Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Hannover trauert um Robert Enke
Hannover Aus der Stadt Hannover trauert um Robert Enke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:13 11.11.2009
Trauernde Fans von Nationaltorwart Robert Enke stellen Kerzen vor die Geschäftsstelle des Bundesligisten Hannover 96 auf. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige

Der Abend, an dem Robert Enke stirbt, ist nasskalt in Hannover. Vor dem Hauptbahnhof bringen sie mit schwerem Gerät schon den Weihnachtsschmuck an, der Regen fällt leise auf den Asphalt, die Taxifahrer haben die Scheiben hochgefahren. Die Nachrichtenversorgung im Bahnhof selbst ist spärlich, hier hat kaum jemand Internetzugang, die wenigsten sind an einem Fernseher vorbeigekommen, auf dem ein Textband mit der Nachricht laufen würde. Also erzählt man sie sich auf dem Bahnsteig. Die, die zu Hause waren, Radio gehört, ferngesehen haben denen, die im Zug nach Hannover saßen. „Das gibt’s nicht“, sagt ein Mann in mittleren Jahren, lässt seinen Koffer die paar Zentimeter auf den Bahnsteig fallen und schlägt die Hände vor den Mund. „Warum?“

In den Fußballkneipen der Stadt ist man ebenfalls fassungslos. In Ottos Sportspub am Altenbekener Damm stehen ein paar Volleyballer von der GfL Hannover beim Bier zusammen. Beim Training haben sie es erfahren, irgendeiner hat einen Anruf bekommen. Es müsse, sagt einer, eine Krankheit dahinterstecken, anders sei es kaum vorstellbar. „Sie haben doch gerade ein Kind adoptiert“, sagt Wirt Markus Meuenfeld. „Dann mach’ ich doch sowas nicht.“

Anzeige

Überhaupt spielt der Fußballer Enke kaum eine Rolle, wenn sich die Hannoveraner Gedanken über den Tod des 32-Jährigen machen. Am Abend seines Todes rückt, wie schon so manches Mal in der Karriere des Torhüters, der Mensch Enke in den Vordergrund. Der Mensch, der eine kleine Tochter an eine heimtückische Herzkrankheit verloren hat. Der vor Monaten ein Kind adoptiert, einen „zweiten Familienversuch gestartet“ hat, wie sie in Ottos Sportspub sagen. Und der offenbar erst seit Kurzem von einer Krankheit genesen war, die der Öffentlichkeit rätselhaft geblieben ist. „Er muss etwas darüber erfahren haben, was ihn nicht mehr am Leben hat festhalten lassen“, sagt Ewa Hildebrandt, die in der Innenstadtkneipe Klickmühle hinter dem Tresen steht.

Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben. Spontan stellten trauernde Fans Kerzen auf.

Die, die sich all die Fragen nicht alleine stellen wollen, sind zum Stadion gefahren. Nahe der Geschäftsstelle vorm Nordeingang, dort, wo alle zwei Wochen die eingefleischten Fans von Hannover 96 die Stadiontore passieren, hat sich um kurz nach 21 Uhr eine Handvoll Fans versammelt. Eine Stunde später sind es ein paar Hundert. Kerzen flackern im Nieselregen, der hörbar auf den Asphalt und die Blätter der Bäume fällt. Kurz vorher noch hat laute Musik vom Schützenplatz herübergeweht, die Stille zerrissen. Jetzt aber ist es völlig ruhig.

Mancher hat ein bisschen Trost übrig. Viele liegen sich in den Armen, lassen ihren Tränen freien Lauf. „Ich habe nur Fragezeichen im Kopf“, sagt ein Fan. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Der Fanbeauftragte von 96 und ein Mitarbeiter der Pressestelle haben ein Kondolenzbuch ausgelegt, man bastelt sogar an einem Baldachin, damit die Seiten nicht nass werden. Nebenan rollen die Autos der Spieler nach und nach vor die Arena. Die Fragen werden ähnliche sein, vor dem Stadion und auch darin, an diesem Abend im November.

Video:Fans Gedenken Robert Enke an der AWD-Arena

Auch in Neustadt-Eilvese, wo Robert Enke an diesem Abend gegen 18.25 Uhr von einem Zug erfasst worden war, versammeln sich im Laufe der Nacht immer mehr Menschen. Direkt am Bahnhof legen sie Schals nieder. Eine 52-jährige Hannoveranerin saß in dem Zug, vor den sich Robert Enke geworfen hat. Sie war auf Dienstreise, von Oldenburg zurück nach Hannover. „Es gab eine „starke Bremsung – aber man hat keinen Aufprall gemerkt“, berichtet sie. Und danach kam die Durchsage: „Personenunfall, der Zug fährt auf unbestimmte Zeit nicht weiter“. Aus der zunächst angekündigten halben Stunde Verzögerung wurden schließlich knapp zwei Stunden. Die 52-Jährige erfuhr erst daheim, was wirklich geschehen war. „Es ist einfach schrecklich“ sagt sie.

von Felix Harbart 
und Christian Purbs