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Aus der Stadt 30 jordanische Pfleger kommen nach Hannover
Hannover Aus der Stadt 30 jordanische Pfleger kommen nach Hannover
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00:17 15.05.2018
Pflegefachkraft Wieslawa Jess aus dem Dana-Seniorenheim in der Waldstraße bekommt demnächst Kollegen aus Jordanien.
Pflegefachkraft Wieslawa Jess aus dem Dana-Seniorenheim in der Waldstraße bekommt demnächst Kollegen aus Jordanien. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Die Idee von Yazid Shammout war eine sehr naheliegende, und der Geschäftsführer war nicht der einzige in der Branche, der auf diesen Ausweg verfiel. Wenn es hierzulande nicht genug Altenpfleger gibt, dann sucht man eben Personal im Ausland. So kamen vor ein paar Jahren 25 junge Spanier nach Hannover, um in den Seniorenheimen der Dana-Häuser als Pflegekräfte zu arbeiten. 

„Heute“, sagt Shammout, „sind nur noch drei von ihnen da.“ Die übrigen kehrten zurück in ihre Heimat. Offenbar stellten sie sich finanziell kaum schlechter, wenn sie zuhause bei den Eltern wohnen und von Arbeitslosengeld leben. Shammout rechnete das nach und erzählt, dass seinen früheren Mitarbeitern im Monat nur zwischen 100 und 150 Euro fehlten, „dafür in der Sonne Spaniens statt mit anstrengender Arbeit im kalten Hannover“. 

Vor Kurzem scheiterte ein zweites Unterfangen, ausländische Kräfte einzustellen.  Drei syrische Flüchtlinge, zur Probe in Pflegeheimen eingesetzt, mussten das Unternehmen verlassen, weil sie sich weigerten, einer Pflegedienstleiterin die Hand zu geben. Ob religiös begründet oder nicht, Shammout duldet so etwas nicht. Seine Haltung ist: Wer in Deutschland lebt, muss sich deutschen Gepflogenheiten anpassen.  Er ist Palästinenser, selbst Muslim und erwartet Respekt für die Sitten des Landes, in dem man lebt.  

Bedingungen für Pflegekräfte

Jetzt unternimmt Shammout einen weiteren Anlauf, dem Personalmangel zu begegnen. 30 Pflegekräfte aus Jordanien sollen demnächst in Dana-Senioreneinrichtungen arbeiten. Nicht jeder kommt dafür in Frage, das Unternehmen stellt eine Reihe von Bedingungen. Künftige Mitarbeiter müssen alleinstehend sein, zwischen 20 und 35 Jahre alt, ein entsprechendes Studium abolviert und mindestens ein Jahr Berufserfahrung in der Pflege haben. Dana bezahlt in Jordanien einen sechs Monate langen Deutschkursus und übernimmt Gebühren für  alle Anträge, die in Deutschland bewältigt werden müssen. Pro Person soll es dabei insgesamt um 2000 Euro gehen. 

Das Angebot aus Hannover haben bislang 23 Pflegekräfte angenommen. Sie werden derzeit in Amman auf ihre Arbeit in einem der 17 Senioreneinrichtungen in NIedersachsen und Schleswig-Holstein vorbereitet. Das Überraschende daran: Es sind ausschließlich Männer. Shammout verzichtet auf Frauen, die nicht ausdrücklich erklären, ohne Kopftuch zu arbeiten. Es gebe Arbeitskleidung und Hygienevorschriften, ein Kopftuch sei Glaubenssache und habe nichts mit Arbeit zu tun. Auf Alleinstehende legt das Unternehmen wert, weil es bürokratische Verwicklungen um möglichen Familiennachzug vermeiden will. Wer kommt, verpflichtet sich für zwei Jahre. Wer früher geht, muss einen Teil der entstandenen Kosten zurückzahlen. Falls es etwas zu holen gibt, Shammout glaubt das eher nicht.

