Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Stundenlanges Ringen um Rettung
Hannover Aus der Stadt Stundenlanges Ringen um Rettung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 13.10.2013
Von Bernd Haase
Es sei das „wohl dramatischste Ansiedlungsverfahren der jüngeren Stadtgeschichte“ sagte der damalige Oberbürgermeister Stephan Weil (2.v.l.) beim Spatenstich für Netrada am Kronsberg im November 2012. Quelle: Thomas
Hannover

500 Arbeitsplätze wollte das Unternehmen in Hannover mit einer neuen Logistikhalle schaffen. Doch die Holding, die die einzelnen Gesellschaften in Hannover, Lehrte, Garbsen und Langenhagen führt, hat am Mittwoch ein Insolvenzverfahren beantragt. Das operative Geschäft, für das in Deutschland 2000 Mitarbeiter sorgen, ist nach Informationen der HAZ nicht betroffen, aber auch nicht in Sicherheit. Es soll nach Finanzierungsmöglichkeiten gesucht werden. Der Bau der 50.000 Quadratmeter großen Halle am Kronsberg, so heißt es, soll trotz der offensichtlichen Finanzklemme zu Ende geführt werden.

Keine Sorge in Garbsen

Die Stadtverwaltung Garbsen zeigte sich am Donnerstag noch wenig besorgt um den Netrada-Standort. Eine Schließung wäre zwar ein „herber Verlust für Garbsen, weil Netrada Europe hier sehr viele Arbeitskräfte bindet“, sagte der Erste Stadtrat Heinz Landers. "Aber das Geschäft boomt offenbar noch immer."

Allerdings wurde am Donnerstag bekannt, dass die Stadt Hannover noch auf die letzte Rate des millionenschweren Grundstücksgeschäfts mit Netrada wartet. Der letzte Betrag sollte 2014 kommen – die Stadt scheint zuversichtlich, dass das Geld fließt. Die Anliegerinitiative, die dort Logistikansiedlungen bekämpft, ist skeptischer.

Das Unternehmen war im vergangenen Jahr vom damaligen Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) und der gesamten Stadtspitze mit offenen Armen empfangen worden, nachdem ursprünglich Amazon am Kronsberg hatte bauen wollen. Das hatte sich dann jedoch zerschlagen.

SPD spricht von Altlasten

Zu dem laufenden Insolvenzantrag von Netrada Europe gibt es weiterhin keine offizielle Stellungnahme des Unternehmens. Am frühen Nachmittag hatte es eine Einschätzung zur Lage geben sollen. Aufsichtsrat und Geschäftsführung, Insolvenzverwalter Rainer Eckert sowie Bankenvertreter rangen bis in den Abend um eine Rettung. Anschließend sickerte durch, dass am Freitag auch für die Tochterfirma Netrada Europe mit 2400 Beschäftigten Insolvenzantrag gestellt werden soll. Der Insolvenzverwalter will sich dazu erst am Freitag äußern. Bei der Gewerkschaft ver.di sagte Uwe Busch nur, es werde wohl zu Jobabbau kommen, dieser könne aber wohl über die Trennung von Zeitarbeitern funktionieren.

Bereits zu Wort gemeldet hat sich auch die SPD-Ratsfraktion in Hannover. Netrada sei ein wachsendes und aufstrebendes Unternehmen, das durch finanzielle Altlasten bedauerlicherweise vor Problemen stehe, sagte Thomas Hermann, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD. Die Fraktion forderte die Stadtverwaltung und das Land Niedersachsen auf, "das Insolvenzverfahren positiv zu begleiten".

Vorläufiger Insolvenzverwalter, neuerdings Sachwalter genannt, ist der Hannoveraner Rainer Eckert. Er bestätigte den Auftrag, gab aber zunächst keine weiteren Auskünfte. „Ich muss mir zunächst einen Überblick verschaffen“, sagte er.

Der E-Commerce-Spezialist Netrada ist in finanzielle Bedrängnis geraten. Derzeit baut das Unternehmen am Kronsberg für 50 Millionen Euro eine neue Halle.

Netrada hat seine Wurzeln unter anderem in der Region Hannover. Der Unternehmer Sven Heyrowsky gründete 1997 in Hannover-Wülfel die Heycom, die sich zunächst ausschließlich mit Softwaredienstleistungen beschäftigte. Zwei Jahre später kamen Logistik und Versand hinzu – zu einer Zeit also, als der Internethandel in Schwung kam. Erster großer Auftraggeber war die Modemarke Esprit, es folgten weitere Größen wie Hugo Boss, Lacoste oder C&A. Heyrowsky siedelte das Unternehmen zunächst nach Garbsen um und verkaufte es schließlich im Jahr 2007 für 100 Millionen Euro, gezahlt teils in Aktien und teils in bar, an den Hamburger Callcenter-Betreiber D+S-Europe.

