: Erst am Montag bemängelte einer seiner Patienten, die Impfung würde lediglich mit 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit schützen. „Es ist sehr schade, dass manche Leute es einfach nicht einsehen - der Schutz besteht in diesem Jahr zu 75 Prozent“, sagt Beermann. Er schwört auf das Impfen gegen Grippe: Die meisten Fälle hätten bei entsprechender Vorsorge vermieden werden können, meint der Arzt.

Grippe oder grippaler Infekt?

Ob Grippe oder Erkältung: In beiden Fällen handelt es sich um eine Virusinfektion. Doch damit enden schon die Gemeinsamkeiten. Eine echte Grippe wird durch Influenzaviren verursacht, weshalb man auch von Influenza spricht. Sie beginnt meist schlagartig mit hohem Fieber bis 41 Grad, Abgeschlagenheit und einem ausgeprägten Krankheitsgefühl im ganzen Körper. Es gibt drei Typen von Grippeviren: A, B und C. Weil Influenzaviren, vor allem Typ A und seine Subtypen, sehr wandlungsfähig sind, empfiehlt sich eine jährliche Schutzimpfung. Aktuell grassieren vor allem die klassischen Subtypen H1N1 (Schweinegrippe) und H3N2.

Eine Influenza kann vor allem chronisch Kranke, Säuglinge, Kleinkinder und ältere Menschen derart schwächen, dass in deren Verlauf eine bakterielle Infektion hinzukommen kann. Im Zuge einer Influenza können sich Patienten unter anderem zusätzlich eine Lungen-, Hirnhaut- oder Herzmuskelentzündung zuziehen. Eine echte Grippe sollte deshalb nie auf die leichte Schulter genommen, sondern auskuriert werden. Eine Erkältung oder ein grippaler Infekt beginnen meist schleichend mit einem Kratzen im Hals, und je nach Verlaufsform verschlechtert sich der Zustand mit Schnupfen, Husten und erhöhter Temperatur. Auslöser sind verschiedene Viren wie Rhinoviren, Coronaviren oder Adenoviren. Wissenschaftlern sind bisher mehr als 200 aus unterschiedlichen Gattungen bekannt. Antibiotika sind dagegen wirkungslos, genauso wie gegen Influenzaviren. Antivirale Medikamente, die eine Ausbreitung der Viren hemmen, sind nur 48 Stunden nach einer Infektion wirksam.

Influenza legt stark zu

Positivrate steigt auf 52 Prozent: Die Zahlen des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes (NLGA) bestätigen die Erfahrungen der Ärzte. In der 8. Kalenderwoche vom 16. bis 20. Februar wurde in 52 Prozent von 201 im NLGA direkt untersuchten Abstrichen aus Kinderarztpraxen Influenza nachgewiesen. Vor drei Wochen lag dieser Wert noch bei 20 Prozent. Niedersachsenweit wurden vergangene Woche insgesamt 452 Fälle von Influenza übermittelt. Diese Zahlen sagen allerdings nichts über die tatsächlichen Fälle von Influenza aus, sagt NLGA-Sprecherin Dagmar Ziehm. „Es gibt deutlich mehr Grippeinfektionen.“ 61 Prozent aller Influenza-Viren entfielen auf Influenza A (H3N2), 29 Prozent auf Influenza A (H1N1) und 10 Prozent auf Influenza B. Außer der Influenza grassieren weitere Erreger, die Erkältungen auslösen, darunter RS-Viren, Adeno- und Picornaviren.

Mehr zum Thema

Forscher der Leibniz Universität untersuchen, wie anhand der Daten aus sozialen Netzwerken, in Internetforen und in Weblogs Krankheitswellen wie zum Beispiel Grippe vorhergesagt werden können. Sie schlussfolgern: Das Netz reagiert auf Ansteckungen.

Ronald Meyer-Arlt 24.02.2015

Die Grippewelle breitet sich aus - für eine Impfung ist es jetzt zu spät. Ohnehin bietet die in diesem Jahr keinen optimalen Schutz. Es ist eigentlich zu spät, sich angesichts der Grippewelle jetzt noch impfen zu lassen.

Deutsche Presse-Agentur dpa 24.02.2015

Ferien, Feiertage und jetzt noch die Grippe: Beim Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes ist die Situation angespannt. Deshalb sollten gesunde Menschen zur Spende gehen.

Deutsche Presse-Agentur dpa 23.02.2015
Isabell Rollenhagen 24.02.2015
25.02.2015