Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Einer muss draußen bleiben
Hannover Aus der Stadt Einer muss draußen bleiben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
00:15 16.01.2014
Nur nicht den Humor verlieren ... John-Yudes Kaminski (links) und HAZ-Redakteur Jörn Kießler machen bei ihrem Test unschöne Erfahrungen. Quelle: Küstner
Anzeige
Hannover

Seine Worte sind höflich – und eindeutig. „Tut mir leid“, sagt der Türsteher vor dem „Havana“ in der Scholvinstraße und stellt sich demonstrativ in die Mitte des Durchgangs. „Und warum nicht?“, fragt John-Yudes Kaminski. „Tut mir leid“, wiederholt der Sicherheitsmann und macht sich noch ein bisschen größer, als er ohnehin schon ist. Das müsste er eigentlich nicht. Denn John-Yudes Kaminski ist nur etwa 1,65 Meter groß. Einen aggressiven Eindruck macht der 27-Jährige auch nicht mit seinem freundlichen Lächeln und seiner ruhigen Art. In den Latino-Klub am Steintor kommt er dennoch nicht hinein. Ganz im Gegenteil zu mir. Keine 20 Sekunden nachdem mein Begleiter abgewiesen wurde, steuere ich auf den Eingang zu. Der Türsteher macht einen Schritt auf die Seite, nickt mir freundlich zu und lässt mich in die Cocktailbar. Der auffälligste Unterschied zwischen mir und John-Yudes ist, dass ich helle Haut habe und er dunkelhäutig ist.

Seitdem in den letzten Monaten immer wieder Ausländer, unter ihnen zwei Afrikaner, vor hannoverschen Diskotheken und Kneipen abgewiesen wurden, stehen die Betreiber in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, ihre Gäste nach ethnischer Herkunft auszuwählen. Das Thema hat mittlerweile die Politik erreicht. CDU-Ratsherr Maximilian Oppelt schlug Ende Dezember vor, Testpersonen mit ausländischem Aussehen loszuschicken, die das Verhalten des Sicherheitspersonals auf die Probe stellen sollen. Von den anderen Fraktionen erntete er Zustimmung. Ob und wann es solche Tests tatsächlich geben wird, ist noch unklar. Die HAZ hat sich an diesem Wochenende ein Bild gemacht von der Situation vor den Klubs und Bars in der Landeshauptstadt.

Auch an der zweiten Bar ist das Ergebnis am Sonnabend das gleiche wie an der ersten. „Er hat einfach nur ,Nein’ gesagt“, berichtet John-Yudes. Mich hatte der Türsteher des „Eve Clubs“ in der Reuterstraße ohne Weiteres passieren lassen, aber John kam nicht hinterher. Für den gelernten Beikoch war erneut an der Tür Endstation. Mir erschloss sich derweil im „Eve Club“ dasselbe Bild wie zuvor im „Havana“:  Ausländer aus allen Winkeln der Welt stehen an der Bar, tanzen und unterhalten sich. Einen Dunkelhäutigen kann ich auch bei meinem ersten Rundgang durch die Räumlichkeiten nicht entdecken. Erst als ich gegen halb drei noch einmal in den Latino-Klub zurückkomme, entdecke ich einen einsamen Schwarzen. Meine Beobachtung lässt mich stutzig werden.

John-Yudes erzählt davon, dass es für ihn leider Normalität sei, immer wieder draußen vor der Tür bleiben zu müssen. „In das ‚Havana‘ zu kommen, probiere ich für gewöhnlich gar nicht mehr“, sagt er. Die Reaktionen der Türsteher dort kenne er zur Genüge. Mal gebe es eine Begründung dafür, warum er nicht hinein dürfe, und mal nicht. „Einmal wurde ich abgewiesen, weil ich eine zu sportliche Jacke trug“, erzählt John. „Als ich sie ins Auto gebracht hatte und ohne Jacke zurückkam, hieß es, dass man mir doch schon gesagt hätte, dass ich nicht in den Club dürfe.“

Eine wenig plausible Erklärung bremst John-Yudes und mich auch vor der „Dax Bierbörse“ aus. „Jungs, tut mir leid, wir lassen hier gerade niemanden herein, weil die Garderobe voll ist und wir keine Jacken mehr annehmen können“, ruft uns der Türsteher schon zu, als wir den Eingang ansteuern. Wir könnten es aber an dem anderen Eingang versuchen. Noch während John und ich überlegen, wo dieser andere Eingang wohl sein mag, marschiert eine Gruppe von etwa 15 bis 20 Personen an uns vorbei in die Disko. Jacken haben sie alle noch an. Ein Farbiger ist allerdings nicht dabei.

Streitfall Diskotür

Dezember 2013: Ein 33 Jahre alter Mitarbeiter der Universität Hannover wird von den Türstehern nicht in die „Dax Bierbörse“ gelassen. Die Begründung des Sicherheitspersonals: Der Mann soll vor der Disko gepöbelt haben. Der Doktorand aus Äthiopien ist hingegen sicher: „Ich wurde wegen meiner Hautfarbe nicht hineingelassen.“
September 2013: Der afrikanische Schriftsteller Christopher Mlalazi kommt nicht in das „Havana“ in der Scholvinstraße. Die Türsteher geben als Grund an, dass sie den aus Simbabwe stammenden Mann nicht kennen würden. „Während meine Begleiterin und ich mit dem Securitymitarbeiter verhandelten, erhielten reihenweise Menschen, die offensichtlich keine Ausländer waren, Zutritt zu der Disko“, sagte Mlalazi damals der HAZ. Er will gegen die Disko klagen.
August 2013: Die Betreiber der Diskothek „Agostea“ müssen Mehmet R. 1000 Euro Schadenssersatz zahlen, weil sie den türkischstämmigen Mann an einem Sonnabend im Januar 2012 nicht in den Klub ließen. Der 28-Jährige zieht vor Gericht, weil er sich diskriminiert fühlt. Das Amtsgericht Hannover gibt dem Studenten recht. Nach Überzeugung der Richterin hing die Zurückweisung des gebürtigen Deutschen mit türkischen Wurzeln mit seinem Erscheinungsbild zusammen: Er sei als Ausländer ausgemacht worden, der in der Disko am Raschplatz nicht erwünscht gewesen sei.

