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Aus der Stadt Diese Grundschule braucht am dringendsten Hilfe 
Hannover Aus der Stadt Diese Grundschule braucht am dringendsten Hilfe 
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00:16 25.01.2018
Die Stadtverwaltung hat ein Ranking erstellt, um zu ermitteln, welche Schulen in Hannover besonders dringend kommunale Schulsozialarbeiter brauchen. Die Grundschule Stammestraße (siehe unser Bild) gehört zu den Schulen, die weit oben auf der Liste stehen.
Die Stadtverwaltung hat ein Ranking erstellt, um zu ermitteln, welche Schulen in Hannover besonders dringend kommunale Schulsozialarbeiter brauchen. Die Grundschule Stammestraße (siehe unser Bild) gehört zu den Schulen, die weit oben auf der Liste stehen. Quelle: HAZ
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Hannover

 Da war dieser Vater, der eine schulische Mitarbeiterin mit den Worten „Mit  Dir sprech ich gar nicht, Dich stech ich ab“ bedrohte. Da waren Kinder, die sich mit Tritten, Schlägen malträtierten. Selbst Lehrer waren Beschimpfungen, ja sogar verbalen Bedrohungen ausgesetzt. Eltern der Grundschule Mühlenberg, einer Brennpunktschule  in Hannover-Ricklingen, haben sich schon 2017 wegen eines „Klimas der Verrohung und Gewalt“ hilfesuchend an die Öffentlichkeit gewandt. 

Ein jetzt erstmals öffentlich präsentiertes Ranking der Stadtverwaltung unter allen 57 Grundschulen Hannovers zeigt deutlich, wie dringend die Schule Hilfe braucht. Mit 81,5 Prozent ist die Grundschule nicht nur Spitzenreiter bei Schülern mit Migrationshintergrund. Auch bei den Schülern, deren Eltern staatliche Hilfe zum Lebensunterhalt beziehen, liegt sie mit 70,5 Prozent mit großen Abstand vorne. Dazu kommt: Ein Viertel wird von Alleinerziehenden großgezogen. Eine Konsequenz – das belegt das Ranking der Stadtverwaltung jetzt auch mit harten Fakten – sind schlechte Schulnoten: Mit 41,7 Prozent wechseln fast die Hälfte aller Schüler der Grundschule Mühlenberg mit einem „unterdurchschnittlichen Notendurchschnitt“ in den Fächern Mathematik, Deutsch und Sachkunde auf eine weiterführende Schule. Ein „unterdurchschnittlicher“ Notendurchschnitt meint nach Angaben einer Sprecherin einen Schnitt von 3,3 und schlechter.

Die Verwaltung hat das Ranking beispielhaft erstellt: Sie will darstellen, nach welchen Kriterien sie künftig Schulen auswählt, die mit kommunaler Schulsozialarbeit gefördert werden. Durch den Einsatz eigener Schulsozialarbeiter will sie zusätzlich zu den vom Land finanzierten die Bildungschancen von benachteiligten Kindern erhöhen. Die zu Grunde gelegten Zahlen stammen aus dem Schuljahr 2015/2016. Das „Konzept für den Einsatz kommunaler Schulsozialarbeit“ wurde am Montag im Jugendhilfeausschuss einstimmig beschlossen. Als „extrem gut“ bezeichnete es der jugendpolitische Sprecher der FDP, Patrick Döring, dass die Stadt erstmals transparent mache, nach welchen Kriterien sie die Schulsozialarbeiter verteilt. Was bislang eine „gefühlte“ Brennpunktschule sei, werde jetzt mit Zahlen unterlegt, lobte Lars Pohl, CDU. Christopher Finck (SPD) betonte, dass künftig mehr Realschulen gefördert werden. Vom Land werden sie bislang nicht unterstützt. Maßgeblich für das Ranking der Grundschulen sind neben den Schulnoten der Abgänger der  Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund, die Zahl der Kinder von Alleinerziehenden und die, deren Eltern staatliche Leistungen beziehen.

Dass es nicht immer allein der hohe Ausländeranteil der Kinder an einer Schule ist, der die schlechten Schulnoten der Abgänger einer Grundschule bedingt, zeigt das Ranking auch deutlich. Trauriger Spitzenreiter in diesem Punkt ist eine weitere Brennpunktschule, die sich im vergangenen Jahr hilfesuchend an die Öffentlichkeit gewandt hat: die Grundschule Hägewiesen. Die Lehrer dort sind einer Vielzahl von Schwierigkeiten ausgesetzt. Nicht genug damit, dass es Klassen gibt, in denen gerade einmal ein oder zwei Kinder keinen Migrationshintergrund haben. Kinder sollen hier Mathe, Deutsch oder Sachkunde lernen, die aus Verhältnissen stammen, die typisch für soziale Brennpunkte sind. Die Suchtkrankheiten ihrer Eltern – seien es Drogen oder Alkohol – prägen ihr Leben. Manche müssen überdies mit älteren Geschwistern in einem Zimmer leben, die bis spät in die Nacht hinein Computer spielen oder Fernsehen gucken. Die Folge: Die Jüngeren leiden unter chronischem Schlafmangel und können dem Unterricht tagsüber kaum folgen.

Das Ranking der Stadtverwaltung zeigt, dass der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund an der Grundschule Hägewiesen mit 73,5 Prozent niedriger liegt als an der Grundschule Mühlenberg. Der Anteil an Kindern, deren Eltern staatliche Leistungen zum Lebensunterhalt beziehen, liegt mit 50,5 Prozent sogar um 20 Prozentpunkte niedriger. Dennoch verlassen an der Grundschule Hägewiesen die meisten Abgänger die Grundschule mit einem Zeugnis mit einem Notendurchschnitt von 3,3 oder weniger in Mathe, Deutsch und Sachkunde. 46,2 Prozent der Schulabgänger haben dort in diesen Fächern unterdurchschnittliche Noten. Die Grundschule Hägewiesen ist in diesem Punkt trauriger Spitzenreiter Hannovers.

Das Ranking der Verwaltung zeigt auch, wie weit Grundschulen in brennpunkten oft  von normalen Grundschulen entfernt sind. Der Mittelwert an Grundschulen für unterdurchschnittliche Schulabgänger liegt in Hannover bei 18,8 Prozent. Weitere Grundschulen mit einem Hohen Anteil an Schulabgängern mit schlechten Noten sind die Grundschule An der Uhlandstraße (38,2 Prozent), die Fichteschule (36,1 Prozent) oder die Grundschule Glücksburger Weg (35,6 Prozent). Besonders wenig schlechte Schulabgänger haben die Comenius-Grundschule (2,7 Prozent) und die Grundschule Tiefenriede (3,1 Prozent). Unübertrefflich ist in diesem Punkt die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Grundschule: Sie erreicht nach Angaben der Stadt bei den unterdurchschnittlichen Schülern den erstaunlichen Wert von 0,0 Prozent. 

Die vollständige Liste zum Herunterladen (PDF)

Von Jutta Rinas