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Aus der Stadt Fünf Kinder aus Algerien wieder zurück in Hannover
Hannover Aus der Stadt Fünf Kinder aus Algerien wieder zurück in Hannover
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00:16 25.01.2018
Der angeklagte Vater wurde von einer hannoverschen Anwältin vertreten. 
Der angeklagte Vater wurde von einer hannoverschen Anwältin vertreten.  Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

 Der Fall des 46-jährigen Deutsch-Algeriers erinnert stark an die Geschichte des Tunesier Kais B., der seit knapp zwei Jahren im Gefängnis sitzt und sich standhaft weigert, seine zwei Töchter nach Hannover zur Mutter heimkehren zu lassen. Im Algerien-Fall handelt es sich sogar um fünf Kinder – drei Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen 6 und 16 Jahren –, die anderthalb Jahre gegen den Willen der Mutter in Nordafrika festgehalten wurden. Doch dieser Prozess, der am Montag am Amtsgericht stattfand, nahm einen völlig anderen Verlauf. Der 46-Jährige hat seine Kinder freigegeben, seit vergangenen Donnerstag sind sie wieder bei der Mutter in Hannover. Daraufhin stellte Richter Jörn Thyen das Verfahren wegen Kindesentziehung und Körperverletzung ein.

Mutter hat das Sorgerecht

2013 war der Ehemann mit seinen drei Söhnen über Frankreich bereits einmal nach Algerien gereist, ohne Wissen seiner Frau. Daraufhin strengte die Mutter – eine Frau mit deutscher Staatsangehörigkeit – ein Verfahren beim Familiengericht an und bekam das alleinige Sorgerecht zugesprochen. 2015 dann siedelte die ganze Familie nach Algerien über, wollte offenbar versuchen, gemeinsam in Nordafrika sesshaft zu werden. Doch das ging nicht gut, es gab zwischen den Eheleuten zunehmend Spannungen. Als die Mutter im Sommer 2016 mit ihren fünf Kindern nach Hannover zurückkehren wollte, stellte sich der Deutsch-Algerier quer. Er versteckte die Pässe der Minderjährigen, die bei Verwandten untergebracht wurden, und weigerte sich, diese wieder nach Deutschland fliegen zu lassen. So reiste die Mutter alleine zurück nach Hannover.

Zweimal besuchte die heute 45-Jährige ihre Familie in Algerien, nahm im November 2016 und im März 2017 zwei Anläufe, ihre Kinder loszueisen. Doch diese Begegnungen endeten, so sagte sie später bei der Polizei aus, im Chaos. Beim ersten Mal wurde der Streit um den Aufenthaltsort der Jungen und Mädchen laut Anklage derart heftig ausgetragen, dass der Mann seine Frau mehrfach mit der flachen Hand ins Gesicht schlug und sie in ein Schlafzimmer schubste, um sie dort einzusperren. Hier kamen zwei Söhne ihrer Mutter zur Hilfe, um Schlimmeres zu verhindern. Beim zweiten Besuch, so die Staatsanwaltschaft, würgte der Mann seine Ehefrau, so dass sie fast erstickt wäre, und drohte ihr, sie werde nur noch in Rollstuhl oder Sarg nach Deutschland zurückkehren. Dieses Mal waren es die Töchter, die ihrer Mutter zur Hilfe eilten; letztendlich musste diese aber erneut unverrichteter Dinge nach Hannover zurückkehren.

Vater am Flughafen verhaftet

Die Wende wurde eingeleitet, als der Vater Ende November 2017 nach Deutschland einreisen wollte: Er wurde am Flughafen Frankfurt/Main festgenommen, saß seither in Untersuchungshaft. Anders als Kais B. scheint den 46-Jährigen die Zeit im Gefängnis allerdings nachhaltig beeindruckt zu haben ; zudem wurde ihm vonseiten der Justiz eindringlich klargemacht, was ihn im Falle einer Weigerung erwartet, die Kinder freizugeben. Vergangene Woche dann brachte ein Bruder des Inhaftierten die drei Jungen und zwei Mädchen zurück nach Hannover.

Zudem hatte es am Montag im Gerichtssaal den Anschein, dass sich die Eheleute versöhnt haben. Die mit einem Kopftuch auftretende 45-Jährige verweigerte die Aussage und erklärte, die Strafanzeige gegen ihren Mann zurücknehmen zu wollen. Sie wolle sich auch nicht von ihm scheiden lassen und habe nichts dagegen, dass er weiterhin Umgang mit den Kindern pflege. Der gelernte Maler und Lackierer, der gut Deutsch spricht, verzichtete aufgrund der Einstellung des Verfahrens auf eine Haftentschädigung. Ob er nach Algerien zurückkehre oder sich in Hannover eine Wohnung suche, wisse er aber noch nicht. 

Lob für „konsequentes Handeln“

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Klinge, lobte im Anschluss an die Verhandlung das „konsequente Handeln der Behörden“, die den Meinungswandel des Deutsch-Algeriers entscheidend beeinflusst hätten. „Und dass der Mann seine Kinder freigegeben hat und sie jetzt wieder in Deutschland sind, ist doch genau das, was die Justiz erreichen will“, erklärte Amtsgerichts-Sprecher Jens Buck. Dies rechtfertige schlussendlich auch die Einstellung eines Strafverfahrens. Allerdings zeigen die mehrfachen Prozesse gegen einen hartleibigen Vater wie Kais B., dass konsequentes Handeln der Behörden nicht in jedem Fall den gewünschten Effekt erzielt. Immerhin hatte dieser in der jüngsten Landgerichts-Verhandlung Anfang Januar eine recht vage Erklärung abgegeben, seine beiden Töchter endlich aus Tunesien ausreisen zu lassen – passiert ist aber offenbar noch nichts.

Von Michael Zgoll