Bei dem wiederum stieg ein Jahr später die Apax ein, ein Investment-Unternehmen für privates Beteiligungskapital mit Sitz in London. Insgesamt fünf Tochterfirmen wurden zu einer neuen Gesellschaft mit dem Namen Netrada zusammengefasst. Zur Geschäftspolitik der Apax gehört es, erworbene Unternehmen nach einiger Zeit mit Gewinn weiterzuverkaufen. Nach Informationen der HAZ war auch die Netrada im Verlauf des Jahres im Angebot. Wie es heißt, hätten sich die Preisvorstellungen aber nicht durchsetzen lassen. Möglicherweise hat rasches Wachstum das Unternehmen zu sehr strapaziert.

Wer steckt hinter Netrada?

Sven Heyrowsky hatte das richtige Händchen, als er 1997 den Logistikdienstleister Heycom gründete. Das Unternehmen wuchs schnell, auch nachdem er es 2007 an den Callcenter-Betreiber D+S verkauft hatte. Wiederum zwei Jahre später wurde D+S selbst geschluckt – vom Finanzinvestor Apax. Die Briten gehören zu den Großen der Branche. Apax Partners sammelt Kapital in eigenen Fonds, die jeweils mehrere Milliarden Euro umfassen. Geldgeber sind meist andere Investmentfonds. Apax übernimmt die Geldanlage und managt die Beteiligungen. Das deutsche Team sitzt in München.

Doch D+S erwies sich schnell als Problemfall, dessen einziger Wert in der Heycom bestand. Auf andere Teile des Geschäfts mussten mehr als 50 Millionen Euro abgeschrieben werden. Die Netrada Holding GmbH in Hamburg, in der Apax das Geschäft zusammengefasst hat, machte 2010 und 2011 bereits Verluste. Es war schon eine Kapitalerhöhung nötig, das US-Geschäft wurde verkauft. Für 2012 liegt kein Jahresabschluss vor. Das eigentliche Geschäft soll gut gelaufen sein, heißt es in der Branche. Das Modell, Textilmarken die komplette Logistik abzunehmen, funktioniere, „die sind extrem gewachsen“. Das sei wohl auch das Problem: Bei starkem Wachstum bauen sich oft Forderungen gegen Kunden auf, während die Auftraggeber pünktlich Geld sehen wollen. Dazwischen sitzt der Logistiker und hat ein Liquiditätsproblem. Zwar könnte Apax das problemlos lösen, will aber offenbar nicht mehr. Deshalb sei die Insolvenz diverser Tochtergesellschaften eine Frage der Zeit, sagen Unternehmenskenner. Sie sind aber sicher, dass sich in der Insolvenz Investoren für den Neustart finden.

stw

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Die Stadtverwaltung Garbsen zeigte sich am Donnerstag noch wenig besorgt um den Netrada-Standort. Die Muttergesellschaft Netrada Holding hatte am Mittwoch Insolvenzantrag beim Amtsgericht Hannover gestellt. Das Ringen um die Rettung der Firma wurde auf Freitag vertagt.

10.10.2013

Auf der Netrada-Baustelle geht es trotz langer Regenfälle voran. „Wir liegen im Plan“, sagt Firmensprecherin Daniela Zierke auf Nachfrage des Stadt-Anzeigers. Die Arbeiter sind bereits dabei, das Dach der riesigen Logistikhalle zu decken. Bis Juli sollen die wesentlichen Hochbauarbeiten abgeschlossen sein.

07.06.2013

Mit Hans Mönninghoff verlässt ein Veteran der Umweltbewegung das Rathaus. Sein Weg steht für eine Zeitenwende in Politik und Gesellschaft.

Gunnar Menkens 22.07.2013
Aus der Stadt Neue Statuen auf dem Schloss Herrenhausen - Schlussakt mit vier Göttern

Die Bauarbeiten am Schloss Herrenhausen sind endgültig beendet. Zum Schluss wurden am Donnerstag mit einem Kran vier Götterstatuen auf ihre Sockel über dem Hauptportal des Schlosses gehievt.

Andreas Schinkel 13.10.2013
Aus der Stadt Nach schwerem Unfall auf der A2 - Polizei fahndet nach Raser

Nachdem bei einem schweren Unfall auf der A2 am vergangenen Freitag eine 29-Jährige ums Leben kam, fahndet die Polizei nun nach einem BMW-Mini. Der Fahrer könnte möglicherweise den Unfall mitverursacht haben.

10.10.2013
Aus der Stadt Rundgang durch das Klinikum Siloah - Ein Krankenhaus für die Zukunft

Das neue Siloah zieht schon vor der Fertigstellung scharenweise Besuchergruppen an. Ein Rundgang durch Niedersachsens modernste Klinik.

Veronika Thomas 09.10.2013