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Aus der Stadt Opfer der Trickbetrüger sind nachhaltig verängstigt
Hannover Aus der Stadt Opfer der Trickbetrüger sind nachhaltig verängstigt
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19:19 11.01.2018
Die Aussage vor dem Landgericht war für diese 83-jährige Rentnerin noch einmal eine weitere große Belastung. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

 Die Seniorinnen, die den falschen Polizisten auf den Leim gingen, sind doppelt gestraft. Sie haben viel Geld verloren – und ihr Leben ist seit der miesen Abzocke aus den Fugen geraten. „Ich habe Angst, dass die noch mal wiederkommen“, sagte eine 79-Jährige am Donnerstag vor dem Landgericht Hildesheim unter Tränen. Ebenso wie drei Leidensgenossinen war sie von der 9. Großen Strafkammer als Zeugin geladen worden, sollte berichten, mit welchen Tricks ihr eine Bande von Betrügern ihre Ersparnisse abgeschwatzt hatte. Auf der Anklagebank sitzen wegen gewerbsmäßigen Betrugs in sechs Fällen (Schadenssumme 57.430 Euro) zwei Brüder, die laut Staatsanwaltschaft als Boten arbeiteten: Zaradsht H. (35) und Rehat H. (28). Beide machten nicht den Eindruck, dass sie die Erzählungen der betagten Opfer sonderlich beeindruckten: Der eine kaute fortwährend Kaugummi, der andere konnte sich gelegentlich ein süffisantes Lächeln nicht verkneifen.

88-Jährige wurde zum Lockvogel

Eine 88-Jährige aus Stöcken konnte wegen einer Erkrankung nicht persönlich erscheinen, doch ihr Sohn stand der Kammer Rede und Antwort. Seine Mutter wurde im Juli 2017 von einem angeblichen Kripobeamten Schweizer und einem Staatsanwalt Rosenbaum angerufen: Es seien Einbrecher im Stadtteil unterwegs, darum müsse sie ihr Geld in Sicherheit bringen. Die Anrufer überredeten die Seniorin, zur Sparkassenfiliale in der Weizenfeldstraße zu gehen und ihre Ersparnisse in Höhe von 19.000 Euro abzuheben. Sie schärften ihr ein, dort nichts zum Verwendungszweck zu sagen: Es gebe Mitarbeiter der Bank, die mit den Einbrechern unter einer Decke stecken. Doch eine aufmerksame Angestellte verständigte aufgrund der hohen Abhebung die Polizei.

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Die Rentnerin erklärte sich bereit, als Lockvogel zu agieren, nahm eine Tüte mit Papiergeld mit in ihre Wohnung. Dort wurde sie von den Trickbetrügern der gleichen Prozedur unterzogen wie alle anderen Opfer auch: Sie durfte den Telefonhörer über lange Zeit nicht mehr auflegen (damit sie niemanden anrufen konnte), die falschen Ermittler malten die drohende Gefahr in düstersten Farben aus, die Seniorin musste die Seriennummern aller Geldscheine vorlesen (hier half ihr eine präparierte Liste der Polizei), und schließlich sollte sie das in Briefumschlag und Beutel verpackte Geld in ihren offenstehenden Briefkasten vor dem Haus legen. Auch wurde ihr eingeschärft, auf keinen Fall ans Fenster zu gehen, so der 57-jährige Sohn, weil sie Scharfschützen mit Zielfernrohr jederzeit erschießen könnten. „Doch irgendwann war die Frau mit ihrer Kraft am Ende“, schilderte ein Kriminalbeamter. Sie brach das Telefonat ab – und die Betrüger gaben ihr Unterfangen auf.

Ein Angeklagter legt Teilgeständnis ab

Beobachtet hatte ein Observationsteam allerdings Rehat H., der sich ständig in der Nähe des Stöckener Mehrfamilienhauses herumtrieb und per Handy telefonierte. Zwei Tage später dann wurden die Brüder bei einer Geldabholung in Gifhorn festgenommen. Vor dem Landgericht legte der 28-Jährige über seinen Anwalt Mario Venter ein Teilgeständnis ab und gab seine Beteiligung an den Taten in Stöcken und Gifhorn sowie an einer weiteren in Sarstedt zu: Dort hatten die Betrüger bei einer 83-Jährigen 9300 Euro eingesackt. Doch allzuviel wert ist dieses Geständnis nicht, bezog sich Rehat H. doch nur auf Vorgänge, bei denen die Beweislast erdrückend ist. 

Alle Frauen, die der Kammer unter Vorsitz von Rainer de Lippe ihre Erlebnisse schilderten, leiden bis heute unter Schlafstörungen, sind nachhaltig verängstigt und misstrauisch gegenüber jedem Fremden. Eine 79-Jährige aus Bad Münder händigte  den falschen Beamten 12.000 Euro aus, eine 90-Jährige aus dem gleichen Ort 11.800 Euro. Die eine mochte lange Zeit nicht aus dem Haus gehen, die andere erlitt wenige Tage nach der Tat einen Nervenzusammenbruch. Und neben der Scham, auf Trickbetrüger hereingefallen zu sein, treibt alle Opfer bis heute eine ganz massive Sorge um – dass die Täter sie noch einmal heimsuchen könnten.

Von Michael Zgoll