Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Wie sieht Fotograf Joachim Giesel Hannover?
Hannover Aus der Stadt Wie sieht Fotograf Joachim Giesel Hannover?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:54 22.01.2018
Joachim Giesel, 77, Fotograf, plant ein Projekt über „Das Lachen der Frauen“.  Quelle: Schaarschmift
Anzeige
Hannover

 Um zu verstehen, wie der Fotograf Joachim Giesel manchmal arbeitet, lohnt ein Blick zurück in eine bewegte Zeit. 1967, die Leiche des in Berlin ermordeten Studenten Benno Ohnesorg wird in seine Geburtsstadt Hannover überführt. Großer Konvoi, große Aufmerksamkeit, die Republik gerät in Aufruhr. Bei der Beerdigung muss Giesel der alte Fotografenspruch eingefallen sein, demzufolge ein Bild schlecht ist, wenn man nicht nah genug am Motiv dran war. Also unternimmt er ein Manöver. „Ich habe so getan, als würde ich zur Trauergemeinde gehören“, erzählt Giesel, der in Anzug und dunklem Mantel, unter dem er seine Kamera verbarg, auf dem Stadtteilfriedhof Bothfeld erschien. Dort hielt er mit seiner Leica fest, wie der Sarg des unglücklichen Ohnesorg in die Erde gelassen wurde. 

Joachim Giesel ist heute 77 Jahre alt und eine Instanz in Hannovers  Fotojournalismus, geehrt mit Ausstellungen und Auszeichnungen. Das graue Haar ist immer noch lang, auch der Schnauzer bleibt präsent. Er ist ein zurück haltender Mensch und keiner, der Zuhörern Meinungen über dieses und jenes aufdrängt oder gar seine größten Erfolge aufzählt. Wer Geschichten hören will, muss danach fragen. 

Anzeige
Stadtspaziergang: Journalist Gunnar Menkens mit Fotograf Joachim Giesel. Quelle: Tim Schaarschmidt

Geplant waren Runden um den Ballhof, Giesel war auch Theaterfotograf, aber das Wetter ist schlecht und bald ist beschlossen, dass ein warmer Platz besser wäre. Im Café fragt sich Giesel bei einem Cappucino, ob das wohl moralisch in Ordnung war damals bei der Trauerfeier. Er war nie ein Papparazzo, der Prominente oder Alltagsleute gegen ihren Willen ablichtet, um damit bei Illustrierten Geld zu machen. Aber wenn ein Bild zum Dokument wird, das öffentliche Vorgänge festhält, dann, glaubt Giesel, ist eine Grenzüberschreitung eine Überlegung wert. Er zitiert aus einem Urteil. Wenn Personen ohne ihr Wissen aufgenommen werden, diese Fotos aber im Zusammenhang mit einem künstlerischen Projekt stehen, dann seien Aufnahmen und Veröffentlichung zulässig. Es ist eine Gratwanderung, Giesel weiß das. 

Womit er bei seinem jüngsten Projekt ist. Als er von zurück liegenden Plänen der türkischen Regierung las, Frauen in der Öffentlichkeit das Lachen zu verbieten, dachte er an die vielen Bilder in seinem Archiv, die eben dies zeigen: Frauen, die lachen. „Wir brauchen das, es macht frei, und wenn wir Menschen anlächeln, die uns begegnen, dann kommt es garantiert zurück.“ Um die 100 Fotos hat er nun aus Anlass des Weltfrauentags Anfang März zusammen gestellt. Sie sind auf Reisen entstanden, in Deutschland und Hannover. In der Stadt fällt ihm zwar auch sehr oft das Gegenteil auf, „eilige, verbissene Gesichter, hetzende und gehetzte Frauen, lächeln oder mal Lachen sind riesige Ausnahmen“, aber Giesel hat dann für sein lebensfrohes Projekt eben nur die passenden Motive ausgewählt.  

Nicht alle Frauen wissen, dass Giesel sie fotografiert hat. Aufnahmen sind eben oft besser, echter, wenn die Menschen nicht wissen, dass ein Objetiv auf sie gerichtet ist. Das gelingt ihm, in dem er nicht zu ihnen sieht, aber das Bild mit seiner kleinen Digitalkamera längst vorbereitet hat. Giesel , der früher einmal ein sehr guter Fußballer war, hat da wohl einen Trick aus dem Sport übernommen: Wie es den Pass zum Mitspieler gibt, ohne hinzusehen, den No-Look-Pass, macht er sozusagen No-look-Bilder. Er fotografiert, ohne hinzusehen. Für ein künstlerisches Projekt, sagt er. 

Die Bilder werden Anfang nächsten Jahres in der Volkshochschule ausgestellt, sie sind Teil eines Projektes, dass sein Lebenswerk ehren soll. Etliche Filme, deren Aufnahmen Teil der Stadtgeschichte zeigen, entwickelte Joachim Giesel noch in seinem Labor, von eigener Hand und unglaublich aufwändig, im Stil vergangener Zeiten. Er hat die Technik noch im Keller, „ich dachte, dass ich das Labor vielleicht noch gebrauchen kann, wenn die alte Fotografie wiederkommen sollte“, aber ebenso gut könnte der Kassettenrekorder eine Wiedergeburt erleben. Giesel war schon ewig nicht drin in diesem Labor.  

Heute lebt die digitale Bilderflut, jeder kann ohne Aufwand schnell Geknipstes veröffentlichen. Er mag das nicht. „Die Leute werden überfüttert. Das führt dazu, dass sie zwischen all diesen normalen Bildern Qualität nicht mehr erkennen können.“ Ob er übrigens mal das Bild sehen könne, das der Kollege im Café eben von ihm gemacht habe? 

Von Gunnar Menkens

Aus der Stadt Schulsozialarbeiter an hannoverschen Grundschulen - Hilft das Ranking den Eltern?
22.01.2018
22.01.2018