Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Möchtegern-Kampfsportler verletzt Kneipenbesucher
Hannover Aus der Stadt Möchtegern-Kampfsportler verletzt Kneipenbesucher
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 21.01.2018
Der angeklagte 55-Jährige war bis zur Attacke in der Kneipe noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten. 
Der angeklagte 55-Jährige war bis zur Attacke in der Kneipe noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten.  Quelle: Clemens Heidrich
Anzeige
Hannover

 Ein 55-jähriger Stöckener wollte in einer Kneipe den starken Mann markieren und spielte sich gegenüber zwei jungen Leuten als langjähriger Kampfsportler auf, der sogar schon mit dem US-Schauspieler Steven Seagal trainiert habe. Nachdem er einer 19-jährigen Angestellten und einem 22 Jahre alten Tischler ein paar Abwehrgriffe gezeigt hatte, packte er den Handwerker urplötzlich von hinten an Hals und Kopf und führte eine Drehung aus. Es knackte in der Halswirbelsäule des 22-Jährigen, dieser sank bewusstlos zu Boden. Das Opfer erlitt ein Schleudertrauma und hatte eine Woche lang Rücken-, Hals- und Kopfschmerzen, war dann aber wieder fit. Am Donnerstag verurteilte Amtsrichter Burkhard Littger den Täter wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 60 Euro.

Opfer wurde ohnmächtig

Das kleine Drama hatte sich Ende September 2017 in einer Seelzener Gastwirtschaft abgespielt, in der auf ein Stadtfest folgenden Nacht. Der 55-Jährige hatte schon kräftig gepichelt; Polizeibeamte stellten bei ihm später einen Atemalkoholwert von 2,8 Promille fest, sagten aber vor Gericht aus, der Täter habe nicht sonderlich betrunken gewirkt. Die Demonstration seiner angeblichen Mixed-Material-Arts- und Aikido-Künste morgens gegen 2 Uhr schien die jungen Leute zu beindrucken, der Tischler zeigte sich durchaus wissbegierig. Doch mit dem – unprofessionell ausgeführten –Angriff von hinten hatte er überhaupt nicht gerechnet. Seine Bewusstlosigkeit dauerte nur wenige Augenblicke, wurde laut einem Rechtsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover wahrscheinlich durch die Reizung eines Nervs nahe der Halsschlagader verursacht. Der Gutachter stufte die potenziellen Gefahren einer plötzlichen Ohnmacht aber durchaus als lebensbedrohlich ein; so hätte sich der junge Mann bei seinem unkontrollierten Fall eine schwere Kopfverletzung zuziehen können. 

Der Richter folgte in Argumentation und Strafmaß dem Plädoyer der Staatsanwältin. Er glaubte den Beteuerungen des in Lohn und Brot stehenden 55-Jährigen, dass seine Kampfsporterfahrungen 30 Jahre zurückliegen. Auch hielt er dem bislang nicht vorbestraften Mann zugute, dass er sich im Gerichtssaal aufrichtig bei seinem Opfer entschuldigt hatte. „Offenbar wollten Sie in jener Nacht Eindruck schinden“, sagte Littger zu dem Angeklagten. „Man dreht aber niemandem am Hals herum, das ist immer gefährlich.“ Auf jeden Fall habe der Aufschneider großes Glück gehabt, dass seinem Sparringspartner nichts Schlimmeres passiert sei.

Von Michael Zgoll