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Aus der Stadt Gründerin des Schuhhauses Gisy feiert 100-jährigen Geburtstag
Hannover Aus der Stadt Gründerin des Schuhhauses Gisy feiert 100-jährigen Geburtstag
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00:15 13.04.2013
Von Sonja Fröhlich
Schöne Erinnerungen: Helene Gisy zeigt alte Bilder von sich und ihrem verstorbenen Ehemann.
Schöne Erinnerungen: Helene Gisy zeigt alte Bilder von sich und ihrem verstorbenen Ehemann. Quelle: Emine Akbaba
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Hannover

Es gibt Tage, da hat sie die Lust auf kleine Abenteuer. So fahren Helene Gisy und ihr ständiger Begleiter Andreas Pfeifer an einem Nachmittag im Mai 2012 zum Schützenfest, kaufen sich ein Piccolofläschchen Sekt und eine Tageskarte fürs Riesenrad. Mehrere Stunden fahren sie im Kreis und bewundern die Aussicht. Sie sehen, wie die Sonne untergeht, die Lichter der Stadt angehen und später auch das Höhenfeuerwerk, das über dem Rummel abgebrannt wird. „Immer, wenn wir unten vorbeikamen und sitzen blieben, haben die Mitarbeiter gelacht“, sagt Helene Gisy und freut sich wie ein kleines Mädchen. Am 12. April wird die frühere Chefin des Schuhhauses Gisy 100 Jahre alt. Kaum zu glauben.

Zu Gast bei ihr zu sein ist wie eine Zeitreise. Am Rande Bothfelds ein Anwesen an der Wietze, ein Vorhaus für Haushälterin und Gärtner. Zwischen Gemälden ihres verstorbenen Mannes und antikem Mobiliar warten Helene Gisy und „der Herr Pfeifer“ schon. Die fast 100-Jährige ist sorgfältig geschminkt, trägt einen schwarzen Hosenanzug, ein weißes Rüschenhemd, feine flache Ballerinas. „Die anderen, die Spektakulären und die mit den hohen Hacken, habe ich alle verschenkt“, sagt sie. Herr Pfeifer ergänzt augenzwinkernd: „Es ist aber nicht so, dass Frau Gisy keine Schuhe mehr im Schrank hätte.“

Bis zu ihrem 85. Lebensjahr hat sie selbst die Schuhe verkauft

In den dreißiger Jahren war die gebürtige Berlinerin und Mitarbeiterin der deutschen Automobiltreuhand ihrem Mann Gerhard Gisy nach Hannover gefolgt, um ein eigenes Geschäft aufzubauen. Bis zu ihrem 85. Lebensjahr hat sie im Schuhhaus Gisy an der Georgstraße Schuhe verkauft. Nach dem Tod ihres Mannes 1998 gab die Familie den Betrieb in die Hände des Düsseldorfer Schuhunternehmers Prange, die Geschäftsführung übernahm Mitarbeiter Michael Schenkemeyer.

Es gibt viel zu erzählen aus einem Jahrhundert, vor allem wenn man wie Helene Gisy in Hannovers Stadtgesellschaft verwachsen ist. Als junge Frau besaß sie ein Dressurpferd, ausgebildet in der Wiener Hofreitschule, mit dem sie in den Herrenhäuser Gärten Quadrillen vor Publikum ritt. Später fuhr sie einen Porsche, einen der ersten, den Hannover zu sehen bekam, über die Georgstraße („Er war elfenbeinfarben mit rotem Leder - ich habe ihn geliebt“). Noch heute besitzt die Motorsportbegeisterte einen Oldtimer, einen goldenen Mercedes 280 SL, Baujahr 1970. Mit dem fuhr sie auch vor zwei Jahren bei der Oldtimerrallye „2.000 Kilometer durch Deutschland“ mit. Allerdings als Beifahrerin, Herr Pfeifer saß am Steuer. „Er ist ein guter Fahrer“, sagt Helene Gisy, „aber ich bin schneller.“

Ihre neuen Leidenschaften sind Reisen und Musik

Natürlich gab es dunkle Seiten; der Zweite Weltkrieg. Damals flüchtete die Familie nach Völksen, Helene Gisy fuhr täglich per Anhalter ins Geschäft. „Ich hoffe, dass Sie nie einen Krieg erleben werden“, sagt sie zu ihren jüngeren Besuchern. Mit dem Austritt aus dem Geschäftsleben habe ihr etwas gefehlt, und es fehle ihr noch immer, erklärt Helene Gisy. Doch sie hat auch neue Leidenschaften entdeckt. Den Harz, Kreuzfahrten auf der „Columbus“ („auf der ,Europa‘ sind die Leute so hochnäsig“), aber vor allem klassische Musik und die Oper, allerdings entweder neue oder alte Stücke. „Wenn alte Stücke neu inszeniert sind, gehe ich raus. Ich will bei ,Carmen‘ keine Nackten sehen.“ Ihr Lieblingslied indes sei eines von DJ Ötzi: „Ein Stern der deinen Namen trägt.“ Dazu tanzt sie mit Herrn Pfeifer regelmäßig in ihrem Wohnzimmer. Auch beim Opernball ist das freundschaftlich verbundene Paar regelmäßig dabei.

Ihren 100. Geburtstag feiert die zweifache Mutter, dreifache Großmutter und einfache Urgroßmutter im Restaurant „Gallo Nero“ mit 55 Gästen, klassischer Musik und ihrem Lieblingswein, Grauburgunder. „Ich gewinne dem Leben so viel wie möglich ab“, sagt sie. Aber das soll nicht alles sein. Der Großteil ihres Vermögens soll einer Stiftung zugeführt werden, die begabte Abiturienten aus armen Familien unterstützt. „Ich habe mein Geld in Hannover verdient, deshalb möchte ich es auch hier lassen.“ Und wenn es geht, dann fährt sie noch viele Male Riesenrad auf dem Schützenfest.

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