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Aus der Stadt Autofahrer sprüht Mann im Stau Pfefferspray ins Gesicht
Hannover Aus der Stadt Autofahrer sprüht Mann im Stau Pfefferspray ins Gesicht
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00:16 20.01.2018
Mercedesfahrer Ilia P. wurde von Anwalt Frank Tolle verteidigt.
Mercedesfahrer Ilia P. wurde von Anwalt Frank Tolle verteidigt. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

 Es war am Gründonnerstag 2017 gegen 20.45 Uhr, als es auf der Autobahn 2 Richtung Berlin zu einem dramatischen Zwischenfall kam. Der Fahrer eines Mercedes CLS 350 hatte einen Opel-Vectra-Fahrer auf Höhe Langenhagen mit einem riskanten Überhol- und Bremsmanöver in Rage gebracht. Acht Kilometer weiter, kurz hinter der Abfahrt Lahe, kam es zwischen den beiden Kontrahenten zu einem Showdown. In einem kleinen Stau stehend stieg der 37-jährige Berufskraftfahrer aus seinem Opel und klopfte an die Seitenscheibe des 38-Jährigen, der als Controller bei einer Schachtbaufirma arbeitet. Dieser kurbelte das Fenster herunter – und sprühte dem Jüngeren eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Am Mittwoch verurteilte Amtsrichter Lars Stanull den Sprayer wegen gefährlicher Körperverletzung in einem minderschweren Fall zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 90 Euro.   

Dichtes Auffahren mit Lichthupe

Die Fahrbahn an jenem Abend war trocken und es dunkelte bereits, als sich Ilias P. aus Suderburg per Lichthupe den Weg auf der linken Spur freizumachen versuchte. „Ich war genervt, wollte schnell zu Frau und Kind“, gab er vor Gericht zu. Doch der Opelfahrer aus Meschede, mit Frau und zwei kleinen Kindern im Auto zu den Eltern unterwegs, hielt das für unnötig. Es herrschte starker Verkehr auf der A 2 Richtung Osten, auf allen drei Fahrspuren rollten die Wagen mit Tempo 100 bis 110 dahin. „Ich sah keinen Sinn darin, auf die mittlere Fahrspur auszuweichen, es war doch alles voll“, sagte der 37-Jährige. Doch trotzdem sei der Fahrer des Mercedes Coupé überaus dicht aufgefahren und habe die Lichthupe betätigt. 

Dann scherte das schwere Fahrzeug aus, überholte den Vectra Kombi mit einem Kickdown – und setzte sich vor dessen Kühler. „Dabei hat er so stark gebremst, dass ich in die Eisen gehen musste und mein ABS anschlug“, erklärte der Kombifahrer. Auch sei die Warnblinkanlage des Mercedes ausgelöst worden. Dessen Fahrer behauptete, er habe in der Lücke lediglich etwas stärker gebremst, um nicht auf den Vordermann aufzufahren. Am Ende sprach der Richter Ilias P. mit Blick auf den Anklagepunkt „Nötigung“ frei: Auch wenn dieser mehrere Ordnungswidrigkeiten begangen habe, sei ihm ein absichtliches Ausbremsen des anderen nicht zweifelsfrei nachzuweisen.

Sanitäter versorgten den Verletzten

Doch als der Verkehr auf der Autobahn wenig später für kurze Zeit zum Erliegen kam, holte der Vectra-Fahrer zum Gegenschlag aus. „Ich wollte dem anderen nur klarmachen, dass ich ihn anzeigen werde“, lautete seine Begründung. Er stieg aus, vor ihm auf der linken Spur der Mercedes, und bedrängte den Drängler an dessen Seitenscheibe. Nachdem ihm dieser das Pfefferspray ins Gesicht gesprüht hatte, war die Auseinandersetzung beendet. Der 37-Jährige, halb blind, ließ seine Frau ans Steuer, die rollte auf den Standstreifen. Kurze Zeit später trafen Polizei und Rettungskräfte ein, die den verletzten Autofahrer versorgten.

Verteidiger Frank Tolle plädierte auf Notwehr und Freispruch. Sein Mandant sei – für diesen völlig überraschend – aus dem Dunklen heraus beschimpft worden und habe den potenziellen Angreifer vertreiben wollen. Das sah Mieke Westphal als Vertreterin der Staatsanwaltschaft anders: Sie forderte eine Bestrafung von P. zu 190 Tagessätzen à 100 Euro und eine anderthalbjährige Entziehung seiner Fahrerlaubnis. Richter Stanull beließ es bei der Geldstrafe von 8100 Euro, mit der der schon zweimal wegen zu schnellen Fahrens aufgefallene Angeklagte haarscharf um eine Eintragung ins Vorstrafenregister herumkam. Dass dieser darum gebeten hatte, bei einer Geldstrafe unter 60 Tagessätzen zu bleiben, um seine Waffenbesitzkarte nicht zu gefährden, löste beim Richter allerdings nur Kopfschütteln aus. 

Dem Opelfahrer kreidete Stanull an, aus seinem Auto ausgestiegen zu sein, um „etwas zu klären“: „Solche klärenden Gespräche haben im Straßenverkehr nichts zu suchen.“ Die Reaktion des Mercedesfahrers sei jedoch völlig überzogen gewesen – schließlich hätte er die Scheibe unten lassen und einen Moment später weiterfahren können.

Von Michael Zgoll

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