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Aus der Stadt Abriss stimmt Anwohner wehmütig
Hannover Aus der Stadt Abriss stimmt Anwohner wehmütig
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00:15 12.01.2018
Ein Abschied: Ilse Völker vor dem Oststadtkrankenhaus, das für Neubauten abgerissen wird.
Ein Abschied: Ilse Völker vor dem Oststadtkrankenhaus, das für Neubauten abgerissen wird.  Quelle: Körner
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Hannover

  Die Bagger verrichten ungerührt ihre Arbeit, und Ilse Völker wendet sich ab: „Ich mag da gar nicht hinsehen“, sagt die 87-Jährige wehmütig, während in ihrem Rücken Wände einstürzen. Immer wieder bleiben Passanten stehen, machen Fotos oder sehen schweigend zu, wie das frühere Oststadtkrankenhaus dem Erdboden gleich gemacht wird. Die frühere Klinik, die zuletzt als Flüchtlingsunterkunft diente, muss dem Neubaugebiet „Buchholzer Grün“ weichen; hier entstehen 320 Wohnungen.

Ilse Völker ist gleich nebenan aufgewachsen, in Klein-Buchholz. „Ehe das Krankenhaus gebaut wurde, war das alles hier freies Feld“, sagt sie. Bei der Grundsteinlegung im April 1957 war sie dann dabei: „Ich war gerade mit meiner zweiten Tochter schwanger, wir mussten nur über die Straße gehen“, sagt sie. „Da waren Honoratioren wie Oberbürgermeister August Holweg, eine Feuerwehrkapelle spielte, und der Polier trug einen Spruch vor, als man einen Blechbehälter mit Urkunden, Zeitungen und Münzen einmauerte.“

Der Bundespräsident war da

Im Juli 1959 wurde das 17,5 Millionen Mark teure Krankenhaus dann mit einem Festakt im Speisesaal eröffnet – ein betont schlichter Bau mit modernster Technik wie beispielsweise klimatisierten OPs. Tickets für Führungen waren binnen Stunden vergriffen. Im Jahr darauf kam sogar der Bundespräsident vorbei. Bei seiner Visite soll Heinrich Lübke durchs „Babyfenster“ auf einen schlummernden Säugling gezeigt haben: „Wie der schnarcht! Der hat bestimmt heut nacht zuviel getrunken.“

Ilse Völker stand damals mit ihrer Tochter vor der Klinik: „Das ist eine meiner ersten bewussten Erinnnerungen“, sagt die heute 61-jährige Sabine Herde. Schwarze Limousinen, zig Schaulustige, und ihre Mutter stellte sie auf einen Mauervorsprung: „Das mit den weißen Haaren ist unser Bundespräsident.“ Später kaufte Sabine Herde im kleinen Krankenhauskiosk Süßigkeiten („Weingummiteufel für 5 Pfennige“) – und als sie später selbst Krankenschwester lernte, hatte sie hier ihre Gynäkologie-Ausbildung.

Keimzelle für die MHH

Um die neue Klinik herum entstanden bald Wohnbauten für die Mitarbeiter. Das „Oststadt“ prägte den Stadtteil – und es wuchs. Als es 1984 sein 25-jähriges Bestehen feierte, wurden dort rund 14 000 Patienten im Jahr behandelt. Hunderttausende Patienten wurden hier kuriert. Fast sechs Jahrzehnte lang war dies ein Ort, an dem geboren und gesundet und gestorben wurde. Ärzte nähten Kindern abgerissene Finger wieder an, prominente Patienten gingen hier ein und aus, spektakuläre Strahlentherapien sorgten für Schlagzeilen. Die Klinik, gegründet als Krankenhaus am Rande der Stadt, wurde sogar zur Keimzelle der großen MHH.

Ilse Völker hat hier eine schwere Operation hinter sich gebracht. Ihr Neffe wurde in diesem Krankenhaus geboren, ihr Mann starb hier. „Am Oststadt hängen viele persönliche Erinnerungen“, sagt sie. „Da verschwindet etwas, das zu meinem Leben gehört hat.“ Sie hofft darauf, dass bei den Abrissarbeiten wenigstens die 1957 eingemauerte Kassette wieder auftaucht. Hinrich Detmering von der Abbruchfirma A&S hat versprochen, die Augen offen zu halten. „Die Urkunden hätten es verdient, ins Museum zu kommen“, sagt Ilse Völker. „Das ,Oststadt’ ist schließlich ein Stück hannoversche Geschichte.“

Von Simon Benne