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Aus der Stadt Hannover Messe ist im Aufbaufieber
Hannover Aus der Stadt Hannover Messe ist im Aufbaufieber
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00:20 09.04.2015
Von Bernd Haase
Sensible Maschine: Harald Bauer von der Firma Fanuc installiert einen großen Roboter.
Sensible Maschine: Harald Bauer von der Firma Fanuc installiert einen großen Roboter. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Alles wird perfekt ins Licht gerückt sein. Tonnenschwere Industriemaschinen werden aussehen, als könnte man sie sich gleich einpacken lassen, wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Indiens Premierminister Narendra Modi am Montag, 13. April, samt Gefolge aus Mitarbeitern, Fach- und Medienleuten beim Eröffnungsrundgang über die Hannover Messe zwischen den Ständen hindurchdrängen. Wenn sie genügend Zeit hätten - werden sie natürlich nicht haben -, könnten sie 6400 Aussteller in 24 Hallen mit 230.000 Quadratmetern Fläche sowie weitere 15.000 Quadratmeter auf dem Freigelände abklappern. Und sie würden dann nicht merken, dass die weltgrößte Hochleistungsschau der Industrie binnen lediglich zwölf Tagen aufgebaut wurde.

„Heute Morgen war hier noch alles blank“, sagt Ralf Hermanns, Leiter der Messelogistik National von DB Schenker in Hannover, als er am Mittag des 1. April in der für die Industrie-Automation reservierte Halle 17 steht. Jetzt sieht das anders aus. Durch die Rolltore der Halle kriechen 40-Tonner herein, Gabelstapler und Kräne hieven Güter an ihre vorgesehenen Plätze. Unter dem Hallendach hängen schon Tragkonstruktionen, etwa für die Beleuchtung. Handwerker fügen Stahl- und Holzelemente zusammen, erste Stände haben bereits Konturen angenommen.

Auf der Ladefläche eines der Lastwagen steht ein Ausstellungsstück des weltweit operierenden japanischen Elektronik- und Maschinenbauspezialisten Fanuc. Er will neben anderen Produkten auf der Messe zum ersten Mal in Europa sensible Roboter zeigen, „die neben Menschen arbeiten können“, sagt Fanuc-Mann Harald Bauer, zuständig für den technischen Messebau. Sie werden beispielsweise in Autofabriken eingesetzt, um im Fertigungsprozess Ersatzräder an den vorgesehenen Platz in den Fahrzeugen einzulegen. Die Besonderheit: „Kommen sie mit Menschen in Kontakt, stehen sie sofort still. Sonst können schlimme Unfälle passieren“, erklärt Bauer.

„Die haben vorausschauend geplant“, sagt Hermanns. Weil Fanuc sein zwölf Tonnen schweres Großgerät gleich am ersten Aufbautag herbeischaffen ließ, konnte der Lastwagen noch in die Halle fahren. Später, wenn die meisten Flächen vollgestellt sind, wäre das nicht mehr möglich. Trotzdem stecken Bauer, Kranfahrer Wolfgang Joppke von DB Schenker und Hallendisponent Oliver Klimek jetzt die Köpfe zusammen. Joppke hat mit seinem Gefährt auf Messen schon Hubschrauber, Boote und auch schwere Baumaschinen an Ort und Stelle deponiert, weiß also, was er tut.

Jetzt müsste er mit dem Fahrkran unter einem Querträger an der Hallendecke hindurch, um den Roboter an seinen Ausstellungsplatz zu bringen. Da passt er aber mit ausgefahrenem Ausleger nicht durch, und wenn er den Ausleger nicht auf volle Länge bringen kann, reicht die Tragkraft des Krans nicht aus. Die Lösung: Der Roboter wird vom Lastwagen zunächst auf stählerne Rollen gesetzt und dann über den Boden an die richtige Stelle gezogen.

