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Aus der Stadt Diese neue Methode hilft Schülern in Hannover beim Lernen
Hannover Aus der Stadt Diese neue Methode hilft Schülern in Hannover beim Lernen
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19:54 24.01.2018
Neues Lernförderprojekt an der Realschule Misburg mit der Klosterkammer.
Neues Lernförderprojekt an der Realschule Misburg mit der Klosterkammer. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Max hatte in Mathe eine fünf. Jetzt hat der Fünftklässler eine zwei. Auch in anderen Fächern hat er sich stark verbessert. Und das in relativ kurzer Zeit. Entscheidenden Anteil daran hat Sipan, neunte Klasse, wie Max an der Realschule Misburg. Sipan ist gut in Mathe, er hat Max Nachhilfe gegeben – nachmittags in der Schule. Früher, sagt Max, habe er auch schon Nachhilfe gehabt, außerhalb der Schule, das sei viel Fahrerei gewesen. Und außerdem: „Mit den älteren Schülern kann man einfach anders reden.“ Das hat etwas mit der Art der Ansprache zu tun, es schwingt in Max‘ Worten aber auch Anerkennung mit. Man begegnet sich anders auf dem Schulhof, findet der Fünftklässler.

Sipan, der Nachhelfer, hat seinerseits Hilfe in Anspruch genommen. Bei einem Studenten, der ihn in Englisch fit gemacht hat. Das System heißt „Lernkaskade“, ist ein Förderprojekt, an dem die Realschule Misburg seit dem Herbst als eine von drei Schulen in der Region Hannover teilnimmt – neben der IGS Garbsen und der IGS Kronsberg. „Chancenwerk“ heißt die Organisation, die dieses Projekt von Nordrhein-Westfalen aus mittlerweile im gesamten Bundesgebiet etabliert hat. Die Studenten sind freie Mitarbeiter von Chancenwerk, zumeist Lehramtsstudenten, die für die Praxis üben und sich ein bisschen dazu verdienen können. Die Dynamik, die das System hat, ist erstaunlich. Nicht nur in den Ergebnissen, sondern auch im sozialen Gefüge auf dem Schulhof: „Ich wollte unbedingt helfen“, sagt die 16-jährige Angelique, die ebenfalls jüngeren Schülern hilft, „und ich hatte das ja alles selbst in der 5. und 6. Klasse gehabt. Aber ich wusste nicht, ob ich es anderen erklären kann.“ Sie konnte, und nun übernimmt die Tochter kasachischer Eltern Verantwortung in der Schule. „Ein Lehrer kann sich nicht auf jeden einzelnen Schüler so konzentrieren wie ich es kann“, sagt Angelique, die ihr letztes Jahr an der Schule macht und das in dieser Hinsicht sogar „schade findet.“

Die Lernkaskade, sagt Schulleiter Jens Bormann, biete eine Hilfe, die in vielen Elternhäusern der Schüler nicht geleistet werden könne, entweder aus sprachlichen Gründen oder bei Alleinerziehenden, die arbeiten gehen. Aber: „Es geht nicht nur um die reine Lernförderung, da ist das Angebot schon groß“, sagt er, „für uns ist dieser soziale Aspekt ausschlaggebend. Es geht um Persönlichkeitsförderung.“ Auch bei den jüngeren Schülern, die im Umgang mit den eigenen Fähigkeiten selbstbewusster werden. 

Schüler wie Roman. Roman liest. Ein Klassenraum in der Nebenstelle der IGS Kronsberg. Das Fenster ist offen, draußen toben und schreien Kinder. Roman lässt sich nicht beirren. Er liest konzentriert „Des Kaisers neue Kleider“, zehn Schüler, ältere und jüngere, hören zu – oder sind in Gedanken. Auch das gehört zum Programm. Victoria Bauer, Studentin der Sozialwissenschaften an der Leibniz-Uni, beaufsichtigt die Stunde und beginnt mit einer viertelstündigen Aufwärmphase, damit die Schüler runterkommen. Meistens liest sie was vor, heute übernimmt das Fünftklässler Roman. Er hat sich als einziger getraut. „Ihr könnt ruhig was essen“, sagt Bauer zu den anderen. 

Später üben die Schüler dann eine Stunde in kleinen Einheiten. In sogenannten Lerntagebüchern, die den Helfenden und Koordinatoren zur Orientierung dienen, tragen die Kinder ein, in welchen Fächern sie gefördert werden wollen und wann beispielsweise ein Test ansteht. Die Studentin hat hier nur eine Aufsicht, einmal in der Woche gibt sie Schülern der Jahrgangsstufen 9 bis 11 in deren Gebäudekomplex selbst Nachhilfe. Das bringt 15 Euro pro Stunde und zudem viel Erfahrung, auch mit Problemen, die es zu meistern gibt. „Es gibt natürlich Schüler, die widerständig sind. Es ist schwer, ihnen nahezulegen, dass das für sie selbst wichtig ist.“ Es gelingt nicht immer, aber meistens. 

„Es gibt immer Reibungsverluste am Anfang“, sagt Heiner Lammers. Der zuständige Fachbereichsleiter Sport und Ganztag ist sehr zufrieden mit dem ersten halben Jahr. Zumal das Grundprinzip der Lernkaskade prima in ein bereits bestehendes Konzept passe. „Wir haben so was Ähnliches schon vorher gehabt. Ältere Jahrgänge betreuen jüngere in AGs oder bei der Wochenplanung. Aber das haben wir mit dem Chancenwerk nun auf ein ganz anderes Level gehoben.“ Etwa 100 Schüler machen mit, davon rund 60 jüngere. Sieben Studenten sind dabei, neben Victoria Bauer auch Berna Dzelili, die als Koordinatorin ein Bindeglied zwischen Schülern, Studenten, Lehrern und Eltern ist. Sie muss Stunden- und Lehrpläne zusammenpuzzeln, da erfüllt sich manches Klischee: „Wir haben Elftklässler, die dienstags von acht bis neun Uhr gern Englisch machen wollen. Acht bis neun Uhr ist für Studenten sehr schwierig.“ Und zwar nicht, weil sie Uni haben.

Nichtsdestotrotz soll das Projekt weitergeführt werden. „Das ist auf Dauer angelegt“, sagt Lammers, „denn es bringt wirklich was.“ 

Von Uwe Janssen