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Aus der Stadt Trinkraum am Raschplatz: Viele Obdachlose kommen aus Osteuropa
Hannover Aus der Stadt Trinkraum am Raschplatz: Viele Obdachlose kommen aus Osteuropa
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00:18 20.09.2018
An sonnigen Herbsttagen gibt es im „Kompass“ freie Plätze. In den kalten Wintermonaten ist es dort brechend voll.
An sonnigen Herbsttagen gibt es im „Kompass“ freie Plätze. In den kalten Wintermonaten ist es dort brechend voll. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Braucht die Stadt Hannover ein neues Handlungskonzept für den Umgang mit Armutszuwanderern aus Osteuropa? Eines, das über die bloße Notversorgung hinausgeht und Perspektiven aufzeigt, die womöglich sogar aus der Obdachlosigkeit zurück in ein normales Leben führen? Der erste Evaluationsbericht des Diakonischen Werkes über den Trinkraum „Kompass“ am Raschplatz jedenfalls zeigt: Zahlenmäßig stellten die Armutszuwanderer zwischen Oktober 2017 und April 2018 mit etwa 80 Prozent die mit Abstand die größte Gruppe unter den Besuchern. Dazu kommt: Die Gruppe der Armutszuwanderer aus Osteuropa ist auch unter den Obdachlosen in den hannoverschen Notunterkünften besonders groß. Immerhin 36 Prozent stammen nach Angaben der Verwaltung mittlerweile aus Rumänien. Nur die Zahl der deutschen Obdachlosen ist mit 40 Prozent etwas höher. Im „Kompass“ machen neben Rumänen und Bulgaren auch wohnungslose Polen einen Teil der Besucher aus. Ingesamt wächst ihre Zahl seit Jahren stetig.

„Mir war vor dem Bericht gar nicht klar, dass die Zahl der obdachlosen Osteuropäer derart hoch ist“, sagt Julian Klippert von der Fraktion „Die Fraktion“: „Sie muss unbedingt runter – und weil das EU-Recht dafür wenig Anknüpfungspunkte bietet, brauchen wir ein städtisches Konzept.“ Mit dem Evaluationsbericht der Diakonie legte die Stadt am Montag im Sozialausschuss erstmals konkrete Zahlen zur Situation im Trinkraum „Kompass“ vor. Die Evaluation ist Grundlage für die Empfehlung der Verwaltung, den „Kompass“ zunächst befristet bis Ende 2020 weiter zu betreiben. Abgestimmt wurde im Sozialhilfeausschuss nicht, die Linke zog die Drucksache in die Fraktion.

Im „Kompass“ machen neben Rumänen und Bulgaren auch wohnungslose Polen einen Teil der Besucher aus. Quelle: HAZ

 Klippert geht sie zudem nicht weit genug. Der Bericht belege, dass die obdachlosen Osteuropäer in Hannover durch alle Maschen fielen. Weil sie in der Regel weder Sozialhilfeansprüche noch eine Krankenversicherung hätten, sei weder Vermittlungen in Existenzsicherungsangebote und noch Auseinandersetzungen mit Suchtproblemen möglich, heißt es in dem Evaluierungsbericht. Sprachprobleme und ein „oft hoher Alkoholisierungsgrad“ machten es zudem schwer, Perspektiven aufzuzeigen. Viele lebten „seit fünf Jahren und länger in menschenunwürdigen Lebensumständen auf der Straße“. Der „Kompass diene oft „nur als Aufenthaltsraum“, die „Verelendung“ verändere er nicht. „Das kann auf Dauer nicht die Lösung sein“, sagt Klippert. „Die Fraktion“ fordert ein Handlungskonzept – und zudem eine größere Immobilie für den „Kompass“ in der Nähe der Innenstadt.

Denn der Evaluationsbericht zeigt auch: Der Bedarf eines Trinkraums am Raschplatz ist viel größer als anfangs gedacht. Obwohl die Stadt die Platzkapazitäten bereits kurz nach der Eröffnung im Oktober 2017 von 25 auf 50 Plätze erhöhte, war die Einrichtung besonders in den Wintermonaten restlos überfüllt. Der Statistik der Diakonie zufolge hielten sich an manchen Tagen dort bis zu 74 Personen auf. Der „Kompass“ musste wegen Überfüllung immer wieder zeitweise geschlossen werden. Die Diakonie schlägt deshalb künftig nicht mehr durchgängige Öffnungszeiten von 11 bis 19 Uhr, sondern eine Schließzeit zwischen 14 und 16 Uhr vor. Die Zahl der ausartenden Konflikte sei zudem so hoch gewesen, dass ein Sicherheitsdienst mit ins Boot geholt wurde, heißt es in dem Bericht. Seitdem habe sich die Lage „deutlich entspannt“. Die Stadt hatte den „Kompass“ eingerichtet, um die Situation um die Trinkerszene hinter dem Bahnhof zu entspannen. Das ist offenbar gelungen. Das Projekt habe „einen positiven Effekt auf die Situation im Bahnhofsumfeld“, heißt es. Sozialarbeiter, private Sicherheitsdienste und der städtische Ordnungsdienst könnten Obdachlose an dem „Kompass“ verweisen und damit bestimmte Szenegruppen „gezielt auflockern“.

Von Jutta Rinas