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Aus der Stadt Experten restaurieren Jahrhunderte alte Handschriften
Hannover Aus der Stadt Experten restaurieren Jahrhunderte alte Handschriften
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00:30 05.03.2018
Einblicke in die Vergangenheit: Martin Brederecke und Matthias Wehry (v.l.) mit einer Urkunde aus der Zeit der Personalunion. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

 Behutsam rollt er das Papier aus. Das historische Dokument ist 1,73 Meter lang, in der Restaurierwerkstatt der Leibniz-Bibliothek bedeckt es fast den ganzen Tisch. Dem Ausmaß nach würde es an einer Litfaßsäule nicht weiter auffallen. Dem Inhalt nach schon. „Dies ist der Stammbaum des Welfenherzogs Johann Friedrich“, sagt Restaurator Martin Brederecke und deutet auf die feinen Schriftzüge aus dem 17. Jahrhundert. „Wer ihn angefertigt hat, wissen wir nicht.“ 

Bislang konnten Forscher das ausladende Schriftstück nicht einmal anschauen: Der Stammbaum war gefaltet, beim Aufklappen wäre das brüchige Papier zerbröselt. Jetzt jedoch haben die Restauratoren der Leibniz-Bibliothek es in Zusammenarbeit mit Experten aus Braunschweig restauriert. Sie haben ausgefranste Kanten gefestigt, die Knickstellen auf der Rückseite mit hauchdünnem Japanpapier stabilisiert und das ganze Dokument auf eine säurefreie Papprolle aufgespult. „Die Falten sind geblieben“, sagt Matthias Wehry, der in der Bibliothek die Handschriftenabteilung leitet: „Sie gehören zur 300-jährigen Geschichte des Objekts.“

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Frisch restauriert: die Schätze der Leibniz-Bibliothek Hannover

Dass dieses Schriftstück Forschern jetzt wieder zur Verfügung steht, ist einem großangelegten Projekt des Bundes zu verdanken. Dieses fördert den Erhalt von Dokumenten, die zu zerfallen drohen. Die Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts (KEK) und das niedersächsische Kulturministerium haben der Leibniz-Bibliothek im vergangenen Jahr insgesamt rund 65 000 Euro zur Verfügung gestellt. Damit wurden teils maßgefertige Schutzverpackungen für rund 8000 wertvolle Handschriften angeschafft – und acht besonders kostbare historische Schriftstücke haben die Wissenschaftler aufwendig restauriert.

Unter den ausgebesserten Stücken sind auch Urkunden aus der Zeit der hannoversch-britischen Personalunion, darunter ein prachtvoll verziertes Schriftstück von 1716, mit dem König Georg I. in London seinen Sohn feierlich zu seinem Stellvertreter ernannte, weil er selbst gerne ins heimische Hannover reisen wollte. Restaurator Brederecke deutet auf die opulenten Ornamente am Rand: „Die Urkunde wurde über Jahrhunderte aufgerollt gelagert“, sagt er. Das hart gewordene Pergament ließ sich kaum noch ausrollen. Jetzt haben die Experten das kostbare Stück in einer Klimakammer geschmeidig gemacht und plangelegt.

Die rätselhaftesten unter den jetzt restaurierten Stücken sind wohl zwei orientalische Schriftrollen; eine von ihnen ist 3,67 Meter lang. Die etwa 400 Jahre alten Papiere sind vermutlich in türkischer Sprache verfasst. „Was die arabischen Schriftzeichen bedeutet, wissen wir nicht“, sagt Wehry. Wahrscheinlich handele es sich um islamische Gebete: „Der Überlieferung nach sollen Krieger sie sich in Feldzügen um den Körper gespannt haben.“ Lange war es nicht möglich, die brüchigen Papiere überhaupt einzusehen. Jetzt sind sie wieder zugänglich – doch Forscher müssen ihnen noch manches Rätsel entlocken.

Von Simon Benne