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Aus der Stadt "Man hat Angst, ihnen wehzutun"
Hannover Aus der Stadt "Man hat Angst, ihnen wehzutun"
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00:18 05.12.2018
Jessica Thürnau ist Mutter von gleich zwei Frühchen, den Zwillingen Fiona Sophie und Amelie Joleen. Hier trägt sie die kleine Fiona auf dem Arm. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Es sind eben keine Momente des Glücks, der Zärtlichkeit, Innigkeit – Momente, wie sie sich Mütter für die ersten Stunden mit ihrem Neugeborenen erträumen. Im Gegenteil: Jessica Thürnau hat nach der Geburt „panische Angst“ davor, ihre beiden Mädchen zu berühren. Sie hätten so zerbrechlich ausgesehen, mit ihren winzigen Körpern, dazu mit ihrer fast durchsichtigen Haut, sagt die 30-Jährige Servicekraft aus Steinhude: „Ich hatte Angst, ihnen wehzutun.“

Jessica Thürnau ist Mutter zweier Frühchen. Die zweieiigen Zwillinge Fiona Sophie und Amelie Joleen werden am 8. September 2018 in der MHH geboren: Amelie um 9.16 Uhr, 33 Zentimeter groß und 730 Gramm schwer; Fiona kurz hinterher, um 9.17 Uhr, so winzig wie ihre Schwester und noch etwas leichter: Sie wiegt gerade mal 690 Gramm. Wer verstehen will, wie die ersten Wochen für Frühcheneltern aussehen, wer ihren Alltag auf der Station 69, der Früh- und Neugeborenenstation der MHH, begreifen will, braucht ihr nur zuzuhören. Am Anfang steht – auch wenn aus medizinischer Sicht alles gut geht -, Fremdheit mit den eigenen Kindern, dazu große Angst.

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Die Frühchen Amelie und Fiona sind drei Monate alt. Das erste Ziel: Weihnachten nicht an der MHH, sondern zu Hause zu verbringen.

Für Schockmomente sorgen bei Jessica Thürnau schon die vielen Schwestern und Ärzte, die sich an ihrem Bett versammeln, als die Zwillinge in der 25. Woche geholt werden müssen, dazu „überall Maschinen“. Amelie entwickelt ein Atemnotsyndrom, es ist anfangs kritisch, ob sie überhaupt durchkommt. Danach braucht es Zeit, bis die junge Mutter verarbeitet, dass sie ihre Kinder anfangs nur durch den Inkubator sehen kann, dass sie an Schläuchen hängen, mit Pflastern befestigt, die an den kleinen Wesen riesig wirken. „Man hatte sich ja eigentlich normale Kinder erhofft“, sagt sie und hat Tränen in den Augen.

Auch Vater Marco erinnert sich, wie es war, die Kinder anfangs so liegen zu sehen, mit Körpern wie kleine Vögelchen. Aber der 32-Jährige ist gefasster, hat aus einer früheren Beziehung einen Sohn, beruhigt seine Frau: „Beim ersten Kind glaubt man immer, man muss vorsichtig sein.“ Die Krankenschwestern hätten ihnen geduldig gezeigt, wie man die Frühchen streichelt, hoch nimmt, auf den Bauch legt, kuschelt. „Körperkontakt und Wärme der Eltern“, sagt Thürnau mit hörbarem Vaterstolz: „sind sehr wichtig.“

Mutter Jessica kommt täglich zu Besuch, obwohl sie zwei Stunden mit Bus und Bahn braucht, pro Fahrt. Vater Marco kommt, so oft er kann. Jessica Thürnau pumpt sogar Milch ab – und geht mittlerweile viel entspannter mit ihren Babies um. Schritt für Schritt gehe es vorwärts, erzählt sie, während sie Fiona zärtlich im Arm hält. Amelie brauche noch eine Atemhilfe, als Nächstes müsse sie lernen, ohne aus zu kommen. „Irgendwann geht es dann nach Hause“, sagt die 30-Jährige und lacht: „Wir hoffen natürlich, dass wir sie vor Weihnachten kriegen. Das wäre das schönste Weihnachtsgeschenk.“

Von Jutta Rinas

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