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Aus der Stadt Pfand und Würde
Hannover Aus der Stadt Pfand und Würde
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21:08 22.06.2014
Von Gunnar Menkens
Nutzloser Centwert für die einen, Lebensgrundlage für die anderen: Pfandflaschen auf der Limmerstraße.
Nutzloser Centwert für die einen, Lebensgrundlage für die anderen: Pfandflaschen auf der Limmerstraße. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Wenn die Dinge so laufen, wie es sich Rainer-Jörg Grube wünscht, dann geht von Linden bald eine Debatte los, die ganz Hannover beschäftigt. Grube ist Bezirksbürgermeister im Stadtteil, dort Mitglied der Grünen, und als solches stimmte er jetzt einem sehr umstrittenen Antrag zu. Die Stadt Hannover soll einen Weg finden, Pfandsammelkisten am Straßenrand auf Dauer zu genehmigen. Oder, wie es im Antrag heißt: „die öffentlichen Sammelkisten für Mehrwegflaschen, die in Linden aufgehängt wurden, zu legalisieren“. Kisten, die dann aber werbefrei sein sollen, ohne Schriftzug von Getränkeherstellern. Im Bezirksrat fand diese Haltung eine große Mehrheit mit Grünen, CDU und Linken. Die Gegner sind mächtig: die SPD und das Zentralrathaus.

Die Idee ist: Passanten stellen Pfandflaschen in Kisten, Sammler nehmen sie einfach heraus. Es geht darum, Menschen, die mit Centbeträgen ihr karges Einkommen aufbessern müssen, die Arbeit zu erleichtern. Sie müssen nicht  im Müll nach Leergut fischen, gleichzeitig sorgen sie dafür, dass Flaschen von Straßen und Plätzen verschwinden. Bürgermeister Grube sagt: „Man muss Bedürftigen jede Hilfe geben, die man leisten kann. Was soll man da diskutieren?“

Dass die Debatte in Linden begann, liegt an der speziellen Situation im Stadtteil. Hier leben etliche Männer und Frauen vom zusätzlichen Pfandgeld, acht bis 25 Cent pro Flasche. Beim sogenannten „Limmern“ – dem Partytreiben auf der Limmerstraße bis in den späten Abend – fallen an vielen Abenden etliche Hunderte Flaschen an, viele Bürger stellen die leeren Behältnisse bewusst neben Abfallbehälter am Straßenrand und Fußgängerzone. Grube berichtet zudem von Supermärkten, die Lebensmittelreste nicht mehr wie früher Bedürftigen überlassen, was deren prekäre Lage noch verschärfe.

Schon Ende April hatten hannoversche Helfer des Limonadenherstellers Lemonaid in Linden 20 Kisten an zentralen Stellen montiert, versehen mit dem Schriftzug des Unternehmens, etwa in der Limmerstraße und am Lindener Markt. Das Unternehmen unterstützte damit die 2011 in Hamburg gegründete private Aktion „Pfand gehört daneben“. Drei Wochen später mussten die hannoverschen Helfer alle Behälter abbauen: Die Aktion war nicht genehmigt,
Lemonaid hatte bei der Stadt Hannover nicht um Erlaubnis gebeten. Das Tiefbauamt hätte sie ohnehin nicht erteilt. Bedenken bestehen überwiegend aus Sicherheitsgründen. Argumente, die auch bei der neuen Prüfung eine Rolle spielen, wie eine Stellungnahme zeigt. 

Der Sozialdemokrat Jürgen Mineur verspottete jetzt im Bezirksrat den Antrag der politischen Konkurrenten. „Die neue Waffe der Grünen gegen die Armut – die Sammelkiste für Mehrwegflaschen“, trug Mineur vor. Es mache Müllsammeln nicht würdevoller, wenn man diesen „gönnerhaft überlassenen Wohlstandsmüll“ aus einer Kiste hole. Mineur, auch Mitglied im Rat, will Armut von Grund auf bekämpfen, er nannte angemessene Renten und Mindestlöhne. Dagegen hat auch Grube nichts. Mineurs Beitrag hielt er aber für eine „Schaufensterrede wie im Wahlkampf“.

Andere Städte erproben inzwischen Erleichterungen für Pfandsammler, etwa Bamberg, Köln oder Hameln, vor allem aber mit den neuartigen Pfandringen statt den Lemonaid-Pfandkisten. Hamburg ist den gegenteiligen Weg gegangen: Dort hat man jüngst Müllcontainer eingeführt, in denen Müll hinter einer Klappe verschwindet. Flaschensammeln wird unmöglich, das Pfand bleibt ungreifbar. Der Rat in Hannover hatte Pfandringe vor zwei Jahren bereits abgelehnt, nur die Linken stimmten für ihren eigenen Antrag. 

