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Aus der Stadt Eine Tafel für alle
Hannover Aus der Stadt Eine Tafel für alle
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00:15 25.12.2013
Von Juliane Kaune
Lebensmittel für Bedürftige: Ehrenamtliche Helfer der Hannöverschen Tafel holen die Waren aus dem Wagen, die Supermarktfilialen und Bäckereien zur Verfügung gestellt haben. Quelle: Hagemann
Hannover

Mit einer Lungenentzündung fing alles an. Die Krankheit entwickelte sich dramatisch, schließlich mussten die Ärzte Ulrich Potempka in ein künstliches Koma legen. Danach war nichts mehr wie zuvor. Potempka, der 18 Jahre als Möbelträger gearbeitet hatte, konnte seinen Beruf nach den monatelangen Klinikaufenthalten nicht mehr ausüben. Seine Knochen machten einfach nicht mehr mit. Nun lebt der 43-Jährige von Hartz IV. „Das Geld“, sagt er, „reicht hinten und vorne nicht.“ Weil das so ist, ist er mit seiner Frau Stephanie in die Räume der Titus-Gemeinde in Vahrenheide gekommen. Dort hat die Hannöversche Tafel eine ihrer sechs Ausgabestellen eingerichtet. Verteilt werden alle zwei Wochen kostenfreie, gespendete Lebensmittel. Für bedürftige Menschen wie die Potempkas.

Es herrscht eine Atmosphäre wie auf einem Marktplatz. Kisten voller Obst und Gemüse stehen auf den Tischen, daneben Körbe, bis an den Rand gefüllt mit Brot, Brötchen und anderen Backwaren. Auch Milchprodukte und Fertiggerichte gehören zum Angebot, in einer Plastikbox stapeln sich Drogerieartikel. Und weil Weihnachten naht, sind dieses Mal Nikolausstiefel, Engel und Tannenzapfen aus Schokolade dabei. All diese Dinge wären sonst entsorgt worden. Supermarktfilialen, Bäckereien, Lebensmittelhändler und andere Läden haben der Tafel überschüssige Produkte oder solche mit Verpackungsfehlern und nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum zur Verfügung gestellt. Ehrenamtliche Helfer haben sie am Morgen mit Lieferwagen abgeholt und sortiert. Nun sind sie mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt, bevor die Ausgabe um 11.30 Uhr öffnet. Die ersten Männer, Frauen und auch Kinder, für die die Waren gedacht sind, haben sich schon eine Stunde zuvor eingefunden.

27 Tonnen Lebensmittel im Monat

Ohne sie wäre die Hannöversche Tafel nicht denkbar: Rund 130 ehrenamtliche Helfer packen hinter den Kulissen tatkräftig an. Ob als Transportfahrer oder an den Ausgabestellen – die gesamte Arbeit des Hilfsvereins steht und fällt mit dem Einsatz der Freiwilligen. Und ihr Engagement wird immer wichtiger: Bis zu 4000 Bedürftige nehmen das Angebot der Tafel monatlich in Anspruch. „Ob Miete, Medikamente oder Strom, alles wird teurer“, sagt Horst Gora, organisatorischer Leiter des Projekts. Immer mehr Menschen kämen mit dem Geld, das sie über die sozialen Sicherungssysteme erhalten, nicht mehr aus. „Sie kommen dann zu uns.“

Insgesamt sechs Ausgabestellen hat der 1999 gründete Verein, der mit anderthalb hauptamtlichen Mitarbeiterstellen auskommt, inzwischen in der Region Hannover eingerichtet. Kirchengemeinden in Mühlenberg, Linden-Nord, Vahrenheide, im Roderbruch und am Kronsberg stellen dafür ihre Räume zur Verfügung. Auch in Garbsen ist die Tafel vertreten. Nötig ist ein Nachweis der Bedürftigkeit wie ein Bescheid über den Bezug von Arbeitslosengeld oder einer geringen Rente. „Wir helfen da, wo andere Hilfen nicht nicht ausreichen“, sagt Gora.
Die Mengen an Lebensmitteln, die die Helfer bei den verschiedenen Spendern abholen und weitergeben, sind beachtlich: An einem Arbeitstag der Tafel sind es im Schnitt mehr als zehn Zentner, im Monat kommen 27 Tonnen zusammen. Neben den Ausgabestellen, die im 14-Tage-Rhythmus öffnen, fahren die Mitarbeiter wöchentlich auch rund 40 verschiedene soziale Einrichtungen an, um Lebensmittel zu verteilen – darunter Einrichtungen für Obdachlose oder Wohnheime für Flüchtlinge. Von Juliane Kaune

