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Aus der Stadt Ilona Klingemann sucht nach ihrer Identität
Hannover Aus der Stadt Ilona Klingemann sucht nach ihrer Identität
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07:00 17.07.2018
„Das ist mein ganzes Leben“: Ilona Klingemann mit den Fotos und Briefen, die bruchstückhaft etwas über ihre Herkunft aussagen. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Behutsam legt sie die Mappe auf den Tisch. Eine eher dünne Mappe. „Hier, das ist mein ganzes Leben“, sagt Ilona Klingemann. Sie zieht einen alten Flüchtlingsausweis hervor, vergilbte Briefe, einen Auszug aus dem Geburtenbuch des Standesamts Hannover: „Im Oktober 1947 ist aus Meierhöfen/Tschechoslowakei in Hannover das Kind Ilona Schrank eingetroffen, dessen Geburtsort und -tag nicht festgestellt werden konnten. Für das Kind ist als Geburtsort Franzensbad/Tschechoslowakei und als Geburtstag der 8. Februar 1945 bestimmt worden“, steht dort. Die amtlich-nüchterne Beschreibung eines Dramas.

Bis heute weiß Ilona Klingemann nicht, wann und wo sie wirklich geboren wurde. „Ich suche immer noch jemanden, der mir das sagen kann“, sagt sie. Über ihre Herkunft weiß sie wenig, und das, was sie weiß, birgt mehr Fragen als Antworten. „Man ist ja da, man ist ja auf der Welt“, sagt sie, „aber man fragt sich doch ständig: ,Wo kommt man her?’“.

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Ein Kind aus der CSSR

Ilona Klingemann sitzt in ihrer Wohnung in Empelde am Tisch. Sie erzählt von ihrem Mann, ihrer Tochter, dem Enkel. „Es geht uns eigentlich gut, wir halten zusammen“, sagt sie und lächelt. Und trotzdem ist da diese Leerstelle in ihrer Biografie. Der Krieg und seine Folgen überschatten ihr Leben bis heute.

In dem Transport, der sie im Alter von etwa zwei Jahren nach Hannover brachte, waren lauter deutsche Kinder, die nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurden. Wie Millionen Sudetendeutsche wurden sie nach dem von Deutschland entfesselten Krieg aus ihrer Heimat vertrieben. Sie selbst soll ein Schild mit ihrem Namen um den Hals gehabt haben. Später erfuhr sie, dass sie wohl krank war, ein vereitertes Trommelfell, und deshalb vom Roten Kreuz im Bahnhofsbunker versorgt wurde. Und dann hatte der Lokführer ihres Transports wohl Mitleid und nahm sie kurzerhand mit nach Hause. Bei ihm und seiner Frau wuchs sie auf, in der Alten Celler Heerstraße. Erinnerungen an die Zeit davor hat sie nicht.

Wenige Dokumente erhellen Ilona Klingemanns Herkunft

Ihr Pflegevater wurde nicht alt, und als dann auch noch die Pflegemutter starb, war Ilona gerade zwölf Jahre alt. Ihre Schulleiterin überbrachte ihr die Nachricht: „Brauchst nicht zu weinen, waren ja gar nicht deine richtigen Eltern“, sagte sie. Das hatte sie bis dahin nicht gewusst. „Bei der Beerdigung ging ich also hinter dem Sarg meiner Nicht-Mutter her“, sagt sie bitter. Sie kam in eine andere Familie, doch fortan trieb sie die Frage nach ihrer Herkunft um. Aus bruchstückhaften Informationen fügte sie ein unvollständiges Mosaik zusammen – doch auch die wenigen Gewissheiten, die sie fand, brachten ihr keine Erlösung.

Ihre Mutter wurde hingerichtet

Sie muss etwa 19 Jahre alt gewesen sein, als sich das Jugendamt bei ihr meldete. Auf verschlungenen Wegen war dort ein Brief eingegangen, geschrieben im Jahr 1948 von einer Frau, die berichtete, dass sie mit Ilona Klingemanns Mutter im tschechischen Eger im Gefängnis gesessen hatte. Demnach war Anna Schrank, Ilonas Mutter, im Sommer 1945 festgenommen worden. Sie hatte ihre kleine Tochter schlafen gelegt und war losgegangen, um für sie Milch zu besorgen, als man sie auf der Straße verhaftete. Man warf ihr vor, im Dienste der SS Aufseherin in einem KZ gewesen zu sein; Zeugen belasteten sie schwer.

