Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Gutachter: Mutmaßlicher WM-Mörder aus Hannover vermindert schuldfähig
Hannover Aus der Stadt Gutachter: Mutmaßlicher WM-Mörder aus Hannover vermindert schuldfähig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:23 10.02.2011
Holger B. auf der Anklagebank im Landgericht Hannover. Quelle: Rainer Dröse

Viele Geschichten, die sich um Holger B. ranken, sind so skurril, dass man über sie lachen möchte – wenn die Umstände nicht so schrecklich wären. Etwa die: Als der mutmaßliche Doppelmörder psychiatrisch untersucht wird, springt dieser auf, weil er Harndrang verspürt. Doch er sucht nicht etwa die Toilette auf, aus Angst vor einer plötzlich aufgetretenen lebensbedrohlichen Krankheit läuft er panikartig zur urologischen Abteilung. Dort angekommen mimt er Bewusstlosigkeit und lässt sich in die Arme der Pfleger sacken.

Eben dieses „überzogene, theatralische“ Verhalten sei typisch für den Angeklagten, sagte Psychiater Ulrich Diekmann gestern vor dem Landgericht Hannover. „Ich habe ihn als Jammerlappen erlebt.“ Der leitende Arzt der Psychiatrie Wunstorf versteht dies als Hilferuf: „Dahinter steckt seelische Not.“ Folgt man Diekmanns Auffassung, soll eben diese seelische Not Holger B. dazu gebracht haben, am frühen Morgen des 5. Juli 2010 zwei Italiener in der „Columbus“-Bar am Steintor kaltblütig erschossen zu haben – Auslöser soll ein banaler Streit über Fußball gewesen sein. Nach Diekmanns Auffassung war Holger B. zur Tatzeit durch übermäßigen Konsum von Alkohol und Tabletten enthemmt und nicht Herr über das, was er tat. Er geht von einer „erheblich verminderten Schuldfähigkeit“ des Angeklagten aus und empfahl dem Gericht, ihn in den Maßregelvollzug zu schicken, zur Therapie.

Woher seine psychischen Störungen rühren könnten, dafür gab der Angeklagte gestern selbst eine Erklärung: Von der Mutter als missliche Folge einer flüchtigen erotischen Nacht betitelt und zu Pflegeeltern gegeben, will er bei diesen eine „preußische Erziehung“ erfahren haben, wie es B. ausdrückte – Gehorsam und Schläge hätten auf der Tagesordnung gestanden. Nach seinem Realschulabschluss und seiner Lehre zum Einzelhandelskaufmann arbeitete er in der Sportabteilung von Karstadt in Hannover. Dort soll ihn ein plötzlich auftretender Haarausfall aus der Bahn geworfen haben: „Was für andere eine Lappalie ist, war für mich ein seelischer und nervlicher Zusammenbruch“, sagt er.

Fortan will er unter Angstzuständen, Panikattacken, Depressionen, Bluthochdruck und Tinnitus gelitten haben. Ein psychologischer Gutachter sieht die Ursache für B.s Zusammenbrüche jedoch in den Kränkungen, die er in seiner Kindheit erfahren habe. Daraus resultierten auch seine emotionalen Schwankungen. In nüchternem Zustand sei B. ängstlich, unsicher, voller Selbstzweifel und traue sich nur unter Einnahme von Psychopharmaka aus dem Haus. Wenn er dann Alkohol trinke, sei er rechthaberisch und aggressiv. Der Streit über Fußball in der „Columbus“-Bar habe möglicherweise das Fass zum Überlaufen gebracht, sagte Psychiater Diekmann. Mit der Waffe in der Hand habe B. dann „Macht demonstriert“ und „absolute Kontrolle gehabt“.

Sein Stiefvater Paul E., zu dem er sich nach der Tat nach Mallorca geflüchtet hatte, sagte, B. sei betrunken angekommen und habe sich nur noch an Bruchstücke erinnert. Der 69-Jährige überredete ihn, sich der Polizei zu stellen: „Der ist hinter mir hergelaufen wie ein Lamm“, sagte E., eine ehemalige Rotlichtgröße, vor Gericht. Er wusste auch, dass sein Stiefsohn sich den Film „Scarface“ – einen Filmklassiker um Kokainhandel mit vielen Gewaltszenen – „zehn- bis zwölfmal in den Wochen vor der Tat angeguckt hat“. Die Gutachter schlossen nicht aus, dass sich B. möglicherweise mit Al Pacino in der Hauptrolle identifiziert hat. Bei dem Drama stirbt am Ende der Held. „Auch B. sieht sich selbst als Opfer“, so Gutachter Diekmann.

Nebenklageanwältin Tanja Brettschneider glaubt dennoch, dass B. die Tat und die anschließende Flucht in vollem Bewusstsein durchgeführt habe. Auch dies sei möglich, sagte der Psychiater. Doch dann bleibe die Frage nach dem Warum. „Wenn so ein Fußballstreit ein mögliches Motiv ist, muss man sich fragen, warum wir alle noch leben.“

Dirk von Werder

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Einsatz der Feuerwehr im Club "Crazy Love": In der Reitwallstraße ist ein Feuer ausgebrochen. Prostituierte mussten auf Drehleitern der Feuerwehr das Haus verlassen.

10.02.2011

Lange hatte das kostbare Dokument fast unbeachtet in der Leibniz Bibliothek gelegen, erst vor Kurzem wurde der „Goldene Brief“ eingehend erforscht. Das auf Goldblech verfasste Schreiben eines birmanischen Königs an Georg II. aus dem Jahr 1756 könnte in einigen Jahren als Unesco-Welterbe eingetragen werden.

09.02.2011

Der Plan von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), Hannovers Leine mit Ihme und anderen Flüssen entweder zu privatisieren oder sich einfach aus der Unterhaltsverpflichtung zurückzuziehen, ist in Hannover nicht so gut angekommen. In seltener Einmütigkeit hagelt es Kritik von Stadt, Region und Landesregierung.

Conrad von Meding 09.02.2011