Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Haftstrafen: Entführer-Paar drohte mit Prostitution
Hannover Aus der Stadt Haftstrafen: Entführer-Paar drohte mit Prostitution
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 08.07.2017
Quelle: Michael Thomas
Anzeige
Hannover

Marcel R. und Chantal R. sollen im vergangenen September Sarah D. in ihrem Auto festgehalten und zwischen 50 und 250 Euro gefordert haben. Sollte die 16-Jährige nicht sofort zahlen können, würde sie auf den Strich in Hamburg geschickt. In Ahlem konnte D. schließlich in eine Stadtbahn flüchten.

Freiwillig ins Auto gesetzt

Da die Angeklagten auch am Mittwoch schwiegen, musste das Gericht auf die Aussagen der ermittelnden Polizisten zurückgreifen. Das Opfer habe die beiden Angeklagten demnach gebeten, „einen Freund in Ahlem aufzusuchen“, berichtet ein Beamter. Dort sollte das Geld geholt werden. Sarah D. habe sich freiwillig in den VW Polo gesetzt und sei später „plötzlich ausgestiegen und habe herumgeschrien“.

Die Staatsanwaltschaft blieb bei der Auffassung, dass Sarah D. von den 33- und 23-Jährigen entführt und erpresst wurde. Sie hatte das Paar für 250 Euro als Schützer engagiert, weil sie verprügelt werden sollte. Kurze Zeit später zog D. die Anfrage nach eigenen Angaben aber zurück, doch Chantal R. bestand auf 50 Euro. Weil D. das Geld nicht hatte, wurde sie gezwungen, ins Auto zu steigen. Mindestens eine Stunde fuhren sie durch Hannover, Marcel R. habe immer wieder mit Prostitution gedroht. Währenddessen kassierten sie das Handy der 16-Jährigen als Pfand ein, bis sie bezahlt habe.

Die Staatsanwältin verlangte für Marcel R. eine Haftstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten, zusammen mit einer noch laufenden Bewährungsstrafe kombiniert zu drei Jahren. „Für das Opfer war es ganz, ganz beängstigend“, sagte Staatsanwältin Heike Schwitzer. Bei der 23-jährigen Chantal R. plädierte sie auf ein Jahr zur Bewährung.

Marcel R.s Anwalt Tim Burkert forderte Freispruch. Alles sei bloß ein Streit unter Frauen mit „äußerst unglücklichem Showdown“ gewesen. Chantal R. und Sarah D. hätten bereits vor der Fahrt 40 Minuten lautstark diskutiert. Es sei daher möglich, „dass es auch im Auto so gewesen ist“. Das könne die lange Fahrt erklären. „Wir können nicht mit Gewissheit sagen, dass Sarah D. aussteigen wollte“, sagte Burkert. Das spreche gegen eine Entführung. Der 33-Jährige habe auch nicht mit Zwangsprostitution gedroht, mehrfach sei auf einen Scherz hingewiesen worden.

Laut Chantal R.s Verteidigerin Anemone Wiehe-Faßhauer hat die 23-Jährige D. zwar unter Druck gesetzt. Die 16-Jährige sei aber freiwillig ins Auto gestiegen. Bei der Geldforderung könne man sicher von Nötigung seitens Chantal R. sprechen, „im Auto hatte aber Marcel R. die Tatherrschaft“, sagte die Anwältin. Wiehe-Faßhauer fand daher eine Strafe „im untersten Bereich“ für angemessen.

Gericht: Keine Geiselnahme

Letztlich verurteilte das Gericht beide wegen Freiheitsberaubung und versuchter Erpressung. Die Jugendkammer wertete den Fall nicht als Geiselnahme. Der juristische Unterschied: Das Paar habe kein Geld erlangen wollen, während die 16-Jährige in seiner Gewalt war, sondern erst danach. Entscheidend war dabei, dass das Smartphone nur als Pfand einbehalten werden sollte. Marcel R. muss für zwei Jahre ins Gefängnis, seine Lebensgefährtin erhielt eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung und muss 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Von Peer Hellering