Die Debatte über Pfandkisten hat mittlerweile auch den übergeordneten Rat erreicht. Die CDU hat die Stadt um Prüfung gebeten, unter welchen Bedingungen Pfandkisten wie in Linden denkbar wären, und um Berichte aus anderen Kommunen gebeten. „Was hat es mit der Würde des Menschen zu tun, in Papierkörben wühlen zu müssen?“, fragt Fraktionschef Jens Seidel. Die Pfandkisten in Linden hätten gezeigt, dass die Leute sie nutzen würden und es sauberer geworden sei. Ratsherr Michael Dette von den Grünen hat sich, wie seine Fraktion, noch keine abschließende Meinung gebildet, die Parteifreunde in Linden sind da weiter. So viel weiß Dette: „Pfandkisten dürfen kein Ersatz für Sozialpolitik sein. Und auf keinen Fall eine Marketingmaßnahme für Getränkemarken.“ Unklar ist, ob Jürgen Mineurs entschiedene Ablehnung für die Position der SPD-Ratsfraktion steht.

In Linden sieht man gelegentlich eine neue Form der Flaschenspende. Sie stehen in Pappkartons von Einkaufsmärkten, die irgendjemand neben Abfallbehälter gestellt hat. Ohne Genehmigung, einfach so. Ob dieses improvisierte Modell geplant ist oder nur ein Zufall war? Organisiert ist dagegen eine weitere Methode, Pfand nicht im Müll zu verschwenden. Auf der Internetseite pfandgeben.de finden Bürger Handynummern von Sammlern, die Flaschen zu Hause abholen.

Warum Hannover keine Pfandkisten will

In einer Stellungnahme fasste die Stadtverwaltung jetzt zusammen, warum sie die Montage von Pfandkisten im Straßenraum ablehnt: „Die Idee, die hinter den aufgehängten Pfandkästen steckt, nämlich das Wühlen in Mülleimern zu verhindern, ist grundsätzlich lobenswert. Deshalb scheint die Aktion auf den ersten Blick sinnvoll zu sein. Bei genauem Hinsehen stellt sich die Situation allerdings als problematisch dar. Es gibt mehrere Gründe, weshalb ein solches offenes Sammelsystem von Pfandflaschen im öffentlichen Verkehrsraum nicht möglich ist, insbesondere:

■ Gefährdung durch in den Verkehrsraum hineinragende Gegenstände;
■ nicht zu unterschätzende Verletzungs- und Unfallgefahren durch Glasflaschen, die herunterfallen und zersplittern, beziehungsweise Glasflaschen, die möglicherweise zerbrochen in den Haltesystemen stecken;
 ■ Einladung zum Vandalismus – Flaschen werden heruntergetreten, abgeschlagen und durch die Gegend geworfen;
 ■ Verunreinigungen um diese Sammelsysteme (Abfallbehälter) herum können zunehmen (auch Fehlbefüllungen durch Abfall).

Was andere Städte machen

Auch in anderen Städten sind die von Lemonaid initiierten Pfandkisten teilweise heftig umstritten. Allerdings setzen sich als Alternative jetzt sogenannte Pfandringe durch, die von einem Kölner Designer entwickelt wurden.

Bamberg: Die bayerische Kommune hat als erste deutsche Stadt an öffentlichen Abfalleimern Pfandringe montiert. Die Grün-Alternative Liste hatte das Projekt angeregt, es ist dort auf zunächst ein Jahr befristet. An zwei viel genutzten Plätzen im Bamberger Stadtgebiet werden die Ringe ausprobiert. Zuvor hatte es dort Versuche mit Pfandkisten von Lemonaid gegeben, die sich aber als zu wackelig erwiesen.

Hameln: An ausgewählten Stellen der Innenstadt sollen städtische Mülleimer für eine einjährige Testphase mit Pfandringen ausgestattet werden. Insbesondere soll das an Parkhäusern und am Weserufer geschehen. Das Pilotprojekt geht auf einen Vorschlag der Fraktion Piraten/Linke zurück, die Ratsgremien haben das im Frühjahr beschlossen.

Köln: Dort sind bereits zehn Pfandringe montiert.

Bremen: In Bremen ringt man noch mit sich, Pfandringe und Pfandkisten sind gleichermaßen nicht willkommen.

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