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Aus der Stadt Gutachter hält Angeklagten für voll schuldfähig
Hannover Aus der Stadt Gutachter hält Angeklagten für voll schuldfähig
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00:15 27.05.2017
Der Angeklagte am ersten Prozesstag vor dem Landgericht Hannover.
Der Angeklagte am ersten Prozesstag vor dem Landgericht Hannover. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Der Angeklagte schaut starr geradeaus. Nicht zum Richter, nicht zur Staatsanwältin, nicht zum Nebenklagetisch, wo sein Opfer sitzt. Immer nur geradeaus. Das ändert sich erst, als das psychiatrische Gutachten über ihn vorgestellt wird. Da blickt der Mann mehrfach zum Sachverständigen hinüber. Das passt zu dem, was der Psychiater sagt: Vorher ging es in der Verhandlung bloß um das, was der Angeklagte getan hat. Das berührt ihn nicht so sehr. Jetzt geht es um ihn selbst.

Zweiter Prozesstag im Verfahren gegen Nurettin B. vor dem hannoverschen Schwurgericht. Der Mann hatte im November in Hameln seine frühere Lebensgefährtin mit einem Messer und einer Axt traktiert und sie an einem Seil mit dem Auto 200 Meter durch die Straßen geschleift. Sie ist nur durch ein Wunder nicht gestorben. Auslöser war ein Unterhaltsstreit. Der Angeklagte hat gestanden, hat eine Erklärung verlesen lassen, in der er seine Tat „abscheulich“ und „widerlich“ nennt. Aber sein Gesicht will nicht dazu passen.

Im November 2016 band ein Mann seine schwer verletzte Ex-Partnerin an seinem Wagen fest und raste los. Nun steht der Mann wegen versuchten Mordes in Hannover vor Gericht. 

Blutige Schleifspur

An diesem zweiten Prozesstag geht es zunächst um Polizeiprotokolle. Nurettin B. hatte sich direkt nach der Tat gestellt, war auf die Wache gekommen und hatte „Ich war’s“ gesagt, als im Funk noch die Fahndung lief. Der Polizist, der B. festnahm, notierte, der Mann sei „vollkommen unaufgeregt“ gewesen.

Der Richter zeigt Tatortfotos auf einem Videoschirm. Man kann fast nicht hingucken: Blut überall, eine lange blutige Schleifspur. Der Angeklagte schaut geradeaus.

Die Nebenklägerin, von der all das Blut stammt, legt immer wieder den Kopf in die Hände. Ihr Anwalt Roman von Alvensleben kündigt eine zivilrechtliche Schmerzensgeldforderung in Höhe von 250.000 Euro an. Zur Summe sagt er, gewöhnlich orientiere man sich an vergleichbaren Fällen. Aber etwas Vergleichbares gebe es nicht. Die Nebenklägerin faltet die Hände so fest, dass die Haut unter ihren Fingerspitzen weiß wird.

Michael von der Haar, forensischer Psychiater, schildert dem Gericht den Werdegang des 1978 geborenen B. Kurdisches Dorf, Armut, der Vater kann die Familie nicht versorgen, dann der Beschluss, nach Deutschland zu gehen. Nurettin B. fügt sich gut ein, wird Polsterer, heiratet – doch die Frau verlässt ihn, und dann verliert er seine Mutter.

Nurettin B. habe einen mütterlichen Anteil, sagt von der Haar, er sorge für andere. Und einen harten väterlichen Anteil, der Gegenleistungen fordere. Nach dem Tod der Mutter folgt die klinische Behandlung einer depressiven Episode, dann tritt die heutige Nebenklägerin in Nurettin B.s Leben, ein Sohn wird geboren. Aber die Frau hat ihren eigenen Kopf, 2014 folgt die Trennung, B. ist enttäuscht. Er habe das Gefühl, immerzu den Kürzeren zu ziehen, sagt der Psychiater. Und immer seien für ihn Frauen die machtvollen Wesen.

Nurettin B. hat Angst gehabt, seinen Sohn zu verlieren, in Schulden zu ertrinken. Wieder Therapie. Dann eine Unterhaltspfändung. Und dann kommt der Novembertag, an dem B. zeigen wollte, dass er sehr wohl Macht besitzt.
Der Mann habe nicht gelernt, über seine Bedürfnisse zu reden, sagt der Psychiater. Und er könne nicht ausreichend wahrnehmen, was andere fühlen. Reue, Scham, Schuldgefühle – all das habe B. nicht gezeigt.
Michael von der Haar diagnostiziert eine Anpassungsstörung mit depressivem Anteil. Kein Affekt. B. ist schuldfähig. Er ist voll verantwortlich für das, was er getan hat.

Zum Prozessauftakt hatte der 39-Jährige eingeräumt, dass er die Frau am 20. November in Hameln habe töten wollen. Hintergrund war ein Streit um Unterhaltszahlungen. Die Mutter eines kleinen Jungen, der die Tat im Auto miterlebte, leidet heute noch massiv unter den Folgen des Verbrechens.

Von Bert Strebe

24.05.2017
Bernd Haase 27.05.2017