„Das hätte ich dir gleich sagen können“, sagt John-Yudes. Die „Bierbörse“ ist der Klub, der unlängst in die Kritik geriet, weil dort einem Schwarzen der Zutritt zur Disko verwehrt wurde. Und es ist die Bar, von der mein 27-jähriger Begleiter sagt, dass er an der Tür immer wieder abgewiesen werde. „Viele meiner Freunde gehen hier hin“, sagt er. „Deshalb versuche ich immer mal wieder hineinzukommen.“ Zum Beispiel nach der Arbeit, wenn er zu Freunden will, die schon im Klub sind. Er sei es aber schon gewohnt, dass die Türsteher ihm dann den Zutritt verweigerten. „Es gab aber auch schon mehrere Fälle, da kamen wir in einer Gruppe“, sagt John. Selbst da hätten die Türsteher ganz klar gesagt, wer hineindürfe und wer nicht. „Am Ende sind wir dann alle nicht feiern gegangen.“

John-Yudes und ich machen aber auch andere Erfahrungen an diesem Abend. Am „Reuter Club“, der erst vor einem halben Jahr direkt neben dem „Eve“ am Steintor aufgemacht hat, schaut der Türsteher nur kurz von seiner Unterhaltung mit einem Bekannten auf, nickt John-Yudes, mir und einem dazugestoßenen weiteren Kollegen freundlich zu. Kein Problem, wir dürfen rein. Am Raschplatz gibt es einen kurzen kritischen Moment, als wir zu dritt ins „Zaza“ wollen. „Fünf Euro Eintritt“, sagt der junge Mann an der Kasse als ich und meine zwei Begleiter vor ihn treten. „Wir sind zu dritt“, betone ich. Der Blick des Mitarbeiters wandert zu John-Yudes und dann zu dem Türsteher, der hinter mir steht. Offenbar gibt er grünes Licht. „Dann sind das 15 Euro.“ Kurz darauf stehen wir an der gut gefüllten Tanzfläche. „Es gab Abende, da bin ich hier nicht hineingekommen“, sagt John-Yudes. „Das kann aber auch an meiner Kleidung gelegen haben“.

Das „Zaza“ kommuniziert genau wie die „Dax Bierbörse“ ganz klar, nach welchen Kriterien die Türsteher bei ihrer Auswahl vorgehen. Wer gut gekleidet ist, ein gepflegtes Äußeres vorzuweisen hat und nicht betrunken ist, kommt hinein. Vorausgesetzt man beschimpft keine Türsteher oder drängelt in der Schlange vor der Tür. John-Yudes trägt an diesem Abend schwarze Lederschuhe und ein weißes Hemd. Seine Kleidung ist an diesem Abend definitiv kein Handicap für einen Disko-Besuch. Die Hautfarbe an manchen Türen aber offenbar schon.

Von Jörn Kießler

Mehr zum Thema

In der Debatte um Diskriminierung an der Diskotür hat der Gastronomiebranchenverband Dehoga jetzt einen Runden Tisch anberaumt. Mitglieder der Stadtverwaltung, der Grünen, des Dehoga sowie der Studentenvertretung AStA werden am 20. Januar im Rathaus zusammenkommen.

30.12.2013

Die „Dax Bierbörse“ bietet nach dem Diskotürstreit um einen dunkelhäutigen Uni-Mitarbeiter ein Gespräch mit dem Betroffenen an. Versöhnlich ist die Stimmung zwischen den Parteien dennoch nicht.

Christian Link 23.12.2013

Diskotürsteher verwehren einem Gast den Zutritt – wegen der falschen Hautfarbe. Ein neuer Fall aus der „Dax Bierbörse“ könnte diese Dauerdiskussion, die kürzlich sogar den Rat erreicht hat, neu befeuern.

25.12.2013

Mehr Geld für saubere Schulen und für die Betreuung von Flüchtlingen – bei zwei zentralen Forderungen sind sich SPD und Grüne in Hannover schon einig. Beide Ratsfraktionen haben am Wochenende beraten und ihre Wünsche für das laufende Haushaltsjahr und zum Teil auch für das kommende beschlossen.

Andreas Schinkel 12.01.2014

Die Stadt lässt die stark ramponierten Uferwege am Maschsee noch in diesem Frühjahr aufwendig sanieren. Je nach Witterung sollen in den kommenden Monaten die Arbeiten am Ostufer und auf der Stadionseite des Sees beginnen.

Frerk Schenker 15.01.2014

Bei der hannoverschen FDP steht ein Führungswechsel bevor, aber noch ist nicht absehbar, wer am Ende das Rennen machen wird. Als Favorit gilt der ehemalige Generalsekretär der Bundes-Liberalen, Patrick Döring, doch der hielt sich beim Neujahrsempfang am Sonntag im Leineschloss noch bedeckt.

Andreas Schinkel 15.01.2014