Die Mitgefangene schrieb, dass ihre Mutter sich im Gefängnis große Sorgen um Ilona gemacht habe, und dass die anderen Gefangenen die Anschuldigungen gegen sie für haltlos hielten. Als die Behörden die Mutter bedrängten, ihre Tochter zur Adoption durch ein tschechisches Paar freizugeben, lehnte sie ab. Ilona Klingemann stockt bis heute die Stimme, wenn sie den Brief vorliest. Das Gericht verurteilte ihre Mutter am 19. Dezember 1946 zum Tode, das Urteil soll noch am selben Tag vollstreckt worden sein. Sie wurde 25 Jahre alt. „Es wurden viele Tränen um sie geweint“, schrieb die Mitgefangene in dem Brief, der eigentlich an leibliche Verwandte Ilonas gerichtet war. Und: „Sie brauchen für Ilona eventuell mal die Wahrheit.“

Braucht man so eine Wahrheit? Die lange gesuchte Mutter – eine KZ-Aufseherin?

„Das ist Mama“, sagt Ilona Klingemann und zieht ein Foto aus dem Dokumentenstapel. Es zeigt eine Frau mit lockigen Haaren im dunklen Kleid. Sie zögert einen Moment, dann sagt sie: „Man kann jemanden vermissen, obwohl man ihn überhaupt nicht kennt.“

Suche nach den Wurzeln

Über das Jugendamt fand sie schließlich auch ihren angeblichen Vater, der aber sofort auflegte, als sie ihn anrief. Anfang der Achtziger bezahlte er ihr Geld dafür, dass sie einem Verzicht auf ein mögliches Erbteil zustimmte. „Ob er heute noch lebt, weiß ich nicht“, sagt sie. Später erfuhr sie, dass sie auch noch einen Bruder hatte. Dieser ließ ihr immerhin Fotos der Mutter zukommen, doch der Kontakt blieb sporadisch, und ihr Bruder starb überraschend. „Dabei hätte ich ihn noch so viel über Mama fragen wollen“, sagt Ilona Klingemann.

So bleiben in ihrer Vita viele Ungereimtheiten. Sie weiß, dass ihre Mutter zeitweise im tschechischen Marienbad lebte. Über ihre Zeit als KZ-Aufseherin weiß sie nichts, und sie weiß auch nicht, warum in ihrem eigenen Personalausweis gerade Franzensbad als Geburtsort steht. Wie lebte ihre Mutter? Aus welchen Verhältnissen kam sie? Was hat sie im Krieg getan? Und wofür genau verhängte man das Todesurteil über sie? Nach der Wende fuhr Ilona Klingemann zwar nach Tschechien, doch die Recherchen über ihre Herkunft verliefen dort im Sande.

„Grübeln macht’s nicht besser“, sagt sie, als könnte man mit so einem Satz das Grübeln abstellen. Sie muss damit leben, dass in ihrer Geschichte vieles so ungewiss bleiben wird wie das Datum ihrer Geburt. An manchen Tagen sagt sie sich, dass sie vielleicht gerade heute Geburtstag hat, weil das ja an jedem Tag der Fall sein könnte. „Mir hat mal jemand gesagt, ich wäre wirklich ein typischer Wassermann – aber da konnte ich nur lachen“, sagt sie. Manchmal hilft Galgenhumor.

„Mein Todestag“, sagt Ilona Klingemann, „mein Todestag wird sicher sein.“

Kriegskinder

Sie gelten als die „vergessene Generation“: Erst seit einigen Jahren beschäftigt sich die psychologische und historische Forschung mit den Kriegskindern. Meist bezeichnet man damit Menschen der Geburtsjahrgänge von 1930 bis 1945, deren Kindheit vom Krieg oder seinen Folgen geprägt wurde. Viele wurden durch Bombenkrieg, Flucht oder Hunger dauerhaft traumatisiert. Bis heute leiden zahlreiche Betroffene unter Depressionen, Angstzuständen oder Bindungsschwierigkeiten, oft ohne einen bewussten Zusammenhang zu den eigenen Kriegserlebnissen herzustellen. Die Bestsellerautorin Sabine Bode hat in ihren Büchern beschrieben, dass verdrängte Verletzungen in Familien oft weitergegeben werden. Forscher sprechen dann von „transgenerationalen Traumata“. be

Von Simon Benne