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Aus der Stadt Mietnomaden lassen Vermieter verzweifeln
Hannover Aus der Stadt Mietnomaden lassen Vermieter verzweifeln
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00:15 20.01.2018
Die Vermieter Hans-Joachim Kaspar und Birte Süß wurden belogen und betrogen.
Die Vermieter Hans-Joachim Kaspar und Birte Süß wurden belogen und betrogen. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

 Die „Vormieterbescheinigung“, die die Wohnungsinteressenten der Bemeroder Vermieterin Birte Süß (38) von ihrem früheren Vermieter übergaben, war voll des Lobes. Es handele sich um eine „vertrauensvolle und ruhige Familie, welche sich immer an die Hausordnung gehalten hat“ und „mit dem Mietobjekt vernünftig und sauber umgegangen ist.“ Und dann, gefettet: „Die Mietzahlung kam immer zuverlässig und pünktlich.“ Doch nichts davon war wahr: Der angeblich vom vorherigen Vermieter Hans-Joachim Kaspar (78) unterzeichnete Brief war eine Fälschung. 

Angeklagte erschienen nicht

Gestern erließ Amtsrichter Koray Freudenberg auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen Urkundenfälschung einen Strafbefehl gegen das Ehepaar Thomas F. (48) und Jacqueline F (42). Der schon einmal wegen Betrugs verurteilte Sozialhilfeempfänger muss 40 Tagessätze à 10 Euro zahlen, die bereits zweimal wegen Betrugs und Urkundenfälschung verurteilte Frau 80 Tagessätze à 10 Euro. Eigentlich war eine Gerichtsverhandlung anberaumt – doch die Angeklagten erschienen nicht. Thomas F., so erklärte ein Verteidiger, befinde sich derzeit in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung. Und die Ehefrau müsse sich um eine schwerkranke, an Epilepsie leidende Tochter kümmern, die pflegebedürftig sei.

Auch die anderen zwei minderjährigen Kinder der Familie, so hieß es am Rande der Verhandlung, sollen gesundheitlich beeinträchtigt sein. Nach Auskunft der Vermieter präsentierten ihnen die Eheleute eine Auflistung, nach der sie vom Staat für Sozial- und Pflegeleistungen monatlich weit mehr als 4000 Euro kassieren. Doch auch wenn dies stimmt: Offenbar können die Eheleute überhaupt nicht mit Geld umgehen. Beide Vermieter berichten, dass es zahlreiche Gläubiger gibt, denen Thomas und Jacqueline F. noch erhebliche Beträge schulden. Sollte Hans-Joachim Kaspar seine Mietkaution erstattet bekommen, würde sie ihm gleich weggepfändet. Auf der anderen Seite, erzählte Birte Süß, liefere die Post der Familie ständig und in großer Zahl Pakete an. Sie bekommt dies hautnah mit, weil sie in dem Drei-Parteien-Haus eine Etage unter den ungeliebten Mietern wohnt.

Vermieter verliert gut 14.000 Euro

Von Vermieter Kaspar nutzte die Familie knapp zwei Jahre eine Vier-Zimmer-Wohnung in Laatzen, 108 Quadratmeter, Kaltmiete 650 Euro. „Oft haben die Mieter gar nicht oder nur in Raten gezahlt“, berichtet der 78-Jährige. Als sie im März 2017 nach wiederholter Kündigung überstürzt auszogen, waren sie noch 8700 Euro Miete schuldig. Die Renovierung der heruntergekommenen Wohnung kostete um die 6000 Euro. „Zunächst hatte mich das Schicksal der Leute berührt, doch sie haben mich von Anfang an belogen und betrogen“, klagt der Rentner. Ein Betrugsverfahren sei von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, und von einem Zivilprozess verspricht sich Kaspar nichts Zählbares. 

Auch Birte Süß, derzeit Referendarin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern, hat die gleichen Erfahrungen mit ausbleibenden Mietzahlungen gemacht, hat die Familie ebenfalls schon – vergeblich – zum Auszug bewegen wollen. Sie fürchtet, dass ihre hochwertig ausgestattete Sechs-Zimmer-Altbauwohnung in Bemerode – Kaltmiete 1000 Euro – schon jetzt nicht mehr wiederzuerkennen ist. „Ich würde den F.s sogar 3000 Euro auf die Hand geben, wenn sie ausziehen“, klagt die 38-Jährige. Die Alternative ist eine Räumungsklage – doch das dürfte ein langwieriges Verfahren nach sich ziehen.

Von Michael Zgoll