Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Wer kegelt eigentlich heute noch?
Hannover Aus der Stadt Wer kegelt eigentlich heute noch?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 20.01.2018
Jürgen Ketelhake, Präsident des niedersächsischen Keglerverbandes: „Kegeln ist aus der Mode gekommen.“ Quelle: Samantha Franson
Anzeige
Hannover

 Und nun zum Kegeln. Wer dorthin will, muss erstmal rein ins Schwimmbad, dann die Treppe runter und die erste Tür links nehmen. Im Raum sind die Wände aus rotem Ziegel und mit Holz vertäfelt, Typ Partykeller, auf einem dunklen Tisch stehen Getränke und, so ist es nun mal, auch ein, zwei Bierchen. Auf gerahmten Fotos posieren stolze Männer mit hinterm dem Rücken verschränkten Armen, davor knien andere Männer in dengleichen Trikots. Zu sehen sind Kegler mit Erfolgen, wie sie nicht viele Sportler vorweisen können. Weltmeister, Europameister, mit erprobter Wettkampfhärte aus Hunderten von Bundesligaspielen.  Der Raum ist voll, es ist das letzte Training vor der Auswärtspartie in der Zweiten Bundesliga, die Fahrt wird nach Bremerhaven führen. Nach Maßstab eines Laien laufen die Kugeln großartig. Immer wieder stehen neun Kegel am Ende der Bahn und kaum ein Wurf räumt weniger als sieben ab.  

Am Rand steht Jürgen Ketelhake. Er ist 68 Jahre alt und führt den KC Springe 52 seit 1980. Ketelhake hat die guten und die schlechten Zeiten des Sportkegelns erlebt, leider überwiegen seit Langem die schlechten Nachrichten. Die Mitglieder schwinden so kontinuierlich wie das arktische Eis, der Nachwuchs lebt sehr gut ohne Kegeln, und weil es immer mehr Kegler in recht fortgeschrittenem Alter gibt, dürfte auch das Kegelbahnsterben weiterhin eine Zukunft haben. Ketelhake beobachtet den Abwärtstrend auch als Präsident des Keglerverbandes Niedersachsen, und er verschweigt nichts: „1980 war die Welt noch in Ordnung. Aber heute ist Kegeln aus der Mode gekommen. Du kommst nicht mehr an die Jugend  ran.“ 

Anzeige

In Springes Schwimmbadkeller kann man im Kleinen die große Entwicklung beobachten, Erfolge von früher und Tristesse der Gegenwart. Die Weltmeister spielen noch. Aber der KC 52 hatte mal 500 Mitglieder, heute sind es zehn, wirklich nur noch zehn, acht von ihnen sind Kandidaten für das Bundesligaspiel an der Weser. Fragt man den Präsidenten, ob sein Sport ausstirbt, antwortet Ketelhake, selbst ehemaliger Nationalspieler, die Frage sei, wann das passiere. 

Kegeln als Sport blühte in einer Zeit, als die Bundesrepublik eine andere war. Drei Fernsehprogramme, keine Handys und Computerspiele, nicht diese ganze Abwechslung. Eltern nahmen KInder mit in ihren Verein und so war für Nachwuchs auch im Sport gesorgt. Kegeln war einmal so beliebt wie kaum eine andere Sportart. Das Niedersächsische Institut für Sportgeschichte notiert, dass der Verein Hannoverscher Kegler von 1888 (VHK) in seinem besten Jahr 5305 Mitgliedern zählte – das war 1979, als der Kegelklub der drittgrößte Verein in ganz Niedersachsen war  – nicht unter Keglern im Land, sondern unter allen Sportvereinen. Der VHK war größer als Hannover 96, und die Landeshauptstadt praktisch Kegelhauptstadt. 

Kegelvereine hatten früher Mitgliederzahlen wie kaum eine andere Sportart. Heute fehlt der Nachwuchs

Wer sonst hatte denn all dies? In den Wülfeler Brauereigaststätten gab es 40 Kegelbahnen unter einem Dach, bis sie zur Expo Hotelbauten wichen. Die Rivalen Hannover waren in den 1990er-Jahren mehrfach Deutscher Meister. Für private Feiern vermieteten Gastwirte Anlagen wie das Brezelbacken, „Puschenklub“ nannten ambitionierte Kegler solche Treffen, die ihre Stärken im Freizeitbereich voll ausspielten. Abende galten als gelungen, wenn Gläser stets gefüllt, Räume verqualmt und das Essen fettig war. Die Promillegrenze lag bei 0,8, was freien Bürgern Spielraum für freie Fahrten mit einem Glas mehr ließ. Ungezählte Kugeln liefen auf sogenannten Bundeskegelbahnen, ein Name, als wäre Kegeln offizieller Regierungssport. 