Der Mangel an Altenpflegern wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschärfen. Nach einer Schätzung aus dem Bundesgesundheitsministerium fehlen in Deutschland bereits 36.000 Pflegekräfte. Zwei Entwicklungen laufen dabei fatal gegeneinander. Immer mehr Menschen der geburtenstarken Jahrgänge werden in den kommenden Jahrzehnten auf Pflege angewiesen sein, während gleichzeitig der Pflegeberuf immer unattraktiver wird. Viele Auszubildende brechen ihre Ausbildung ab, weil sie die Arbeit als zu belastend empfinden. Dazu kommen Schichtdienste und Wochenendeinsätze, Erschwernisse, die es in anderen Berufen meist nicht gibt. Fallen Mitarbeiter aus, müssen ohnehin überlastete Kollegen einspringen. Und wo Unzufriedenheit groß ist, herrscht hohe Fluktuation.  Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind nach zehn Jahren nur noch 37 Prozent der Altenpfleger in ihrem Job tätig sind.

 2500 Euro plus Zuschäge für neue Pflegekräfte

Auch in den Dana-Seniorenheimen spüren sie diese Entwicklung. In den kommenden fünf Jahren gehen 150 der 1000 Mitarbeiter in Rente, zusätzlich zum üblichen Wechsel. Ersatz ist dringend nötig. Weil Shammoud keine Leiharbeiter einsetzen will, die wieder verschwinden, kaum dass sich Bewohner an ihre Gesichter gewöhnt haben, setzt er auf ausländische Mitarbeiter. Dass im ganzen Land 36.000 Altenpfleger fehlen, glaubt er im übrigen nicht: „Die Zahl liegt eher doppelt so hoch. Viele Unternehmer wie unseres melden der Arbeitsagentur keine freie Stellen, weil es sowieso keine qualifizierten Kräfte gibt.“ 

Yazid Shammout hat inzwischen den politischen Boden bereitet, damit die Jordanier ins Unternehmen kommen können. Es gebe positive Signale aus der Landesregierung, immerhin sind Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis nötig. Derzeit prüft das Lüneburger Landesamt für Soziales, Jugend und Familie, ob die Qualifikation der Jordanier deutschem Ausbildungsniveau entspricht. Bei Dana verdienen sie dann rund 2500 Euro brutto im Monat, dazu kommen Zuschläge. „Das ist nicht schlecht bezahlt.“ Er glaubt, dass selbst deutlich höhere Löhne den Altenpflegeberuf kaum attraktiver machen würde. Das wichtigste ist, sagt Geschäftsführer Shammoud, die Belastung der Mitarbeiter zu verringern.

„Berufsflucht wegen schlechter Arbeitsbedingungen“

Auch bei der Gewerkschaft verdi betrachtet man die Entwicklung in der Altenpflege mit Sorge. „Ein Großteil des Personalmangels wird durch Berufsflucht und Stundenreduzierung verursacht“, sagt Sekretär Thilo Jahn, Grund dafür seien schlechte Arbeitsbedingungen. Mit ausländischen Pflegekräften habe man kein Problem, deren Einsatz könne jedoch auf Dauer keine Lösung sein: „Das wird ja schon gemacht, hat uns bisher aber vor dem Mangel nicht geschützt.“

Die Gewerkschaft will verbindliche Personalvorgaben für Krankenhäuser und Altenheime erreichen und diese auch strikt kontrolliert wissen. Notwendig seien zudem verlässliche Dienstpläne und eine Art Ausfallmanagement, falls Mitarbeiter kurzfristig ausfallen. Pflege soll zudem besser entlohnt werden. verdi fordert „mindestes 3000 Euro für examinierte Kräfte“. 

Thilo Jahn sagt, dass die meisten privat betriebenen Häuser in der Altenpflege von tarifvertraglichen Regeln „weit entfernt“ seien. Der vereinbarte Kontrakt für die Diakonie Niedersachsen sehe etwa vor, dass eine examinierte Pflegekraft nach sechs Berufsjahren 2854 Euro für eine 38,5-Stunden-Woche erhalte. Dazu kommen 30 Tage Urlaub, Zuschläge für Sonntagsarbeit, 106 Euro Kinderzulage sowie jährlich sieben freie Tage zusätzlich vom 58. Lebensjahr an. gum

Von Gunnar Menkens