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Aus der Stadt Wie fahrradfreundlich ist Hannover wirklich?
Hannover Aus der Stadt Wie fahrradfreundlich ist Hannover wirklich?
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00:21 30.04.2015
Von Jörn Kießler
Fahrradkurier André fährt über die Fahrradwege Hannovers. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Wer André Jassens bei der Arbeit zusieht, darf sich durchaus an ein Computerspiel erinnern, so etwas wie Mario Kart vielleicht. Immer wieder schlängelt sich der 31-Jährige mit seinem Fahrrad zwischen Passanten hindurch, weicht Autos aus, die plötzlich aus einer Ausfahrt hervorschießen, umkurvt Transporter, die ohne Vorankündigung mitten auf der Straße stehen bleiben. Radfahrer sind viele in Hannover, Jassens aber ist sowas wie ein Profi unter den Radfahrern - er ist Fahrradkurier. Manch einer hält Flitzer wie ihn Leute für Verkehrsrüpel, weil sie versuchen, auf schnellstem Weg von AS nach B zu kommen - und dabei immer wieder auch unkonventionell fahren. Vor allem aber kennt Jassens wohl jeden Quadratmeter Fahrradstrecke der Stadt. Sein Urteil? Es fällt keineswegs so positiv aus wie das Selbstbild der Stadtverwaltung über die Fahrradtauglichkeit der Stadt.

Täglich sind Jassens und seine Kollegen mit dem Rad in Hannover und gelegentlich dem Umland unterwegs. „Dabei merken wir immer wieder, dass die Stadt zwar als fahrradfreundlich gelten will, aber nur oberflächlich nachbessert“, sagt der Kurier. Keine zwei Wochen ist es her, da hat die Stadtverwaltung den City-Radring angekündigt, mit dem Innenstadtradler noch besser in Tritt kommen sollen. „Wir haben den Eindruck, das ist meistens nur Gerede“, sagt auch Jassens Kollege Philipp Möhler. Der 27-Jährige arbeitet seit Januar bei dem Fahrradkurierdienst Tretwerk in der Calenberger Neustadt.

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Unterwegs in Hannover - mit Fahrradkurier Andre.

Für ihre Einschätzungen haben die Fahrradboten konkrete Beispiele. „Vor einiger Zeit wurde der ganze Rad- und Gehweg vor unserem Büro an der Königsworther Straße aufgerissen“, erzählt Jassens. Anschließend habe die Stadt dort neue, rote Steine eingelassen, um Fußgänger- und Radfahrerbereich optisch klar voneinander zu trennen. „Schick sieht das aus, aber in Sachen Erkennbarkeit hat das keine Verbesserung gegeben“, sagt Möhler. „Und das Geld, das dafür ausgegeben wurde, hätte die Stadt besser in eine vernünftige Beschilderung der Radwege stecken können“, findet Jassens. Immer wieder komme es zu brenzligen Situationen im Verkehr, weil Autofahrer nicht genau erkennen könnten, wo ein Radweg verläuft und wo die Zweiradfahrer Vorfahrt haben.

Ohnehin passen die Maßnahmen von Stadt und Polizei nach Meinung der Fahrradkuriere nicht zu dem Image, das Hannover gerne hätte. „Viele Bekannte von mir lassen an schönen Tagen das Rad stehen, weil die Polizei an zentralen Stellen immer wieder unangekündigt Kontrollen durchführt und Radlern dann Strafen aufbrummt, weil sie keinen Reflektor am Rad haben oder das Licht nicht funktioniert“, sagt Jassens. Gleichzeitig werde ein anderer Faktor, der immer wieder zu Unfällen zwischen Autos und Fahrradfahrern führe, nicht unter die Lupe genommen. „Ganz viele Autofahrer biegen ohne jede Rücksicht ab und bringen damit vor allem Radler in Gefahr“, sagt Jassens: „Dass solche Autofahrer kontrolliert werden, erlebe ich nur sehr selten.“ Andere Kontrollaktionen, die sich gegen Autofahrer richteten, wie der Blitzermarathon, würden schon Tage zuvor angekündigt - sogar mit Nennung der Messstellen.

Abwechslungsreich ist der Job der Kuriere durchaus. Mal gleiten sie über makellos geteerte Radwege, dann rattern sie über Kopfsteinpflaster oder müssen tiefen Schlaglöchern und Baustellen mitten auf der Straße ausweichen. Baustellen - das ist für die Berufsradfahrer ein Sonderthema. „Derzeit wird zum Beispiel an der am Goethekreisel gebaut“, sagt Jassens. Die Baustelle sei so angelegt, dass alle Autofahrer sie bequem umfahren können. Wie die Radler an dem riesigen Loch, das mitten im Radweg klafft, vorbeikommen sollen, bleibt hingegen ihnen selbst überlassen. Rechts müssten sie mit dem Rad auf einen hohen Bordstein fahren. Wenn sie nach links auf die Straße ausweichen, sind kritische Situationen mit herannahenden Autofahrern programmiert. „Dort wäre es gut, wenn temporär ein Radweg aufgezeichnet würde“, sagt Jassens.

Dass die Verkehrsplaner das durchaus könnten, haben sie nach Meinung der Radkuriere an mehreren Stellen bewiesen. Eine davon ist die Ampel in der Radstraße Lange Laube. „Unter der Woche klappt das super“, sagt Jassens. „Man rollt mit dem Rad auf die Ampel zu, löst einen Impuls aus, und schon springt die Ampel auf Grün.“ Solche lebensnahen Umbauten würden er und seine Kollegen sich häufiger wünschen - statt Prestigeprojekte wie den City-Radring. „Davon, dass ein paar Punkte auf die Straße gemalt werden, verbessert sich die Lage für uns Radler nicht“, sagt der 31-jährige Jassens. Wenn die Stadt schon Radwege einzeichnen wolle, dann solle sie das nach Kopenhagener Vorbild ganz deutlich in grellen Farben und zum Beispiel in der Fußgängerzone zwischen Steintor und Kröpcke machen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass es dort dann keinerlei Probleme zwischen Radlern und Fußgängern geben würde“, sagt Jassens - „auch nach 11 Uhr morgens nicht.“

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