„Manchmal klappt eben nicht alles wie geplant, dann müssen schnelle Lösungen her“, sagt Klaus Güntheroth, Geschäftsstellenleiter von DB Schenker in Hannover, der seine 46. Hannover Messe erlebt. Als Logistiker sind das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn wie auch die beiden anderen Vertragspartner der Messe, Kühne&Nagel und Agility, Ansprechpartner für die Kunden. Die Firmen kümmern sich um Transport, Verpackung, Versicherungen und Zollformalitäten, stellen Montagegeräte bereit, packen Ausstellungsstücke aus und bringen sie zum Stand. Während der Messe müssen Verpackungs- und Transportmaterial in großen Lagerzelten deponiert werden. Aussteller ist nicht gleich Aussteller. Es gibt Stände, die in einer Stunde aufgebaut sind. Für andere brauchen die Logistiker und Messebauer zehn Tage.

40 Lastwagen, 20 Fahrkräne, über 100 Gabelstapler

„Wir sind das gesamte Jahr über mit der Messe beschäftigt“, sagt Hermanns. Es beginnt mit der Akquise, die im wesentlichen das Geschäft der Mitarbeiter in den weltweit rund 1000 Schenker-Niederlassungen ist. Die eigentliche Transportvorbereitung beginnt etwa drei Monate vor der Eröffnung. Große Exponate aus Übersee werden per Containerschiff im Hamburger Hafen angelandet und dann weiter mit dem Lastwagen nach Hannover geschickt. Anderes wird per Luftfracht transportiert.

„In der letzten Woche vor dem Messestart ballt sich dann alles“, schildert Hermanns. Um die Güter auf dem Gelände zu verteilen, setzt allein DB Schenker rund 40 Lastwagen, 20 Fahrkräne und weit über 100 Gabelstapler ein. Damit nicht alles drunter und drüber geht, hat das Unternehmen beispielsweise für die Staplerfahrer ein automatisches Auftragssystem etabliert. In den letzten Tagen vor dem Messestart dürfen Autos nur noch gegen Kaution und für die Dauer von höchstens zwei Stunden auf das Gelände.

Am Freitag, 17. April, schließt die Messe um 18 Uhr für dieses Jahr ihre Pforten. Eine Minute später beginnt schon der Abbau, auch hier muss alles schnell gehen. In Halle 2 für Technologie und Forschung sogar noch etwas schneller als gewohnt. Dort will der VW-Konzern Anfang Mai seine Hauptversammlung abhalten, verbunden mit einer Ausstellung. Weil die Konzerntochter MAN zu dieser Gelegenheit eine Schiffsturbine zeigen will, braucht es Platz. Am Montag, 20. April, sollte deshalb die Halle in großen Teilbereichen wieder frei sein. Das wird knapp werden - aber wie immer klappen.

Die Messe als Schrittmacher

Die sogenannte vierte industrielle Revolution, also die Vernetzung von Industrieproduktion, Software und IT, ist seit mehreren Jahren eines der großen Themen in der weltweiten Wirtschaft. Die Hannover Messe, die in diesem Jahr vom 13. bis zum 17. April dauert, sieht sich in der Rolle als Schrittmacher und Schaufenster. „In den vergangenen Jahren haben die Unternehmen ihre Forschung vorangetrieben, jetzt geht es an die Umsetzung“, sagte Messevorstand Jochen Köckler, als er die Eckdaten der Messe vorstellte.

Nach dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft im 19., dem Einsetzen der Massenproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der vor rund 40 Jahren aufgekommenen computergestützten Fertigungsprozesse gilt „Industrie 4.0“ als nächster großer Umbruch. Häufig genutzt in diesem Zusammenhang wird die Formel von der intelligenten Fabrik, die kleinste Stückzahlen im Industriestandard fertigen kann und dabei höchstmögliche Effizienz und Flexibilität erreicht.

Nach Einschätzung Köcklers wissen viele Firmen noch nicht, wie sie sich auf den Wandel einstellen sollen. „Integrated Industry – Join the Network!“ lautet deshalb bereits zum dritten Mal in Folge das Leitmotto der Hannover Messe. Der Aufforderung, sich dem Netzwerk anzuschließen, sind viele gefolgt. Die 24 Ausstellungshallen sind komplett ausgebucht. Allein das diesjährige Partnerland Indien schickt rund 350 Aussteller nach Hannover. Ihre Gesamtzahl beläuft sich auf rund 6400. Dabei ist die Messe auch eine Kommunikations- und Diskussionsplattform mit etwa 1000 Fachforen. Gut 200 000 Besucher aus aller Welt werden erwartet.

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