Eine Vielzahl von Geschäften und Unternehmen unterstützt die Tafel seit Jahren mit gespendeten Lebensmitteln. Darüberhinaus wird die tägliche Arbeit durch finanzielle Spenden von Privatleuten, Institutionen oder Firmen gefördert. Zudem gibt es einen Förderverein mit mehr als 250 Mitgliedern, der Monatsbeitrag liegt bei 5,50 Euro. Nähere Informationen über das Projekt gibt es unter www.hannovertafel.de.

„Unsere Gäste“, sagt Lisa Kubsch. Den Begriff „Bedürftige“ vermeidet sie möglichst. Die 76-Jährige engagiert sich seit zwölf Jahren für die Hannöversche Tafel. Sie koordiniert die Lebensmittelausgabe in den Vahrenheider Gemeinderäumen. Für die ehemalige Buchhalterin ist es selbstverständlich zu helfen. „Ich musste früher selbst mit sehr wenig Geld auskommen. Da weiß ich, was das bedeutet.“ Lisa Kubsch kennt die Gesichter vieler Gäste, denn viele kommen immer wieder. Mehr müsse sie gar nicht wissen, sagt sie. Wer etwas über sich erzählen möchte, darf das gerne tun. „Aber wir fragen die Leute hier nicht aus.“ Gleichwohl werden die Namen registriert, weil die Nutzer ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen.

Zwischen 120 und 150 Personen stellen sich an, wenn die Tafel zur Titus-Gemeinde kommt. „Viele haben Familie – unterm Strich geben wir so jedes Mal Lebensmittel für etwa 500 Menschen aus“, erklärt Lisa Kubsch. Ein großer Teil stammt aus Osteuropa, der Türkei und Afrika, immer mehr syrische Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten dazugekommen. Doch es sind nicht nur Menschen aus anderen Nationen, die die Hilfe der Tafel brauchen. Die Bedürftigen sind auch Deutsche, die über das Sozialsystem versorgt werden, aber trotzdem an allen Ecken und Enden sparen müssen. Wie der arbeitslose, alleinerziehende Vater mit sechs Kindern. Alleinstehende, die wegen einer Krankheit arbeitsunfähig geworden sind. Oder Senioren, deren Rente nicht zum Leben reicht.

Lore Ochsenfarth fällt auf. Sie ist geschmackvoll und hochwertig gekleidet, aufwendig geschminkt und frisiert. „Ich wäre nicht hier, wenn ich anders zurechtkäme“, sagt die 67-Jährige, die aus der List nach Vahrenheide geradelt ist. Sekretärin war sie. „Im Bankbereich.“ Viel gearbeitet habe sie. Eigentlich ein Leben lang, bis auf die Zeit, in der sie ihre Tochter großgezogen hat. „Aber jetzt komme ich nicht mehr über die Runden.“ Die Rente von 535 Euro und die Grundsicherung, die ihr zudem gewährt wird, reichten nicht aus, um all das zu bezahlen, was bezahlt werden muss. Miete, Schuster, Telefon, Waschmaschinenreparatur. „Ich achte darauf, ob ich den Strom anschalte oder lieber auslasse.“ Sie zögert, schaut an sich herunter und sagt dann: „Meine Kleidung trage ich auf.“ Die stamme noch aus ihrem Berufsleben, jetzt könne sie sich vergleichbare Anschaffungen nicht mehr leisten. Es klingt nicht verbittert oder anklagend. Für sie ist es die Realität.

