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Aus der Stadt Zweifacher Totschläger kommt in die Psychiatrie
Hannover Aus der Stadt Zweifacher Totschläger kommt in die Psychiatrie
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00:16 20.10.2017
Wie der Gutachter ausführte, fühlte sich D. nicht nur von unbestimmten Mächten, sondern auch von seinen Freunden überwacht und verfolgt. Quelle: Körner
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Hannover

Die Kammer unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch folgte den Ausführungen des Sachverständigen Tobias Bellin, wonach Mullham D. unter paranoider Schizophrenie leidet. Allerdings wertete das Gericht die Taten im juristischen Sinne anders als die Anklage. Das Umbringen der 27-jährigen Frau in der Adelheidstraße sei ebenso ein Totschlags-Delikt wie die Tötung des 23-jährigen Freundes. Die Staatsanwaltschaft war von zwei heimtückischen Morden ausgegangen. "Die Taten sind einer bizarren Gedankenwelt entsprungen", so Rosenbusch, "und letztendlich wissen wir überhaupt nichts Genaues von den Gefühlen und Absichten von Mullham D." Am Ergebnis des Prozesses ändere diese Bewertung aber nichts.

Ein Anwohner entdeckt eine lebensgefährlich verletzte Frau auf dem Bürgersteig. Die 27-Jährige wurde in eine Klinik gebracht, wo sie kurz darauf starb. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus.

Sicher sei, so der Vorsitzende Richter, dass D. schwer gestört ist: "Seine Realität ist eine andere als unsere." Die junge Frau aus der Südstadt habe er an jenem Karsamstag in sein Wahnsystem eingebaut und als vermeintliche Bedrohung angesehen. "Diese Tötung war aber kein Ausbruch des Bösen", sagte Rosenbusch, sondern sei eher mit einem Verkehrsunfall zu vergleichen: "Das Opfer war zur falschen Zeit am falschen Ort." Auch bei der Tötung des jungen Syrers sei unklar, ob D. wirklich geplant habe, diesen umzubringen - oder was ihn überhaupt zu der Bluttat getrieben habe.

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Am Montag hat der Prozess gegen Mullham D. vor dem Landgericht begonnen. Er wird verdächtigt am Karsonnabend die 27-jährige Melissa S. in der Südstadt und drei Tage später seinen besten Freund in Kleefeld getötet zu haben.

Gutachter Bellin hatte die Tötung der pharmazeutisch-technischen Angestellten aus der Südstadt als völlig irrational und in keiner Weise nachvollziehbar bezeichnet. Hier sei die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten sicher komplett aufgehoben gewesen. Seinen 23-jährigen Freund habe der frühere Elektrotechnik-Student dagegen aus "psychiotischer Notwehr" getötet, weil er dessen Hilfsbemühungen als bedrohlich empfunden habe.

Wie der Gutachter ausführte, fühlte sich D. nicht nur von unbestimmten Mächten, sondern auch von seinen Freunden überwacht und verfolgt. Er hatte Angst, vergiftet zu werden, meinte, er solle bestraft werden, weil er gegen religiöse Regeln verstoßen habe. Schlussendlich habe man ihn "mit Hass in einen Kriminellen verwandelt", offenbarte der Syrer dem Sachverständigen, sprach davon, dass man ihn "von innen getötet" habe. Die Ermordung der jungen Südstädterin, die in einer Apotheke arbeitete und deren Familie seit der grausamen Tat am Boden zerstört ist, passe allerdings nicht in das Schema des Verfolgungswahns: Die dem Mord vorhergehende Begegnung mit seinem späteren Opfer auf Bahnsteig, Stadtbahn und Gehweg währte nur wenige Minuten, und schließlich verfolgte er die Frau, nicht sie ihn.

Nach den Worten von Bellin trat der 25-Jährige vor Beginn seiner Erkrankung als kultivierter, intelligenter Student in Erscheinung. Der Tod seines Vaters im August 2016 habe seine Psychose möglicherweise angestoßen, sei aber sicher nicht hauptursächlich für seine Erkrankung. Der Gutachter warnte davor, dem Beschuldigten im Maßregelvollzug allzu früh Freiheiten zu gewähren, da er in seiner Unberechenbarkeit langfristig gefährlich bleibe: "Hier ist ein langer Behandlungsverlauf zu erwarten."

Alle Verfahrensbeteiligten hatten sich in ihren Plädoyers dafür ausgesprochen, Mullham D. in der Psychiatrie unterzubringen. Oberstaatsanwalt Marcus Preusse sprach davon, dass beide Verbrechen von besonderer Tragik seien: Die Südstädterin habe sich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten, dem syrischen Freund sei seine große Hilfsbereitschaft zum Verhängnis geworden. Auch Anwalt Marco Burkhardt, der einen als Arzt tätigen Bruder des Getöteten in der Nebenklage vertrat, nannte es tragisch, dass der 23-Jährige seinen Freund nicht aufgeben wollte: "Das war sein größter Fehler." Als "unbegreifliche Tat" bezeichnete Rechtsanwältin Nicole Thiele den Mord in der Adelheidstraße; sie vertrat die Eltern (die dem Prozess fernblieben) und die Schwester der getöteten Frau. D.s Verteidiger Jörg Salzwedel sprach von der "Wahnsinnstat eines Wahnsinnigen". Er hoffe, dass die Angehörigen der Opfer künftig die gleiche staatliche Unterstützung erhalten wie der Täter, der nun über viele Jahre therapiert werden muss.