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Aus der Stadt Hannover gibt jüdischer Familie Gemälde zurück
Hannover Aus der Stadt Hannover gibt jüdischer Familie Gemälde zurück
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04:15 30.06.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Von links: Isabella Reynolds, Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok , James Reynolds und Vernon Reynolds bei der Übergabe im Neuen Rathaus. Quelle: dpa
Hannover

Von einem „bedeutenden Ereignis“ spricht Oberbürgermeister Stefan Schostok, einem Akt, mit dem Hannover „ein Zeichen setzen“ wolle. Vernon Reynolds lobt, die Stadt habe die Chance genutzt, ein Beispiel zu geben, wie man mit der Last der Vergangenheit umgehen kann – und er beginnt seine Rede  mit dem kategorischen Satz: „Gerechtigkeit ist geschehen.“

Feierton beherrscht nicht von ungefähr diesen Empfang in der Ratsstube des Neuen Rathauses. Denn geschehen ist dort Dienstag die Übergabe eines Kunstwerks aus städtischem Besitz in den Besitz der Familie Reynolds. Dieses Aquarell hat höchstwahrscheinlich einmal dem Großvater von Vernon Reynolds gehört: dem hannoverschen Unternehmer Max Rüdenberg. Hannover folgt mit der Restitution einer Empfehlung der Limbach-Kommission, die Anfang des Jahres „starke und belastbare“ Indizien dafür erblickt hatte, dass das Werk den Rüdenbergs verfolgungsbedingt entzogen worden ist.

Um dieses Werk geht es: das Aquarell "Marschlandschaft mit rotem Windrad (Das Windrad)" (1922) des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff.

Es handelt sich um das expressionistische Bild „Marschlandschaft mit rotem Windrad“, das Karl Schmidt-Rottluff 1922 geschaffen hat. Bernhard Sprengel hat es 1939 gekauft, es gehörte bislang zu der Sammlung, die das Ehepaar Margrit und Bernhard Sprengel 1969 der Stadt Hannover geschenkt hat. Rüdenberg war Kunstsammler und bis 1933 einer der Honoratioren Hannovers. Und er war Jude und wurde ins KZ Theresienstadt verschleppt, wo er, ebenso wie seine mit ihm deportierte Frau Margarethe, 1942 umgekommen ist.

„Ein Signal an andere“

Da war er fast 80 Jahre, und 80 Jahre ist inzwischen auch sein Enkel Vernon Reynolds, der Dienstag in die einstige Stadt seiner Großeltern gekommen ist, um zusammen mit seiner Enkelin Isabella und seinem Sohn James das Gemälde in Empfang zu nehmen. „Das ist ein Signal dafür, dass Raubkunstforschung zu einem positiven Ergebnis führen kann“, sagt James Reynolds bei dem Empfang und fügt mit Blick auf die lange Dauer solcher Forschung und auf andere Fälle von Raubkunstverdacht hinzu: „Was sich heute hier ereignet hat, ist eine großartige Sache – und darin liegt auch ein Signal an andere Museen und Kunstinstitutionen, die mit solcher Forschung konfrontiert sind.“

Viel Zeit ist indes auch seit den ersten Hinweisen auf das Eigentum der Rüdenbergs an der „Marschlandschaft“ verstrichen. Schon vor 2007 hat die Kunsthistorikerin Vanessa Voigt den Rüdenberg-Enkel über Hinweise auf das Eigentum seines Großvaters an dem Bild informiert; ihre Doktorarbeit zeigt das Schmidt-Rottluff-Bild auf dem Titel.

Haben nur spätere Erkenntnisse dazu geführt, dass das Werk erst jetzt restituiert wurde? Vernon Reynolds hebt versöhnlich hervor, es habe seit 2007 „fast jeden Monat“ neue Erkenntnisse gegeben. Der wichtigste Hinweis sei aber jene Notiz geblieben, die Vanessa Voigt schon vor mehr als zehn Jahren aufgefallen war: „Erworben bei Pfeiffer, Hannover, 1939, Vorbesitzer: unbekannt“, lautet der Inventareintrag zu dem Bild in der Sammlung Sprengel, dessen Brisanz in einer handschriftlichen Streichung des letzten Wortes besteht – und der Ergänzung: „Max Rüdenberg, Hannover“. Unbestritten ist, dass es sich dabei um die Handschrift von Margrit Sprengel handelt.

Was wird jetzt aus dem Bild?

Und was geschieht jetzt mit dem Aquarell? Wird es Deutschland verlassen? Wird es andernorts noch zu sehen sein? „Das steht noch nicht fest“, antwortet Vernon Reynolds in der Ratsstube auf Fragen von Journalisten. „Darüber muss ich gemeinsam mit meiner Schwester, meinem Bruder und einem Cousin entscheiden.“

Berührende Begegnungen

Jenseits offizieller Verlautbarungen kommt es bei dieser Kunstrückgabe auch zu berührenden Begegnungen: Da drückt die Sprengel-Tochter Angela Kriesel dem Rüdenberg-Enkel die Hand – zwei Menschen, denen die „Marschlandschaft“ viel bedeutet. „Ich habe eine besondere Beziehung zu dem Bild, denn es hing früher im Ferienhaus meiner Eltern auf der Insel Reichenau“, hat Kriesel zuvor erzählt und hinzugefügt: „Ich verstehe mich hier als Stellvertreterin meiner Eltern, die ebenso selbstverständlich den Kontakt zu den Reynolds gesucht hätten.“ Und Vernon Reynolds, der 1939 im Alter von drei Jahren mit den Kindertransporten nach England gelangte und die Großeltern nur aus den Erzählungen seiner älteren Schwester kennt, sagt: „Dieses Bild bringt mir meine Großeltern auf neuer Ebene nahe.“

Auch solche Bekenntnisse gehören zum Happy End dieser Geschichte verfolgungsbedingten Entzugs, einem Happy End freilich, das es vielleicht schon deutlich früher hätte geben können.

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