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Aus der Stadt Als der Frieden nach Hannover kam
Hannover Aus der Stadt Als der Frieden nach Hannover kam
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16:43 22.04.2015
Von Simon Benne
Das Bild zeigt den Kröpcke mit der Uhr. Quelle: Historisches Museum
Hannover

Es ist ein herrlicher Frühlingstag, als die Weltkriegsfront Hannovers Innenstadt erreicht. Ein paar Hausfrauen in der List sind aus dem Keller gekommen, um Besorgungen zu machen, als plötzlich amerikanische Panzer und Jeeps durch die Straßen rollen: „Rechts und links von ihnen, eng an die Hauswand gedrückt, tasten sich amerikanische Soldaten vorsichtig dahin. Ihre schussbereiten Waffen haben sie drohend auf Haus- und Kellerwände gerichtet“, notiert der Polizist Richard Hanisch wenige Tage nach dem Einmarsch der 84. US-Division: „Die dicken Gummisohlen verhindern jedes Geräusch; fast unheimlich erscheint dieses Schleichen.“

Die US-Truppen, die Hannovers City am 10. April 1945 fast kampflos einnehmen, entsprechen so gar nicht dem damaligen Idealbild des deutschen Soldaten: „Auf den Panzern und in den Jeeps räkeln sich, essend, rauchend und Gummi kauend, die Amerikaner; fast alle stramme, gutgenährte Gestalten“, schrieb Augenzeuge Hanisch. „Kinder und Jugendliche erhalten Schokolade und Brot, Zigaretten werden verteilt. Manch einer atmet erleichtert auf - sie scheinen doch nicht so zu sein, wie es uns immer erzählt wurde.“

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

Große ideologische Schlachten sind später um das Kriegsende geschlagen worden. Um die Frage, ob der Tag der deutschen Kapitulation, der 8. Mai, nun ein Tag der Niederlage oder ein Tag der Befreiung sei. Den Wandel im Selbstbild der Deutschen kann man vielleicht nirgendwo so gut beobachten wie an der wechselnden Haltung zu dieser Frage. Dabei konnten die wenigsten Zeitzeugen später sagen, wo genau sie selbst am 8. Mai gewesen waren. Die formale Beendigung des Krieges stieß bei den meisten nur noch auf wenig Interesse. Jeder erlebte den großen Wendepunkt der Weltgeschichte anders. Jeder hatte sein eigenes Kriegsende. Nie war ein Bruch in der Geschichte Deutschlands so total - und doch zugleich so vielgestaltig wie dieser.

Hannovers 8. Mai war der 10. April. An diesem Tag stopften Wehrmachtssoldaten hastig ihre Uniformen in Öfen; wer konnte, tauchte in Zivilkleidung unter. Über die Podbielskistraße zogen alliierte Panzer. US-Soldaten, die lässig ihre Zigaretten fortwarfen, verwandelten den Lister Platz in ein „Eldorado für Kippensammler“, wie Polizist Hanisch notierte. Die wenigen Häftlinge aus den hannoverschen Konzentrationslagern, die von ihren Bewachern nicht auf Todesmärschen nach Bergen-Belsen getrieben worden waren, wurden von ihren Befreiern versorgt. Und noch Jahrzehnte später sollten sich Abertausende von Deutschen daran erinnern, dass sie in diesen Tagen zum ersten Mal im Leben einen Farbigen sahen - und von ihm mit Schokolade beschenkt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Hannover die Zeit des Wiederaufbaus der weitgehend zerstörten Stadt. Der HAZ-Fotograf Wilhelm Hauschild (1902-1983) hat die Zeit festgehalten. HAZ.de zeigt die beeindruckendsten Bilder aus dem umfangreichen Archiv des Fotografen.

Abends ging es von nun an nicht mehr in die Bunker. Doch zugleich begann ein neuer Überlebenskampf, geprägt von Sorge um vermisste Angehörige, von Vertreibung und Einquartierung, von Hamsterfahrten und Plünderungen, Schwarzhandel und Kohlenklau. Während die ersten Blumen vor dem Café Kröpcke (Bild oben) erblühten, das in einer Baracke seinen Betrieb wieder aufgenommen hatte, warnten Plakate noch lange davor, Blindgänger zu berühren. Dass eine 70-jährige Ära des Friedens ins Haus stehen würde, ahnte kaum jemand - nur zaghaft weckten die neuen Freiheiten die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Als befreit empfanden sich wohl die wenigsten Deutschen.

Die Alliierten verstanden sich ja anfangs selbst nicht als Befreier. Deutschland war für sie ein besiegter Feindstaat, und Hannover war für sie vor allem ein Problem. Die britischen Offiziere, die die Verwaltung bald von den Amerikanern übernahmen, hatten gedacht, die Bevölkerung sei größtenteils evakuiert worden. Doch von ehedem 472 000 Einwohnern lebten noch immer 217 000 in der Stadt. Praktisch ohne Infrastruktur mussten Zehntausende versorgt werden.

„Der Anblick war furchtbar“

Jeder vierte Hannoveraner war zudem Ausländer: Befreite Zwangsarbeiter, verschleppt von den Nazis, zogen nun plündernd durch die Straßen. Zudem gehörte Hunger zum Alltag. Und immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten kamen in der Stadt an, die selbst zu großen Teilen in Schutt und Asche lag: „Der Anblick war furchtbar“, schrieb der britische Kriegsberichterstatter Leonard O. Mosley 1945 in seinem „Bericht aus Deutschland“. „Hannover sah eher aus wie eine Verwundung im Erdboden als wie eine Stadt.“

Die britischen Offiziere machten sich mühsam daran, eine Verwaltung aus unbelasteten Deutschen aufzubauen. „Es ist“, schrieb der Journalist Mosley über die Fülle an Problemen, „als ob man mit einer Wasserpistole einen Vulkan zu löschen versuchte.“

Es sollte noch Jahre dauern, bis das Gros der Befreiten das Kriegsende tatsächlich als Befreiung ansah: Zu dominant waren die Erfahrungen von Leid und Chaos in der Zeit nach dem Krieg gewesen. Zudem war den Deutschen über Jahrhunderte Untertanengeist eingeschliffen worden - daneben war die Liebe zur Freiheit 1945 ein zartes Pflänzchen. Ein amerikanischer Offizier notierte in Hannover damals: „Die Haltung der Deutschen gegenüber der Militärregierung kann am besten mit einem einzigen Wort beschrieben werden - unterwürfig.“

Lesen Sie hier weiter:

1. Das Leben
 in Trümmern

2. Die Wirtschaft im Schatten

3. Befreier kommen für viele zu spät

4. Vertriebene werden Motor des Aufbaus

5. Der Alltag kehrt zurück

HAZ-Serie und das Buch zur Nachkriegszeit

Das alte NS-System war zerschlagen, doch wie die neue Ordnung aussehen würde, kristallisierte sich erst allmählich heraus: Die Befreiung der Stadt durch die Alliierten am 10. April 1945 markiert für Hannover eine historische Zäsur. Anlässlich des 70. Jahrestages beleuchten wir in den kommenden Monaten in der umfangreichen HAZ-Serie „Aufbruch 1945 – Als der Frieden nach Hannover kam“, wie sich das Leben in den Monaten des Neubeginns gestaltete. Im Blick zurück zeigt unsere Serie, wie in Hannover eine mittlerweile 70-jährige Ära des Friedens ihren Anfang nahm. Voraussichtlich im November erscheint dazu das Buch „Als der Frieden nach Hannover kam“. Der etwa 100 Seiten starke Band, der 14,90 Euro kostet, kann bereits jetzt vorbestellt werden.

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