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Aus der Stadt Frauen trauen sich häufiger, sexuelle Übergriffe anzuzeigen
Hannover Aus der Stadt Frauen trauen sich häufiger, sexuelle Übergriffe anzuzeigen
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00:15 08.01.2018
Sexueller Übergriff im Treppenhaus: Auch einen Vorfall wie den auf unserem Symbolfoto dargestellten hat das Amtsgericht 2017 verhandelt.
Sexueller Übergriff im Treppenhaus: Auch einen Vorfall wie den auf unserem Symbolfoto dargestellten hat das Amtsgericht 2017 verhandelt. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

I am sorry. Very sorry.“ Gleich zweimal entschuldigt sich Ameslash H. vor Gericht auf Englisch. Zurückhaltend, ja scheu wirkt der Informatikstudent aus Äthiopien an diesem Tag im Amtsgericht Hannover. Er habe so etwas noch nie getan, werde es auch nie wieder tun, beteuert der Mann, der in Hannover promoviert. Seine Stimme klingt leise, fast zart. In der Nacht auf Pfingstsonntag 2017 zeigt der damals 20-Jährige in einer hannoverschen Diskothek ein ganz anderes Gesicht. Immer wieder spricht er eine 21-jährige Studentin an, sie und viele andere Frauen – so schildert sie es der Polizei später. Immer wieder sagt sie nein. Er solle sie in Ruhe lassen. Er lässt sie nicht. Als er sich morgens gegen 3.20 Uhr dicht neben sie auf eine ansonsten leere Bank setzt und sie mit der Hand an der Innenseite der Oberschenkel berührt, platzt einer Freundin der Kragen. Sie ohrfeigt ihn. Er schlägt mit der Faust zurück: so heftig, dass sie eine Jochbeinprellung und einen Bluterguss unter dem linken Auge erleidet. 

Für den Gewaltausbruch hätte der Mann in Deutschland immer schon mit einer Verurteilung rechnen müssen. Aber die Grapscherei am Oberschenkel war bis vor einem Jahr nicht unter Strafe gestellt. Frauen, die an Po, Busen oder Beinen betatscht wurden, mussten schlicht damit leben, dass das so ist. Dass der sogenannte Grapscherparagraf im November 2016  eingeführt wurde, hatte auch mit der Silvesternacht von Köln zum Jahreswechsel 2015/16 zu tun. Damals belästigten vorwiegend junge Flüchtlinge aus Nordafrika Hunderte Frauen. 

Wie ist der Stand der Dinge in Sachen sexuelle Belästigung heute, zwei Jahre nach Köln, in Hannover? Und: Werden Migranten tatsächlich häufiger zu Tätern als Deutsche? Einfach zu klären sind beide Fragen nicht. Aber der Reihe nach.

Migranten sind überrepräsentiert

Zumindest eines ist seit Köln offenbar in Bewegung gekommen: Frauen trauen sich häufiger als vorher, Übergriffe anzuzeigen. 253 Tatverdächtige verzeichnet die sogenannte Eingangsstatistik der Polizeidirektion Hannover von Januar bis Ende November 2017. Kommentieren will man die Zahl dort nicht, weil sie nur die angezeigten Täter betrifft. Die aussagekräftigere Zahl der ausermittelten Fälle 2017 liege noch nicht vor. Petra Klecina vom Frauennotruf Hannover aber wertet schon diese vorläufige Bilanz als „sehr positives Signal“. Der Grund: Sie hat in ihrer Beratungsstelle viele Frauen erlebt, die nicht einmal eine Anzeige wagten. Manche seien unsicher, ob „ihr Vorfall“ relevant genug sei. Andere hätten Angst, ihnen werde nicht geglaubt. „Dass so viele Opfer jetzt zur Polizei gehen“, sagt Klecina, „hätte ich nicht gedacht.“

Und die Frage nach der Herkunft der Täter? In Hannover gibt es dazu bislang nur eine halbwegs aussagekräftige Statistik: Bei der Polizeidirektion Hannover heißt es, von den 253 Tatverdächtigen seien 95 deutsch, 102 nichtdeutsch, 56 unbekannt. Ausländische Täter sind demnach überrepräsentiert. Beim Amtsgericht möchte sich niemand offiziell zur Herkunft von Tätern äußern, auch die Staatsanwaltschaft schweigt. Grund: Statistiken mit Herkunftsdaten werden nicht geführt. Wer sich in Justizkreisen umhört, bekommt allerdings zu hören, der Eindruck, dass Migranten häufiger zu Tätern würden, täusche nicht. 