Heute hat die Vereinigung hannoverscher Kegler von 2000, Nachfolgeorganisation des VHK, noch 61 Angehörige, unter ihnen ein einziger einsamer Jugendlicher. Udo Ertingshausen ist ihr Vorsitzender. Wie konnte es zu diesem Niedergang kommen? Gut, die Alten sterben oder bleiben weg oder gehen an der frischen Luft beim Golf Bälle schlagen. Er erinnert sich, dass es einige Jugendliche im Verein gab.  Die gaben irgendwann ihre Trainingsanzüge zurück, „und mit mal waren die nicht mehr da, ich weiß nicht, warum“. Aber das ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her. 

Aus heutiger Sicht war es bereits ein Erfolg, dass überhaupt junge Leute im Verein waren, die verschwinden konnten.  Ertingshausen erzählt von Werbeaktionen und Trainingsangeboten, man hatte im Kegelzentrum Zettel ausgehängt, aber das alles brachte nichts. Der Vorstand hatte das Problem natürlich erkannt: Ohne Nachwuchs stirbt jeder Klub. Die Frage war dann, ob da nicht mal einer was machen will wegen der Jugend, „da hieß es dann, ja , ja, ja, aber passiert ist nichts“. Jetzt sind die meisten MItglieder über 60 Jahre alt. Udo Ertingshausen gibt der Vereinigung noch einige Jahre, dann sei vielleicht Schluss. „Man ist ein bisschen niedergeschlagen“, sagt er. 

Es ist eine Frage der Perspektive. Nachgefragt also bei der Firma Spellmann in Laatzen. Das Unternehmen baut Kegelbahnen, seit 1885 in Dresden der Vorläufer des deutschen Keglerbundes gegründet worden ist. Wenn das Interesse am Sport und am Kegeln überhaupt abnimmt, dann muss auch das Geschäft zurück gegangen sein. Und so ist es. In den 1970er-Jahren bauten die Laatzener um die 800 Bahnen pro Jahr, so schön war es nie wieder. Bis zu 250 Menschen waren beschäftigt, dann wurden es immer weniger. Heute machen knapp 40 Beschäftigte einen Umsatz zwischen drei und vier Millionen Euro, Kundenservice, Wartung, Reparaturen, Nachrüstung alter Bahnen  und wachsendes Auslandsgeschäft inklusive. Aufträge für Neubauten gehen ein, wenn Kunden Bowlingbahnen wünschen. 

Vertriebschefin Marion Matthies glaubt, dass man den Leuten mehr bieten muss als es traditionelle Kegelbahnen tun. „Es gibt Anlagen in Kellern, da riecht man schon auf der letzten Stufe, dass gleich eine Kegelbahn kommt. Damit kann man junge Leute nicht hinterm Ofen vorlocken.“ Also leuchten und glitzern die neuen Spielstätten, Anzeigen sind digital und Beläge vielschichtig. In den Werkshallen kann man Wörter wie „Fehlwurfrinnenbeleuchtung“ lernen. Der Markt sei nicht tot, sondern rückläufig und pendele sich auf geringerem Niveau als früher ein. Miriam Matthies, Marketingleiterin bei Spellmann, glaubt, dass das gesellige Kegeln, also der Puschenklub, immer bestehen bleiben wird. Sie konnte sich vor Kurzem selbst davon überzeugen. Bei der Weihnachtsfeier der Firma schob sie das erste Mal in ihrem Leben eine Kugel über eine Bahn. 

Und noch ein Lichtblick. Im vergangenen Jahr haben die fünf hannoverschen Kegelvereine sechs Mitglieder dazu gewonnen, es sind jetzt 161. In Hannover kegeln mehr Männer und Frauen als Menschen olympisches Ringen betreiben. 

Die zehn beliebtesten Sportarten in Hannover

1. Fußball: 31.257 Mitglieder (darunter passive Fördermitglieder von Hannover 96)

2. Turnen: 21.954 

3. Tennis: 8322

4. Schwimmen: 5530 

5. Behindertensport: 3619

6. Handball: 3244

7. Kanu: 2804

8. Schießen: 2604

9: Leichtathletik: 2473

10. Volleyball: 2187

....

...

42. Kegeln: 161 Mitglieder

Nach Angaben des Stadtsportbundes, Stand 2017.   gum

Von Gunnar Menkens