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Aus der Stadt Der Rätselmann, der überlebte
Hannover Aus der Stadt Der Rätselmann, der überlebte
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15:15 28.01.2018
Auch mit dem „Harmonographen“ von Ivan Moscovich erstellte Grafiken sind ihn Ahlem zu sehen.
Auch mit dem „Harmonographen“ von Ivan Moscovich erstellte Grafiken sind ihn Ahlem zu sehen. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

 Ivan Moscovich, im heutigen Jugoslawien geboren, ist 92 Jahre alt. Er hat vier Aufenthalte Lageraufenthalte, darunter in Auschwitz und in Ahlem, sowie zwei Todesmärsche überlebt. Und er hat sich dann, als das alles vorbei war, zu einem mathematischen Genie, einem Tüftler, Spieleerfinder und Künstler entwickelt. Seine Frau Anita überredete ihn, die Biografie zu schreiben. Den Titel hat Moscovich selbst ausgewählt, weil er findet, dass er perfekt passt zu dem, was er in gut neun Jahrzehnten erlebt hat.

 „Wahrscheinlichkeitsrechner haben herausgefunden, dass ich statistisch betrachtet ein Lügner sein müsse. Soviel Glück wie ich gehabt habe, ist eigentlich für einen einzelnen nicht möglich“, sagt Moscovich. Er habe oft vor der Situation gestanden, für sich überlebenswichtige Entscheidungen treffen zu müssen. Und er habe immer richtig gelegen, ohne im Vorfeld zu wissen, dass das so sein würde.

„Das Buch erzählt eine Lebensgeschichte in zwei Teilen“, sagte Regionspräsident Hauke Jagau als Gastgeber in Ahlem. Der erste erzählt von einer behüteten Kindheit im ehemaligen Jugoslawien, die endete, als ungarische Faschisten 1942 seinen Vater ermordeten. Er erzählt von den Gräueln in Auschwitz, in Ahlem und zum Schluss in Bergen-Belsen. „In den letzten Kriegstagen wütete dort der Typhus. Ich legte mich auf einen Leichenhaufen, stellte mich tot und dachte, es wäre vorbei“, berichtet Moscovich. In einem bestimmten Moment hätten sein Körper und sein Verstand beschlossen, dass es dumm sei, jetzt zu sterben – nach allem, was er durchgemacht habe. Dann wachte er auf und sah britische Soldaten.

Den zweiten Teil nimmt eine wesentlich größere Lebensspanne ein. Moscovich war bei seiner Befreiung erst 18 Jahre alt. Er durfte unter Tito in Jugoslawien studieren, wanderte später nach Israel aus und gründete das Wissenschaftsmuseum in Tel Aviv. Als Erfinder hat er sich den sogenannten Harmonografen patentieren lassen, eine Kunstzeichnungsmaschine, mit sich farbige Grafiken herstellen lassen. „Der Harmonograf funktioniert fast wie ein Computer, ohne einer zu sein“, beschrieb es Jagau. Kunstwerke von Moscovich sind deshalb aktuell ebenfalls in Ahlem zu sehen. Moscovich entwarf Rätsel und mehr als 100 Spiele für den amerikanischen Konzern Mattel. „Ich glaube an die Bedeutung von Spielen und Rätseln als Ansporn zu lebenslangem Lernen“, schreibt Moscovich in seinem Buch.

Als Häftling musste Moscovich im bombenzerstörten Hildesheim einen Zugwaggon mit verkohltem Zucker wegräumen. „Ich habe brauchbare Krümel herausgekratzt und eine Woche dreimal täglich Zucker gegessen, nichts anderes“, sagt er. Trotzdem möge er ihn heute noch. Seine heutigen deutschen Gastgeber in Ahlem nennt er Freunde.

Erinnerungen aus neun Lebensjahrzehnten

Im Alter von 90 Jahren hat Ivan Moscovich begonnen, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Sie erschienen zunächst in englischer Sprache. „Bei einem Besuch Ivans in der Gedenkstätte Ahlem wurde uns bewusst, dass seine unglaubliche Geschichte unbedingt auch auf Deutsch erzählt werden müsste“, sagt Regionspräsident Hauke Jagau. Für „The Puzzleman – Der Rätselmann“ fungiert die Region Hannover als Herausgeber, erschienen ist das Buch mit 204 Seiten im Wehrhahn Verlag unter Nummer ISBN 978-3-86525-808-3. Es kostet 15 Euro und ist im lokalen Buchhandel sowie in der Gedenkstätte Ahlem an der Heisterbergallee erhältlich.

Von Bernd Haase