Das sind dann Fälle wie der von Ameslash H., der Frauen wie Freiwild behandelt.  „Seine Anmache war wahllos. Er wollte einfach irgendeine Frau angraben“, sagen die Opfer. Es gab 2017 weitere solcher Fälle am Amtsgericht. Da ist die Frau, die am frühen Nachmittag des 10. Januar 2017 vom Friseur nach Hause geht. Weil sie per Handy telefoniert, registriert sie den Mann im Hausflur des Mehrfamilienhauses in der Oststadt erst, als er sie in gebrochenem Englisch anspricht: „You are beautiful.“ Sie geht kommentarlos weiter. Er hält sie fest, versucht, sie auf den Mund zu küssen. Sie wehrt sich, sagt „no“ und läuft die Treppen zu ihrer Wohnung im dritten Obergeschoss hoch. Auf halber Strecke holt ihr Verfolger sie ein, versucht erneut, ihr einen Kuss auf den Mund zu drücken. Sie reißt sich los, erreicht die schützende Wohnung. Der Mann, 22, Syrer, Asylbewerber, Ersttäter, wird zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 10 Euro verurteilt.

Da ist die Frau, der ein Mann aus dem Irak Ende Mai 2017 in einem Mehrfamilienhaus in Garbsen in der Mittagszeit im Aufzug auflauert. Erst fragt er sie nach der Telefonnummer, dann packt er sie im Nacken und versucht sie zu küssen. Sie kommt frei, kann aus dem Aufzug fliehen. Der Mann, ein verheirateter Küchenhelfer, lebt seit drei Jahren in Deutschland. Anfang März 2017 hat er im Aqualaatzium im Strömungskanal bereits eine 15-Jährige ans Gesäß gefasst. Als Wiederholungstäter wird er zu einer zur Bewährung ausgesetzten Haftstrafe von zwei Monaten verurteilt.

Aber es gibt auch dies: An Heiligabend 2016 belästigt ein 73-jähriger, geschiedener Rentner einen 17-jährigen Jungen in seiner Wohnung sexuell. Er zwingt ihm einen Zungenkuss auf, greift ihm ans Gesäß und wird dafür später zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 40 Euro verurteilt. Täter und Opfer sind deutsche Staatsangehörige.

Geht also der Zustrom an Flüchtlingen mit einer erhöhten Zahl sexueller Belästigungen einher? Eine am Mittwoch vorgestellte Studie zweier hannoverscher Kriminologen und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hilft an dieser Stelle nicht weiter. Sie bezieht sich auf die niedersachsenweite Kriminalstatistik 2015/16, auf Jahre also, in denen es den neuen Grapscherparagrafen noch gar nicht gab.

Wie schwer es ist, überhaupt Antworten zu finden, war im Superwahlkampfjahr 2017 überdeutlich. Mit Flüchtlingen als Tätern wird Politik gemacht: In Bayern stellt Innenminister Thomas Herrmann (CSU) kurz vor der Bundestagswahl eine Kriminalstatistik vor. Fast 50 Prozent mehr Vergewaltigungen soll es  gegeben haben, tatverdächtig seien oft Zuwanderer. Noch vor der Wahl muss Herrmann die Zahlen nach unten korrigieren. Andersherum werden Flüchtlinge als Täter aber auch bewusst geschützt: In Kassel ertragen es drei Schülerinnen wochenlang, dass Migranten sie auf dem Weg zur Schule in Straßenbahn oder Bus im Intimbereich begrapschen. Sie schweigen, weil sie die Täter für Flüchtlinge halten. „Wir wollten nicht zu deren Diskriminierung beitragen“, sagen sie später einer Zeitung. 

Machogehabe häuft sich

Petra Klecina vom Frauennotruf liegen vor allem die Opfer am Herzen. Wie wichtig es ist, dass sie jetzt Anzeige erstatten können, wird bei der Verhandlung gegen Ameslash H. deutlich. Natürlich habe sie falsch reagiert, sagt die Studentin, die ihn ohrfeigte.  Aber man fühle sich einfach widerlich, wenn Männer einen anglotzten, angrapschten, nur, weil man feiern wolle. Das Machogehabe häufe sich in der hannoverschen Clubkultur, man brauche nicht einmal aufreizend angezogen zu sein. Auch in der Studie der Kriminologen aus Zürich und Hannover ist die Machokultur ein wichtiges Element. Es sei ein Statement gewesen, dass sie Ameslash H. angezeigt habe, nachdem er ihr über Stunden nachgestellt habe, sagt ihre Freundin. „Wenn man so ein Verhalten von Männern immer stillschweigend toleriert, wird das irgendwann zur Normalität.“  

Der Student aus Äthiopien kommt nicht so leicht davon. Er gesteht seine Schuld wegen der sexuellen Belästigung ein und verpflichtet sich, ein Schmerzensgeld von insgesamt 900 Euro an beide Frauen zu zahlen. Für die vorsätzliche Körperverletzung wird er zu einer Geldstrafe von 35 Tagessätzen à 60 Euro verurteilt. 

Von Jutta Rinas