Zur Tafel zu gehen, hat Lore Ochsenfarth Überwindung gekostet. Anfangs habe sie schon schlucken müssen, als sie sich in die Schlange der Ausgabestelle einreihte. Im April diesen Jahres war das. „Inzwischen geht es, ich bin selbstbewusst genug.“ In ihren Korb hat sie Apfelsinen und Weintrauben gelegt, frische Möhren und Champignons. Zuckerschrift gab es auch. Damit will sie selbstgebackene Kekse dekorieren, für die beiden Enkel. „Natürlich feiern wir zusammen Weihnachten“, erklärt sie mit Nachdruck. „Aber es gibt für jeden eben nur ein Geschenk.“
Mykola Synycia achtet darauf, dass beim Verteilen der Lebensmittel alles gerecht zugeht. Der Speditionskaufmann im Ruhestand gehört zum Helferteam. Er hat ein komplexes Nummern- und Anmeldesystem ausgetüftelt, mit dem die Wartezeiten deutlich reduziert werden konnten.

„Länger als eine halbe Stunde muss keiner mehr anstehen“, versichert der 64-Jährige, der zudem als Lieferant für mehrere Standorte der Tafel hinterm Steuer sitzt. Er ist zupackend, pragmatisch und sympathisch. „Man muss den Leuten immer vermitteln: Sie sind keine Bettler“, sagt er. Seine Botschaften scheinen anzukommen, ab und zu stecken ihm die Nutzer der Tafel zum Dank sogar kleine Geschenke zu. Mal einen Kalender, auch mal einen Flachmann. Synycia ist Deutscher, seine Familie stammt aus der Ukraine. Er spricht die Sprache dieses Landes – wie viele, die seine Hilfe in Anspruch nehmen und ihn „Myko“ nennen.

Eine von ihnen ist Iryna Leiferova. 1996 kam sie aus der Ukraine nach Hannover, wo ein Verwandter wohnte. Sonst kannte sie niemanden, sprach kein Wort Deutsch. Aus der Gegend um Tschernobyl komme sie, berichtet die 77-Jährige. Aus Angst vor den Folgen der Reaktorkatastrophe habe sie ihre Heimat verlassen – weil dort immer mehr Menschen Krebs bekamen. Elektroingenieurin war sie in der Ukraine, hier fand sie keine Arbeit mehr. Wie lange sie schon zur Vahrenheider Ausgabestelle geht, weiß sie nicht mehr. Drei, vier, vielleicht auch fünf Jahre. Früher, sagt Iryna Leiferova, hätte sie nie gedacht, dass sie einmal auf gespendete Lebensmittel angewiesen sein würde. „Aber ich bin sehr dankbar, dass es die Tafel gibt. Ich habe nicht so ein großes Geld“, erklärt sie in der Sprache, die sie im Alter von 60 Jahren erst erlernen musste.

Ulrich Potempka und seiner Frau bleiben nach Abzug aller Kosten wie Miete, Strom und Versicherungen 200, wenn es gut läuft, knapp 300 Euro im Monat zum Leben. Alle 14 Tage kommt der Sohn von Stephanie Potempka zu Besuch. „Dem würden wir gern auch mal ein bisschen was bieten“, sagt der 43-Jährige. „Aber das ist nicht drin.“ Es ist eine Feststellung, keine Klage. Nicht nur die Tafel, auch die Kleiderkammer der Diakonie nutzt das Paar inzwischen regelmäßig. „Zuerst haben wir uns geschämt, jetzt ist das in Ordnung“, sagt Potempka. Er muss in diesen Tagen oft zum Arzt, weil er einen Schwerbehindertenausweis beantragt hat. Dennoch will er unbedingt wieder Arbeit finden. Seine Frau musste wegen eines chronischen Rückenleidens ihre Stelle als Reinigungskraft vor Kurzem aufgeben.
Aber erst mal ist Weihnachten. Einen kleinen Baum wird es bei den Potempkas geben. Und einen Gänsebraten. Den gab es im Sonderangebot. „Wir haben ihn rechtzeitig gekauft und eingefroren.“

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